Braunschweig - Mit dem Spitzenspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern beginnt für Eintracht Braunschweig am Sonntag (ab 13.15 Uhr im Liveticker) die Restrunde in der 2. Bundesliga. Trainer Torsten Lieberknecht sprach im Interview mit bundesliga.de über die Winter-Vorbereitung, seine Mannschaft, Ziele und Aussichten sowie ein ganz besonderes Spiel.

bundesliga.de: Herr Lieberknecht, Sie hatten ihrer Mannschaft versprochen, dass sie vier Tage länger Urlaub bekommt, falls sie aus den letzten zehn Spielen vor der Winterpause mindestens 20 Punkte holen sollte...

Torsten Lieberknecht: So war der Deal und er war durch das 2:1 gegen Fortuna Düsseldorf schon nach neun Partien mit 22 Zählern perfekt. Als danach auch in Heidenheim gewonnen wurde, habe ich sogar noch einen fünften Tag drauf gelegt. Für mich bedeutet Nehmen auch immer Geben.

"Tests insgesamt zu fehlerbehaftet"

bundesliga.de: Dadurch hatten Sie nach Union Berlin die zweitkürzeste Vorbereitung aller Vereine. Ein Nachteil?

Lieberknecht: Es ist auf jeden Fall eine neue Herausforderung gewesen. Die konditionellen Bausteine haben wir gut abgearbeitet, aber für das Spielerische müssen wir uns noch ein wenig strecken.

bundesliga.de: Waren Sie deshalb mit dem Trainingslager im spanischen Jerez de la Frontera nicht ganz zufrieden?

Lieberknecht: Ich differenziere da bei dem, was ich gesehen habe. Ich bin sehr zufrieden, wie engagiert die Jungs an den Dingen gearbeitet haben, die zu verbessern sind. Auch die vorhandene Ausdauer, die wir für unser Defensivverhalten benötigen, hat mir gefallen. Durch die hohe Laufbereitschaft fehlte es dann allerdings in den Spielen ein wenig an Frische. Die Tests waren mir daher insgesamt doch zu fehlerbehaftet.

"Es spricht für den Charakter der Jungs"

bundesliga.de: So wie auch die ersten neun Saison-Spiele, aus denen nur zehn Punkte geholt wurden? Was haben Sie damals geändert, dass es plötzlich richtig rund lief?

Lieberknecht: Wir mussten zum einfachen Fußball zurückfinden. Wir haben gar nicht zwingend besser gespielt als zu Saisonbeginn, im Gegenteil. Aus Trainersicht waren wir bei einigen Niederlagen sogar viel besser strukturiert gewesen. Aber es fehlten halt die Punkte. Das schürte im Umfeld ein paar Ängste, weil ja zum Beispiel der Fall von Energie Cottbus gezeigt hat, dass ein kleiner Verein nach dem Abenteuer Bundesliga plötzlich auch noch tiefer fallen kann. Die Frage war also, wie gehen wir mit unserer Delle um. Es galt, in Ruhe nach Lösungen zu suchen, um die Ergebnisse in den Vordergrund zu rücken. Das andere Potenzial, welches in der Mannschaft schlummert, lässt sich dann später immer noch hervorrufen.

bundesliga.de: Knackpunkt für die Wende war das 2:2 gegen Fürth. Just vor diesem Spiel hatten sie die Mannschaft mit dem verlängerten Urlaub geködert...

Lieberknecht: Das war sicher ein interessanter, wenngleich nicht ganz neuer und von mir erfundener Ansatzpunkt. Es spricht auf jeden Fall für den Charakter der Jungs, dass sie sich mit so kleinen Belohnungen zufrieden geben. Entscheidender für den Aufschwung war aber, dass ihnen nach einem 0:2-Rückstand das spät erzielte 2:2 den Glauben geschenkt hat, erfolgreich sein zu können. Dieses Gefühl hatten sie ja auch durch das Jahr in der Bundesliga lange nicht gehabt.

