Claudio Pizarro hat in seiner Karriere zahlreiche Trikots getragen, aber sein Lächeln ist auch 20 Jahre nach seinem Debüt noch unverwechselbar - DFL Deutsche Fußball Liga
Claudio Pizarro hat in seiner Karriere zahlreiche Trikots getragen, aber sein Lächeln ist auch 20 Jahre nach seinem Debüt noch unverwechselbar - DFL Deutsche Fußball Liga
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Die Claudio-Pizarro-Story: Durch ein Loch im Zaun zur Werder-Legende und Titelhamster mit dem FC Bayern

Köln - Eigentlich sprach am dritten Spieltag der Bundesliga-Saison 1999/00 wenig dafür, dass er in der Nachbetrachtung einer für die Geschichtsbücher werden würde. Der FC Bayern München mühte sich zu einem 1:0-Heimsieg gegen die SpVgg Unterhaching, Borussia Dortmund nahm dank eines Tores von Fredi Bobic alle drei Punkte aus Ulm mit und Hertha BSC kam gegen Werder Bremen zu einem ziemlich unspektakulären 1:1.

Rückblickend bildet die Partie in der Hauptstadt aber den Beginn einer einzigartigen Geschichte, denn Claudio Pizarro betrat an jenem 28. August 1999 erstmals die Bundesliga-Bühne. Da passt es perfekt ins Bild, dass der Peruaner sich nun ausgerechnet im Olympiastadion endgültig unsterblich machte.

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Bremer Zaungast von Pizarros Qualitäten begeistert

Schon die Vorgeschichte, wie Pizarro letztlich in Bremen landete, ist ähnlich unterhaltsam wie ein Fußballspiel mit dem Peruaner. In der heutigen Zeit ist es fast unvorstellbar, aber Pizarro wurde von Bremen eher aus Zufall entdeckt. Und auch ein bisschen aus Langeweile. Jürgen L. Born übernahm zum 1. Juli 1999 den Vorsitz der Geschäftsführung bei Werder Bremen, trat seinen Dienst aber später an, weil er im Auftrag der Deutschen Entwicklungsgesellschaft noch in Peru weilte. In seinem Hotelzimmer erinnerte sich Born an ein Spiel der peruanischen Nationalmannschaft, das er im Fernsehen gesehen hatte. Ein junger Stürmer war ihm dabei ins Auge gestochen und den wollte er sich nun mal persönlich anschauen.

Allerdings trainierte Allianza Lima an diesem Tag unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Bremer Funktionär fand aber ein Loch im Zaun, zwängte sich hindurch und beobachtete das Geschehen versteckt hinter einer Säule. "Lange brauchte ich aber nicht zu gucken, denn dieser geschmeidige Bewegungsablauf, die Schnelligkeit und die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor waren sofort erkennbar. Ich war mir sicher: Das ist einer für Werder", erinnert sich Born.

Gemeinsam mit Bremens damaligem Sportdirektor Klaus Allofs flog Born später noch einmal nach Lima. Die Bremer Verantwortlichen schlichen sich dann wieder aufs Trainingsgelände von Allianza. Und der Rest ist Geschichte: Pizarro unterschrieb seinen ersten Vertrag beim SV Werder Bremen.

In Berlin findet Pizarro die Lücke in der Mauer und wird zum ältesten Torschützen der Bundesliga-Historie - imago/Nordphoto

Pizarro traf zwölf Mal zweistellig

Es war eine für alle Seiten glückliche Fügung. Direkt an seinem ersten Tag in Deutschland machte der junge Neuzugang nachhaltig auf sich aufmerksam. "Ich erinnere mich gut an Claudios erstes Training. Keiner kannte ihn, aber er traf aus allen Lagen, phänomenal!", denkt Frank Rost im Kicker an seine erste Begegnung mit Pizarro zurück. Und auch seinem Trainer Thomas Schaaf war der reibungslose Einstieg offenbar nicht verborgen geblieben, denn er nahm ihn sofort in den Kader und wechselte ihn in Berlin ein.

