Zusammenfassung

  • Marcel Risse freut sich über den gelungenen Zweitliga-Start
  • Er plant seine Karriere nicht nach der Zahl der Bundesliga-Spiele
  • Risse lobt die Kölner Fans für ihren Umgang mit dem Abstieg

Köln - Der erste Schritt ist gemacht. Mit dem Sieg in Bochum hat der 1. FC Köln bewiesen, dass man bereit ist, das Ziel direkter Wiederaufstieg mit großer Ernsthaftigkeit anzugehen. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Marcel Risse über die Fortschritte der Mannschaft unter Trainer Markus Anfang, über seine Gründe, mit dem FC in die 2. Bundesliga zu gehen, und über das ganz besondere Verhältnis zwischen Verein und Fans.

bundesliga.de: Herr Risse, die erste von 34 Hürden auf dem Weg zurück in die Bundesliga hat der FC in Bochum genommen. Ist dieses Spiel mehr wert als nur drei Punkte?

Marcel Risse: Das würde ich nicht sagen. Drei Punkte sind drei Punkte und nicht mehr, und wie Sie schon sagen, war das Spiel in Bochum nur eins von 34. Dennoch können wir die nächsten Aufgaben jetzt mit einem guten Gefühl angehen – was aber nichts daran ändert, dass es noch ein langer Weg ist zurück in die Bundesliga.

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bundesliga.de: Die Einstellung hat gestimmt, fußballerisch gibt es noch Luft nach oben. Hat die Mannschaft noch Schwierigkeiten das umzusetzen, was Trainer Markus Anfang verlangt?

Risse: Eigentlich nicht. Es gab Testspiele, etwa gegen Mainz, in denen das Umschaltspiel nach vorne richtig gut geklappt hat, genauso wie der Trainer es verlangt. Bochum war aber das erste Pflichtspiel. Dass da noch nicht alles hundertprozentig funktioniert, ist nicht ungewöhnlich. Trotzdem sehe ich uns auf einem guten Weg. Wir waren in Bochum mutig genug, um genau die Bälle zu spielen, die der Trainer sehen will.

"Wenn wir auf dem Platz stehen, denkt von uns ganz bestimmt keiner, wir wären der FC Bayern der 2. Bundesliga."

bundesliga.de: Manche Stimme sagt, der 1. FC Köln sei der FC Bayern der 2. Bundesliga. Erleben Sie das tatsächlich so, wenn Sie etwa in Bochum auf den Platz kommen, oder ist das nur ein schönes Bild, das die Medien nur allzu gerne produzieren?

Risse: Ich weiß nicht einmal, ob es ein schönes Bild ist. (lacht) Für mich ist dieser Bayern-Vergleich einfach nur ein Medien-Ding, über das bei uns in der Kabine keiner nachdenkt. Und vor allem wenn wir auf dem Platz stehen, denkt von uns ganz bestimmt keiner, wir wären der FC Bayern der 2. Bundesliga.

bundesliga.de: In Bochum mussten Sie hinten rechts aushelfen. Das ist nicht völlig ungewohnt für Sie, aber wahrscheinlich auch nicht Ihr liebster Arbeitsplatz...

Risse: Ich habe in der jüngeren Vergangenheit schon des Öfteren auf dieser Position gespielt. Deshalb ist es überhaupt kein Problem, wenn der Trainer mich dort einsetzt. Unser System hat nicht den klassischen Rechtsverteidiger, der sehr viele Offensiv-Aktionen hat. Stattdessen wird verlangt, dass man sehr positionstreu ist. Und ich versuche das gut umzusetzen.

bundesliga.de: Ist es wirklich eine Hilfe, dass Sie, aber auch Horn, Hector, Lehmann und einige weitere Teamkollegen die 2. Bundesliga schon kennen, oder ist viel Legendenbildung dabei, wenn es heißt, dass diese eine besondere Herausforderung für Erstligaspieler ist?

Risse: In erster Linie ist die Aufgabe, die uns jetzt gestellt wird, schlicht eine andere als bisher. Wenn der 1. FC Köln in der Bundesliga spielt, fordert niemand, dass jedes Auswärtsspiel unbedingt gewonnen werden muss. Man ist in der Bundesliga längst nicht immer der Favorit, sondern geht auch mal als Underdog in eine Partie. In der 2. Bundesliga müssen wir damit zurechtkommen, dass wir in wahrscheinlich 33 Spielen der Favorit sind. Mag auch sein, dass in der 2. Bundesliga der eine oder andere Verein eher über den Kampf kommt. Diesen Kampf müssen wir annehmen. Das ist in der Bundesliga aber nicht anders. Wenn da ein Spiel eng ist, musst Du auch über den Kampf kommen.

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bundesliga.de: In einem Magazin zum Bundesligastart heißt es unter anderem: "Marcel Risse ist viel zu gut für die 2. Bundesliga". Warum sind Sie dennoch geblieben?

Risse: Weil ich mein Leben nicht nach der Zahl der Bundesligaspiele plane, die ich vielleicht absolvieren könnte. Vielmehr treffe ich meine Entscheidungen so, dass meine Familie und ich glücklich sein können. Und in diesem Verein bin ich sehr glücklich.

