Frankfurt - Sonny Kittel (21) und Marc Stendera (18) waren fast schon in Vergessenheit geraten. Schwere Verletzungen, Monate im Reha-Training, viele Stunden und Tage der Selbstzweifel. Doch nun sind die beiden größten Talente von Eintracht Frankfurt zurück in der Bundesliga.

"Natürlich denkt man auch mal drüber nach, was passiert eigentlich, wenn es nichts mehr wird?", gibt Kittel zu. Der persönliche Ehrgeiz, Hilfe und Geborgenheit in der Familie und das Vertrauen des Klubs haben diese Gedanken jedoch verscheucht. Beim Auswärtsspiel der Frankfurter in Hannover haben beide gemeinsam in der Anfangself gestanden, auch zuletzt gegen die Bayern haben sie beide wieder gespielt. 

"Ich bin froh, dass ich sie habe"

Kittel und Stendera können die Zukunft der Eintracht sein. Beide sind sie Mittelfeldspieler, freilich mit ganz unterschiedlichen Talenten. Kittel ist der flinkere, dribbelstark, auch torgefährlich, kann im offensiven Mittelfeld spielen, auch auf den Außenbahnen. Stendera ist der Mann mit dem guten Auge für den Mitspieler, ein genauer Passgeber, einer, der spezialisiert ist auf Standards, Typ Spielmacher. "Ich bin froh, dass ich sie habe", sagt Trainer Thomas Schaaf.

Beide haben sie schon sie schon die Sonnen- aber auch die Schattenseiten des Geschäfts kennengelernt. Kittel, der seine ersten fußballerischen Schritte beim VfB Gießen machte, hat alle DFB-Nachwuchsmannschaften durchlaufen, 23 Länderspiele für Deutschland absolviert, wurde 2011 mit der Fritz-Walter-Medaille in Silber ausgezeichnet und galt damals neben dem „Goldgewinner“ Julian Draxler als größtes Talent im deutschen Fußball.

Jüngster Feldspieler der Eintracht-Geschichte

Mit den B-Junioren der Eintracht war er 2010 Deutscher Meister geworden. Und hat am 28. August 2010 unter dem damaligen Trainer Michael Skibbe als jüngster Feldspieler in der Frankfurter Geschichte beim Heimspiel gegen den Hamburger SV sein Bundesligadebüt gefeiert. Ein paar Wochen später stand Kittel zum ersten Mal in der Anfangself, ausgerechnet in München gegen die Bayern und gegen Philipp Lahm.

Der Aufstieg schien unaufhaltsam - und wurde jäh gestoppt. Am 19. April 2011 zog sich Kittel beim Training einen Kreuzbandriss im linken Knie zu. Fortan galt er als Dauerpatient, der nach langen Pausen immer nur noch für kurze Zeit ins Training und auf den Platz zurückkehrte.

Karriere am seidenen Faden

Sonny Kittels Krankenakte wurde länger und länger, die Verletzungen nicht leichter. Im April 2013 wurde er wegen eines Knorpelschadens im rechten Knie operiert, im Februar 2014 nach einem womöglich verfrühten Einsatz beim Frankfurter Hallenturnier erneut. Beide Knie sind schon ziemlich beschädigt, seine Karriere hing am seidenen Faden.

Doch Kittel hat ein sonniges Gemüt. Es hilft ihm, sich immer wieder heran zu kämpfen. Er hat es wieder geschafft. "Mir geht’s gut, wenn es meinem Knie gutgeht", sagt er in diesen Tagen und strahlt. Beim Training kann er voll mithalten, die ersten Einsätze in der Bundesliga nach der jüngsten Verletzung hat er ohne Probleme überstanden, die wichtigsten Härtetests also bestanden. Das Vertrauen in die eigene Gesundheit ist zurück.

Schwerste Verletzung, die einen Fußballer ereilen kann

Und die Eintracht? - Die hält immer noch große Stücke auf den Rekonvaleszenten. Sie hat den Vertrag in der Rehaphase voller Vertrauen bis zum 30.Juni 2016 verlängert. Den bislang 27 Bundesligaeinsätzen unter den drei Trainern Skibbe, Armin Veh und Schaaf sollen viele weitere folgen. "Wir erwarten noch viel von Sonny", sagt Sportdirektor Bruno Hübner.

Auch Marc Stendera, der seine junge Karriere beim TSV Heiligenrode und dem OSC Vellmar begonnen hat, hat die wohl schwerste Verletzung, die einen Fußballprofi ereilen kann, schon hinter sich. Am 14.Juli des vergangenen Jahres riss er sich bei einem Freundschaftsspiel während der Saisonvorbereitung gegen den VfR Aalen das vordere Kreuzband im rechten Knie. Ein Dreivierteljahr dauerte es, ehe er Mitte März sein Comeback im Heimspiel gegen den SC Freiburg feiern konnte.

Berufung ins DFB-Team

Bis zum Ende der Saison stehen in seiner ganz persönlichen Statistik fünf Kurzeinsätze. Inzwischen geht es längst wieder steil bergauf. Im Sommer hat er mit der U19-Nationalmannschaft den Europameistertitel gewonnen, insgesamt kommt er auf 21 Länderspiele für Deutschlands Junioren-Nationalmannschaften.

Gerade wurde er ins Aufgebot des U20-DFB-Teams berufen. Und bei Trainer Schaaf gehört er seit Saisonstart zum engeren Kreis der Mannschaft, ist auf dem Sprung zur Stammkraft. Die Eintracht freut die positive Entwicklung. Sie hat vorgesorgt: Der aktuelle Vertrag läuft bis zum 30.Juni 2017.

Fluch über den Talenten?

Sonny Kittel und Marc Stendera können dem aktuell jüngsten Profi im Kader der Frankfurter, Luca Waldschmidt (Foto), ein leuchtendes Beispiel sein. Als läge ein Fluch über den Talenten der Eintracht, plagt auch "Nesthäkchen" Waldschmidt, gerade 18 Jahre alt, eine schwere Verletzung.

Letzte Woche wurde er nach monatelangen Beschwerden in Berlin von einem Spezialisten an der Leiste operiert.  Jugendnationalspieler Waldschmidt konnte in dieser Saison noch kein einziges Spiel absolvieren. Nun hofft der Trainer, "dass eine Leidenszeit endlich zu Ende geht und er mit Beginn der Rückrunde wieder dabei sein kann".

Josef Schmitt