In diesem Tempo ging seine Entwicklung dann weiter. Es folgte der erste Startelfeinsatz, samt erstem Bundesliga-Tor und eine Woche später sofort der erste lupenreine Hattrick. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war allen Beobachtern klar, dass die Bundesliga um eine Attraktion reicher war. Eingewechselt wurde Pizarro in seinem Premierenjahr jedenfalls nicht mehr. Wenn er fit war, spielte er auch. 25 Einsätze und zehn Tore standen nach der ersten Saison für ihn zu Buche. Es war die erste von zwölf Bundesliga-Spielzeiten, in denen der technisch versierte Angreifer zweistellig traf. Sechs Mal gelang ihm dies für Werder Bremen und sechs Mal für den FC Bayern München.

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Seine Torquote passte also von Beginn an, aber Pizarros Spiel lässt sich bis heute nicht nur an seinen Toren messen. Der Rechtsfuß bringt auch überragende fußballerische Qualitäten und ein enorm ausgeprägtes Spielverständnis mit. Nicht von ungefähr bezeichnete ihn Mehmet Scholl einmal als den besten Fußballer, mit dem er jemals zusammen gespielt habe. Und die Liste der prominenten Mitspieler von Scholl ist lang.

Handlungsschnelligkeit immer noch auf Topniveau

Bei einem seiner Besuche im Aktuellen Sportstudio wurde Claudio Pizarro einmal gefragt, was sein Erfolgsgeheimnis ist. "Ich gucke viel und dann weiß ich, was ich machen kann", antwortete er darauf. Wer Pizarro einmal genau auf dem Spielfeld beobachtet, erkennt sofort, was er damals gemeint hat. Sein Kopf und seine Augen sind ständig in Bewegung, niemals schaltet er ab. So hat er ständig ein komplettes Bild von einer Situation und weiß, was er machen will, lange bevor der Ball ihn überhaupt erreicht. Man hat bei ihm das Gefühl, als sei er seinen Gegenspielern gedanklich immer einen Schritt voraus.

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Diese Qualitäten haben ihn zu einem extrem erfolgreichen Fußballer gemacht. Mit den Bayern wurde er sechs Mal Deutscher Meister, gewann 2013 die Champions League und holte fünf Mal den DFB-Pokal. Mit dem SV Werder konnte er 2009 ebenfalls im Endspiel von Berlin triumphieren. Außerdem sind sie der Grund, warum Pizarro den Anforderungen der Bundesliga auch mit 40 Jahren noch gewachsen ist. Viele Sprintduelle hat er in letzter Zeit nicht mehr gewonnen, aber seine Handlungsschnelligkeit sucht immer noch Ihresgleichen.

Dass Pizarro nach wie vor aktiv ist, ist absolut außergewöhnlich. Kein anderer aktueller Bundesliga-Spieler debütierte vor der Jahrtausendwende. Sieben Spieler, die bis zum sechsten Spieltag der aktuellen Spielzeit eingesetzt wurden, waren noch gar nicht geboren, als Pizarro im Berliner Olympiastadion erstmals ein Bundesliga-Spielfeld betrat. In dieser langen Zeit hat der Angreifer für einige Bestmarken gesorgt.

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Pizarro hinterlässt auch abseits des Platzes Eindruck

Er ist mit bislang 195 Bundesliga-Toren der beste ausländische Torjäger der Bundesliga-Historie und zudem der Ausländer mit den meisten Einsätzen. Er ist der einzige Spieler, der für zwei verschiedene Clubs mehr als 80 Treffer erzielte (107 für Werder, 87 für Bayern München). Für die Bremer ist er auch der beste Schütze in der Bundesliga-Geschichte. Darüber hinaus schnürte die Sturmlegende für die Hanseaten im März 2016 in Leverkusen mit über 37 Jahren einen Dreierpack. Keinem anderen Bundesliga-Profi ist das in so hohem Fußballeralter geglückt.