"Die zwei Transfers haben Sinn gemacht"

bundesliga.de: Mit Nik Omladic aus Slowenien und dem Dänen Emil Berggren hat sich die Eintracht in der Winterpause nochmal verstärkt. Warum haben Sie die beiden an die Hamburger Straße geholt?

Lieberknecht: Nik ist mit seinen 25 Jahren schon ein gestandener Profi und besitzt auch durch Europa-League-Einsätze viel Erfahrung. Für Emil als U21-Nationalspieler Dänemarks ist die zweite Liga in Deutschland ein guter Schritt zur weiteren Entwicklung und uns hat ein großer, kopfballstarker Typ gefehlt. Die zwei Transfers haben bereits in diesem Winter Sinn gemacht, weil sie perspektivisch gedacht sind und sie werden im Kader die Konkurrenzsituation vergrößern.

bundesliga.de: Zumal in den mit Saulo Decarli und Jan Hochscheidt zwei Dauer-Verletzte zurückkehren...

Lieberknecht: Saulo kann der Abwehr mit seiner Art Stabilität verleihen. Er war von der Gesundheit her bislang ein wenig unser Sorgenkind, aktuell laboriert er an einem Muskelfaserriss. Danach hat er das aber hoffentlich ebenso hinter sich wie Jan. Bei dessen seltenem Adduktorenabriss mussten wir ja erstmal einen Arzt finden, der die Verletzung überhaupt kannte. Beide Spieler besitzen für uns eine hohe Qualität, doch nach ihren langen Pausen dürfen wir auch nicht zu viel erwarten.

"Verfolge die 'Roten Teufel' intensiv"

bundesliga.de: Was erwarten Sie denn nach Hinrunden-Verlauf, Winter-Vorbereitung und Personal nun von der Restrunde?

Lieberknecht: Wir wollen ganz nüchtern, aber natürlich schon auch emotional, an die nächsten Spiele herangehen und den Fokus darauf legen, für die nächsten Jahre eine neue Hierarchie aufzubauen. Dafür sind unsere bisher erreichten 33 Punkte eine ordentliche Entwicklungshilfe.

bundesliga.de: Können Sie denn an das nächste Spiel gegen Kaiserslautern überhaupt nüchtern herangehen?

Lieberknecht: Sie haben Recht, das ist schon ein besonderes Spiel für mich. Warum soll ich das nicht ehrlich sagen. Ich bin mit 16 Jahren aus dem kleinen Haßloch in die 40 Minuten entfernte Metropole Kaiserslautern gezogen, habe dort in einem kleinen Ein-Zimmer-Appartement erstmals auf eigenen Füßen gelebt und bin über die Jugendausbildung dann Profi beim 1. FCK geworden. Als gebürtiger Pfälzer verfolge ich den Weg der "Roten Teufel" natürlich intensiv.

"Ein Aufstieg wäre eine Sensation"

bundesliga.de: Am Sonntag wollen Sie aber gewinnen und das 1:2 aus der Hinrunde wettmachen, als Sie ihre Mannschaft mit einem völlig veränderten System irritierten, oder?

Lieberknecht: Oh ja, da hat der Trainer damals eine ganz komische Idee gehabt. (lacht) Aber darum geht es am Sonntag nicht. Wir möchten in erster Linie unsere Heimstärke weiter ausbauen.

bundesliga.de: Die könnte im Aufstiegsrennen zum großen Plus werden, oder?

Lieberknecht: Das wir nach Kaiserslautern auch noch Leipzig, Ingolstadt und Karlsruhe empfangen, ist sicher ein Pfund. Das Stadion ist immer voll, was bei den Spielern zusätzliche Kräfte freisetzen kann. Das lässt sicher hoffen, aber alle Spiele müssen erstmal ausgetragen werden. Unser Ziel bleibt es, eine stabile Saison hinzulegen. Ein Aufstieg in dieser Saison wäre eine noch größere Sensation als unser Aufstieg von 2013.

Das Gespräch führte Thomas Schulz