Mit einigen Sorgen geht der FSV Frankfurt in die neue Saison. Nach einer Budgetreduzierung mussten die Hessen auf teure Neuverpflichtungen verzichten, während vier Stammspieler den FSV verließen. Im bundesliga.de-Interview verrät FSV-Trainer Hans-Jürgen Boysen, warum er dennoch an eine erfolgreiche Spielzeit glaubt, an welcher Spielphilosophie er bastelt und wie er diesmal mit seiner Mannschaft einen Fehlstart vermeiden will.

bundesliga.de: Herr Boysen, Ihre Mannschaft hat vier der ersten sieben Testspiele verloren. Machen Sie sich Sorgen für die kommende Saison?

Hans-Jürgen Boysen: Nein. Wir haben uns von Anfang an richtig gute Gegner ausgesucht. Sicherlich hätte das eine oder andere Ergebnis anders laufen können oder auch müssen. Aber das Wesentliche ist, dass die Tests das bringen, was wir uns wünschen: Starke Gegner, die unsere Lücken aufdecken, an denen wir dann in der Vorbereitungsphase mit 13 Neuzugängen gut arbeiten können.

bundesliga.de: Sie sprechen es an: Erneut wurde der Frankfurter Kader kräftig umgekrempelt. Warum?

Boysen: Unter den vielen Abgängen, die wir hatten, waren nur vier Stammspieler. Die hatten alle ein Angebot von uns, das sie aber nicht annehmen wollten, weil es anscheinend nicht lukrativ genug war. Mit dieser Konsequenz müssen wir leben und umgehen. Wir hatten bekanntlich eine Budgetreduzierung um 600.000 Euro, und die kann man nur bei den Neuzugängen oder bei der Verlängerung von Verträgen einsparen. An dieser Richtlinie mussten wir uns orientieren. Da kann es vorkommen, dass man den einen oder anderen Spieler gehen lassen muss, den man eigentlich gern behalten hätte. Aber wir sind von unseren Neuzugängen überzeugt. Jetzt warten wir mal ab, was die Zeit bringt und wie schnell es gelingt, die Neuen zu integrieren.

bundesliga.de: In den beiden vergangenen Jahren spielte der FSV jeweils eine schwache Hinrunde, bekam dann aber im zweiten Halbjahr jedes Mal noch die Kurve. Sind die großen Umbrüche im Kader dafür verantwortlich?

Boysen: Naja, es ist sicherlich einfacher, wenn der Kader eingespielt ist und funktioniert, so wie in der vergangenen Rückrunde. Wenn es nur punktuelle Veränderungen gibt, geht der Eingewöhnungsprozess der Neuen schneller voran. Durch einen großen Umbruch verliert man einfach Zeit. Aber wir werden das Beste aus der Situation machen.

bundesliga.de: Und wie wollen Sie vermeiden, dass es zu Beginn wieder nicht läuft?

Boysen: Wir müssen nicht darum herumreden: Der Start in den letzten beiden Spielzeiten war sehr, sehr schlecht. Wie es jetzt kommt, weiß ich, Stand heute, nicht. Ich gehe einfach mal davon aus, dass wir in dieser Saison in der Hinrunde mehr Punkte holen werden als zuletzt. Klar ist, dass ein guter Start sehr hilfreich wäre, den streben wir an.

bundesliga.de: Wie bewerten Sie das Auftaktprogramm mit den ersten fünf Spielen gegen Bielefeld (H), Oberhausen (A), Düsseldorf (H), Fürth (A) und Aachen (H)?

Boysen: Ein anspruchsvolles Programm, ich sehe keine einfachen Gegner. Aber wir müssen uns auch nicht davor erschrecken und vor Angst davonlaufen. Wir sind überzeugt, ordentlich in die Runde starten zu können, ohne die Gegner dabei zu unterschätzen. Es sind lösbare Aufgaben, und dann wollen wir mal sehen, was nach den ersten fünf Spieltagen zu Buche steht.

bundesliga.de: Wie lautet Ihr Saisonziel?

Boysen: Beim jetzigen Stand der Vorbereitung ist das schwer festzulegen. Wir müssen sehen, wann der Prozess, der Mannschaft unsere Philosophie zu vermitteln, weitestgehend abgeschlossen ist. Realistisch gesehen kann unser Ziel nur sein, auch das dritte Jahr in Folge in der 2. Bundesliga zu überstehen. Durch einen guten Start wollen wir den Grundstein legen, um nicht permanent in Abstiegsnöten zu sein. Aber von höheren Zielen zu träumen, wäre sicherlich fehl am Platz. Wir müssen kleine Brötchen backen und uns schrittweise etablieren.

bundesliga.de: Sie haben die Philosophie angesprochen. Wie sieht diese im Detail aus?

Boysen: Nun, wir hatten anfangs eine sehr löchrige Abwehr und eine Spielkultur nach dem Motto: lange Bälle nach vorne und mal sehen, was dabei herauskommt. Wir wollen aber schon versuchen, über eine insgesamt richtig stabile Defensive deutlich weniger Gegentore zuzulassen und unser Spiel mehr über Kombinationsfußball geradlinig, schnörkellos in die Tiefe zum gegnerischen Tor zu entwickeln. Alle Spieler, auch die auf den Außenbahnen und in der Innenverteidigung, müssen bereit sein, am Spiel teilzunehmen und Lücken zu erkennen. Diese Philosophie gilt es jetzt Stück für Stück voranzutreiben, die Abläufe zu automatisieren und die Abstimmung sowohl in der Vorwärts- als auch in der Rückwärtsbewegung zu finden.

bundesliga.de: Wer sind Ihre Schlüsselspieler für diese Philosophie?

Boysen: Ich spreche immer von der zentralen Achse, die funktionieren muss, dann kriegt man den Rest auch geregelt. Das fängt beim Torhüter an: Da haben wir mit Patric Klandt und Michael Langer zwei sehr gute Vertreter. Mit Björn Schlicke, Gledson und Marc Heitmeier haben wir Spieler in der Innenverteidigung, die diesen Anforderungen gerecht werden. Auf der Sechs stehen mit Jawhar Mnari ein sehr erfahrener und mit Manuel Konrad und Samil Cinaz zwei sehr junge Spieler zur Verfügung, die diese Spielkultur verkörpern, die ich mir vorstelle. Auch davor wissen Jürgen Gjasula, Mike Wunderlich, Sven und Christian Müller, wie es funktioniert. Die beiden Spitzen Cidimar und Sascha Mölders müssen ebenfalls tragende Säulen für unser Spiel sein.

bundesliga.de: Welche Teams spielen in der Saison 2010/11 um den Aufstieg?

Boysen: Der Topfavorit ist Hertha BSC. Genauso werden der VfL Bochum und der FC Augsburg um den Titel mitspielen. Ich bin gespannt, was Fortuna Düsseldorf im zweiten Jahr stemmen kann. In der Regel ist immer auch eine Überraschungsmannschaft mit dabei. Die kann ich Ihnen aber im Moment nicht nennen.

bundesliga.de: Und welche Mannschaften müssen um den Klassenerhalt bangen?

Boysen: Der Kreis der Abstiegskandidaten wird größer sein als der der Aufstiegsaspiranten. Ich möchte mich nicht auf Namen festlegen, aber ich rechne mit mehr als vier oder fünf Mannschaften, die eine schwierige Saison vor sich haben werden. Aber gerade, wenn man selbst zu diesem Kreis zählt, äußert man sich diesbezüglich ungern.

Das Gespräch führte Denis Huber