Marcel Risse verteidigt leidenschaftlich gegen den Bochumer Danilo Soares
Marcel Risse verteidigt leidenschaftlich gegen den Bochumer Danilo Soares © imago / Uwe Kraft

bundesliga.de: Das trifft offensichtlich auch auf Jonas Hector oder Timo Horn zu. Was aber macht den Glücks-Faktor beim 1. FC Köln aus?

Risse: Ich bin in Köln und mit dem FC aufgewachsen. Es mag simpel klingen, aber ich habe als kleiner Junge im Stadion gestanden und die FC-Spieler bewundert, habe "meinem" Verein zugewinkt und war einfach nur glücklich. Und Jahre später kannst du sogar in dem Beruf arbeiten, von dem du deine ganze Kindheit über geträumt hast. Welcher Fußball-Fan kennt dieses großartige Gefühl nicht?! Okay, dann kommt auch mal ein richtig negatives Jahr, wie wir es jetzt erlebt haben. Aber wie viele Menschen in ganz anderen Berufen müssen das auch wegstecken?! Die können dann auch nicht einfach alles über den Haufen werfen.

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bundesliga.de: Haben die, die geblieben sind, über ihre Pläne gesprochen, oder hat das jeder im stillen Kämmerlein mit sich selbst ausgemacht?

Risse: Wir haben darüber gesprochen. Wir sind als Mannschaft viel zu eng beieinander, als dass es anders hätte sein können. Zudem konnten wir uns recht lange auf den bitteren Gang in die 2. Bundesliga vorbereiten.

bundesliga.de: Ab wann haben Sie nicht mehr an die Rettung geglaubt?

Risse: Obwohl wir im Winter bereits weit abgeschlagen schienen, gab es in der Rückrunde, etwa nach dem Sieg in Leipzig, immer wieder für einen kurzen Moment Hoffnung. Ein, zwei Spiele, bevor wir dann auch rechnerisch abgestiegen waren, haben wir das erste Mal darüber geredet, dass es wohl nicht reichen wird. Jeder hat diese wichtige Lebensentscheidung, dennoch in Köln zu bleiben, dann aber für sich alleine getroffen.

bundesliga.de: Waren Sie überrascht, dass selbst ein Nationalspieler wie Jonas Hector diesen Weg mitgeht?

Risse: Ja. Überrascht und sehr glücklich gemacht. Denn Jonas ist ein Spieler und ein Mensch, der uns enorm weiterbringen kann mit seiner Erfahrung und mit seiner Ausstrahlung. Das war ein ganz tolles Zeichen.

"Obwohl die Fans ebenso unzufrieden waren, wie wir, haben sie uns immer gepusht."

bundesliga.de: Ein tolles Zeichen war auch die Reaktion der Fans am letzten Spieltag der vergangenen Saison, als man die abgestiegene Mannschaft feierte...

Risse: Das ist richtig! Vom Abstieg 2012 habe ich ganz andere Dinge gehört, die damals vorgefallen sein sollen. Das war alles andere als positiv. In diesem Sommer war alles anders, und dafür bin ich unseren Fans extrem dankbar. Obwohl sie verständlicherweise ebenso unzufrieden waren, wie wir, haben sie uns immer gepusht. Und selbst in der schlimmsten Stunde, als der Abstieg besiegelt war, haben sie zu uns gehalten.

bundesliga.de: Sie meinen das Spiel in Freiburg?

Risse: Ja. Wenn ich an dieses Spiel denke, als wir uns nach dem Abpfiff in der Kurve gegenseitig Mut gemacht haben – das war ein Gänsehaut-Moment! Einer, der immer ein wichtiger Teil meiner Karriere sein wird und den ich niemals vergessen werde. Dass in guten Momenten alle an einem Strang ziehen, das ist normal. Dass aber auch in den bittersten Augenblicken ein solcher Zusammenhalt von Fans und Mannschaft gelebt wird, das ist etwas ganz Besonderes.

Marcel Risse lacht gemeinsam mit seinem Kollegen Timo Horn
Marcel Risse lacht gemeinsam mit seinem Kollegen Timo Horn © imago / Herbert Bucco

bundesliga.de: Ihr Vertrag läuft bis 2022, dann werden Sie 32 sein. Klingt fast so, als würden Sie nicht mehr wegkommen aus Köln?

Risse: Muss ja auch nicht sein. (lacht) Ich habe immer gesagt, dass ich gerne auch mal eine Zeit lang im Ausland leben möchte. Ob das aber noch als Fußballer sein wird, oder doch erst nach meiner aktiven Karriere, das sei mal dahingestellt.

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bundesliga.de: Wohin würde es Sie gegebenenfalls ziehen?

Risse: Ich habe immer von Australien geträumt. Seitdem unsere kleine Tochter da ist, wäre Australien ein bisschen arg weit weg von Oma und Opa. Noch mal eine andere Kultur kennenzulernen, das wäre aber auf jeden Fall ein Lebensziel, das mich sehr reizen würde.

Das Gespräch führte Andreas Kötter