Wille pur: Sebastiaan Bornauw schreit nach seinem 1:0 die Freude raus. Die Ex-Kieler Czichos und Drexler sowie Ehizibue kommen hinzu - © Revierfoto/Revierfoto / Pool
Wille pur: Sebastiaan Bornauw schreit nach seinem 1:0 die Freude raus. Die Ex-Kieler Czichos und Drexler sowie Ehizibue kommen hinzu - © Revierfoto/Revierfoto / Pool
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Der Wille entscheidet im Relegations-Hinspiel zwischen dem 1. FC Köln und Holstein Kiel

Die diesjährige Relegation zur Bundesliga bestreiten der 1. FC Köln und Holstein Kiel. Beide Teams gehen mit unterschiedlichen Gefühlen aus dem 34. Spieltag in die alles entscheidenden zwei Spiele. Für die Domstädter sprechen Form und Stimmung, für die Störche die Relegations-Erfahrung und die Defensive.

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"Et hätt noch immer jot jejange", steht im dritten Paragraphen des "Kölschen Grundgesetzes" geschrieben. An dieses Lebensmotto werden sich der 1. FC Köln und seine Anhänger nach dem 34. Spieltag gegen den FC Schalke 04 und den damit verbundenen späten Sprung auf Relegationsplatz 16 umso mehr klammern. Denn nun geht es gegen Holstein Kiel im Relegations-Hinspiel noch mal um alles. Der FC ist dem direkten Abstieg gerade so von der Schippe gesprungen, erst vier Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit köpfte Sebastiaan Bornauw zur Glückseligkeit aller Kölner ins Schalker Tor. Gleichzeitig leistete Rivale Mönchengladbach beim 4:2 in Bremen Schützenhilfe. Die Domstädter gehen mit breiter Brust in die alles entscheidenden zwei Spiele gegen Kiel.

Die Störche hingegen verpassten den direkten Aufstieg in die Bundesliga und wurden auf der Zielgeraden noch von der Spielvereinigung Greuther Fürth abgefangen. Dabei sah es nach der Quarantäne-Pause lange danach aus, als würden die Kieler den direkten Aufstieg packen. Nach kräftezehrenden Wochen ging den Störchen aber auf den letzten Metern so ein bisschen die Luft aus. Nachdem der erste Matchball beim Karlsruher SC am 33. Spieltag verspielt wurde, folgte eine bittere 2:3-Pleite gegen den SV Darmstadt 98. Nun will die KSV über die Relegation einen neuen Anlauf nehmen und wieder einen Bundesligisten zur Weißglut treiben.

Kölns Cheftrainer Friedhelm Funkel erwartet folglich eine siegeswillige Kieler Mannschaft: "Dass sie ihr Ziel, den direkten Aufstieg, knapp verpasst haben, kann im Sport passieren. Wir brauchen aber nicht davon auszugehen, dass sie niedergeschlagen sind, sie werden gegen uns eine Jetzt-erst-recht-Stimmung haben." Die Aussagen seines Kieler Trainerkollegen Ole Werner bestätigen diese Annahme: "Für uns wird es darum gehen, uns wieder aufzurichten, Haltung zu bewahren und uns so teuer wie möglich zu verkaufen, um vielleicht das Unmögliche auf diesem Wege doch noch möglich zu machen."

Janni Serra jubelt mit Teamkollege Fabian Reese sein 1:0 gegen den SV Darmstadt 98 - Kevin Voigt via www.imago-images.de/imago images/Xinhua

Kiels Angreifer Fabian Reese sieht die Situation vor den beiden "Endspielen" positiv: "Es passt zu unserer Saison, dass wir den Weg über die Relegation gehen. Wir haben es uns nicht leicht gemacht in den vergangenen Wochen. Wir haben uns diese Relegation erarbeitet. Vor der Saison hätte jeder eine Relegationsteilnahme unterschrieben. Jetzt haben wir sie, gehen sie an und werden alles geben, um in die Bundesliga aufsteigen zu können."

Die Formkurve spricht allerdings für Köln, das lediglich eins seiner letzten fünf Bundesliga-Spiele verlor und zuletzt zweimal bei keinem Gegentor ungeschlagen blieb. Die Störche hingegen verloren ihre letzten beiden Spiele jeweils mit 2:3, obwohl sie zwischenzeitlich mit 1:0 in Front lagen. Der viel zitierte psychologische Faktor könnte demnach für die Geißböcke sprechen. "Entscheidend ist, wie wir die Spiele angehen. Wir wollen den positiven Trend mit drei Siegen und einem Unentschieden aus den vergangenen sechs Spielen mit auf den Platz nehmen. Wenn uns das gelingt, haben wir große Chancen", analysiert Funkel die aktuelle Situation.

Seit Gründung der Bundesliga 1963 trafen Köln und Kiel erst in zwei Pflichtspielen aufeinander. Beim letzten Duell trennten sie sich in der Zweitliga-Saison 2018/19 1:1, das Rückspiel gewannen die Geißböcke mit 4:0. So deutlich dürfte das Ergebnis diesmal nicht ausfallen, denn die Kieler stellten in der abgelaufenen Saison die beste Defensive der 2. Bundesliga. Sie kassierten nur 35 Gegentreffer. Der FC musste dagegen 60 Tore schlucken. Jonas Meffert wird den Kielern wegen seiner fünften Gelben als defensiver Stabilisator im Mittelfeldzentrum nicht zur Verfügung stehen. Auch Alexander Mühling fehlt gelbgesperrt.

Besonders wichtig für die Kieler ist Janni Serra, der mit 13 Saisontoren ihr bester Torschütze und mit 16 Torbeteiligungen gemeinsam mit Fin Bartels auch Topscorer ist. Nach der Corona-Quarantäne schoss Serra sechs Tore. Auf die Kölner Innenverteidiger Rafael Czichos, der mit Kiel 2018 gegen den VfL Wolfsburg in der Relegation scheiterte, sowie Bornauw wartet somit keine leichte Aufgabe.

In puncto Relegations-Erfahrung schenken sich beide Vereine wenig, wenngleich die Kieler einen kleinen Vorsprung mitbringen. Während die Domstädter erstmals an den Relegationsspielen zur Bundesliga teilnehmen, ist es für die Störche nach dem Duell mit Wolfsburg das zweite Mal. Zudem spielte Holstein 2014/15 als Drittligist die Relegation gegen den TSV 1860 München. Aufseiten der Kölner weist der Trainer Funkel ebenfalls Relegationserfahrung auf: "Ich habe meine erste Relegation 1974 als Spieler mit Uerdingen erlebt, gegen Pirmasens. Wir haben 4:4 und dann 6:0 gespielt und damit den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Das ist aber schon lange her."

Am kommenden Mittwoch und Sonntag zählt schließlich nicht mehr, was vor 47, sechs oder drei Jahren war. Der Wille wird entscheidend sein. Dass beide Teams diesen auf den Platz bringen können, haben sie eindrucksvoll bewiesen. Kiel zeigte zuletzt im Pokal gegen den FC Bayern schon einmal, dass es einen Erstligisten schlagen und dabei äußerst leidenschaftlich auftreten kann. Köln wird gewarnt sein und den nötigen Biss wie beim Spiel gegen S04 an den Tag legen müssen, damit sich beim 23 Relegationsduell zwischen 1. und 2. Bundesliga erneut der Erstligist durchsetzt.