Zwei weitere Rekorde hat sich Pizarro durch sein Last-Minute-Tor bei Hertha BSC geschnappt. Bei seinem Treffer in Berlin war Pizarro genau 40 Jahre und 136 Tage alt - und damit älter als jeder andere Torschütze der Bundesliga-Geschichte. Mirko Votava, der vorherige Rerkordhalter, war bei seinem letzten Treffer 15 Tage jünger. Zudem hat der 85-fache peruanische Nationalspieler von 1999 bis 2019 in 21 Kalenderjahren in Folge immer mindestens ein Bundesliga-Tor erzielt. Zuvor hatte er sich die Bestmarke mit dem großen Klaus Fischer geteilt. Auch bei der Anzahl der Jokertore könnte sich der Bremer noch nach vorne schieben. Mit 19 Toren als Einwechselspieler hat er zuletzt Alexander Zickler (18) überholt und hat nur noch Nils Petersen (21) vor sich. Seine 143 Einsätze von der Bank sind jetzt schon der Höchstwert aller Bundesliga-Akteure.

Das sind die Eckdaten einer herausragenden sportlichen Karriere, aber Pizarros Qualitäten liegen nicht nur auf dem Spielfeld. "Er ist ein Schlitzohr, aber bei mir immer professionell, leistungswillig und leistungsstark. Dazu ein großartiger Charakter, für eine Mannschaft immer ein positives Element", erinnert sich Jupp Heynckes im Kicker an die gemeinsame Zeit in München. "Er ist ein sehr sympathischer Mensch, der immer optimistisch denkt", beschreibt ihn Jürgen L. Born. Diese Eigenschaften haben ihn zu einem großen Sympathieträger in der Bundesliga gemacht. Und das nicht nur in Bremen und München.

Claudio Pizarro und Ailton hatten in ihrer Bremer Zeit auf- und abseits des Platzes viel Spaß - Elisenda Roig/Bongarts/Getty Images

Ailton und Pizarro harmonieren auch neben dem Platz

In der Hansestadt war er in seiner Anfangszeit nicht nur auf dem Feld ein kongenialer Partner von Ailton, sondern die beiden Südamerikaner lebten sich gemeinsam in Deutschland ein. "Wir hatten eine sehr gute Connection – nicht nur auf dem Platz. Wir waren damals oft gemeinsam essen, konnten uns aber beide kaum auf Deutsch verständigen. Deshalb haben wir in den Restaurants eigentlich immer das Falsche bestellt, es dann aber trotzdem gegessen. Das hat nicht immer geschmeckt, war aber ganz schön lustig" erinnert sich Ailton auf deichstube.de.

Bei seiner vierten Rückkehr nach Bremen im Sommer hatte Pizarro eigentlich noch erkärt, dass dies seine letzte Saison sein würde. Mittlerweile klingt das wesentlich weniger endgültig. „Alle fragen mich, ob ich weitermache. Jetzt gerade sagt mein Kopf natürlich ja“, erklärte Pizarro lachend, „aber ich muss immer noch warten, was mein Körper sagt – und deshalb werde ich vielleicht auch bis zum Saisonende mit meiner Entscheidung warten.“

Egal, wann es soweit sein wird: Der Abschied wird allen Beteiligten sicher nicht leicht fallen, denn der stets gut gelaunte Torjäger gehört einfach zur Bundesliga. Sorgen um seine Zukunft muss man sich aber nicht machen. Sein Entdecker Born scherzte jedenfalls einst: "Wäre er kein Fußballer geworden, so hätte ihm trotzdem die Welt offen gestanden, denn er ist ein sehr intelligenter Junge. Als Autoverkäufer würde er selbst jemandem ohne Führerschein ein Auto verkaufen." Glücklicherweise hat Pizarro aber seinen Weg als Fußballer gemacht. Dass dieser ihn in die Bundesliga geführt hat, liegt nicht zuletzt an einem Loch im Zaun der Trainingsanlage von Allianza Lima.

Florian Reinecke

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