Hamburg - Auch wenn Lasse Sobiech nach neun sieglosen Spielen mit dem 3:1 seines FC St. Pauli über den VfR Aalen vor der Winterpause noch ein Erfolgserlebnis feierte, von fröhlichen Weihnachten kann bei dem Innenverteidiger nicht die Rede sein.

Mit den Kiezkickern überwintert der 23-Jährige in der Zweiten Liga auf Rang 17 und teilt dieses Schicksal mit seinem Lieblingsklub Borussia Dortmund, der eine Liga höher auf diesem Abstiegsplatz steht.

"Die ganze Familie ist Schwarz-Gelb. Es hingen immer BVB-Poster an der Wand. Als Jugendlicher bin ich auf die Südtribüne gegangen. Von daher war mein Leben schon immer Dortmund-geprägt", verrät Sobiech, für den ein Traum in Erfüllung ging, als er im Alter von zwölf Jahren vom VfL Schwerte zu den Dortmundern wechselte.

"Große körperliche Präsenz"

Bei den Schwarz-Gelben durchlief er alle Jugendmannschaften und schaffte den Sprung in die Auswahlmannschaften U 18 bis U 21 des DFB, für die er 27 Mal zum Einsatz kam. U-19-Co-Trainer Thomas Nörenberg bescheinigte Sobiech "große körperliche Präsenz, ein gutes Auge, sowie großes Verantwortungsbewusstsein".

Attribute, die ihm nach 55 Einsätzen in der U 23 der Borussia einen Profivertrag bescherten. Sobiech gehörte in der Spielzeit 2010/11 zum Meister-Kader des BVB, kam in der Bundesliga aber nicht eine Minute zum Einsatz.

"Schiff rammt Bundesliga-Profi"

Um Spielpraxis zu bekommen, ging er zur Saison 2011/12 auf Leihbasis zum FC St. Pauli nach Hamburg. Ausgerechnet in die Stadt, in der ihn ein kurioser Unfall ein Jahr zuvor beinah seine Karriere gekostet hätte.

"Schiff rammt Bundesliga-Profi" titelte die Bild nach dem Unfall, bei dem der 40-Tonnen-Ausflugsdampfer "Schleusenwärter S.C.“  das linke Bein des Innenverteidigers rammte. "Ein irrsinniger Schmerz. Ich habe gedacht, jetzt ist alles vorbei“, erinnert sich Sobiech. BVB-Coach Jürgen Klopp sprach von der skurrilsten Verletzung, die er je gehört habe.

 

 

Seine Topfakten:

  • Lasse Sobiech ist zweikampfstärkster Paulianer (67 Prozent gewonnene Zweikämpfe).

  • Er erzielte zwei Saisontore – immerhin zwei Tore mehr als Millionenstürmer Ante Budimir.

Auf Umwegen in die Bundesliga

In seinem ersten Jahr auf dem Kiez kam Sobiech wegen einer langwierigen Verletzung auf gerade mal 13 Einsätze. Aber während der Kiezklub nur aufgrund des schlechteren Torverhältnisses gegenüber Fortuna Düsseldorf die Relegation verpasste, stieg der Defensivspieler trotzdem ins Oberhaus auf. Borussia Dortmund verlieh den Profi umgehend weiter an Aufsteiger Greuther Fürth.

Nach einem Jahr im Frankenland zog es Sobiech erneut in die Hansestadt, diesmal zum Hamburger SV. "Ein Riesentalent", freute sich der damalige HSV-Sportdirektor Oliver Kreuzer. "Er bringt für sein junges Alter schon viel Erfahrung mit und kann einen gepflegten Ball von hinten heraus spielen.“

St. Pauli immer erste Wahl

Bei Trainer Thorsten Fink war der Ex-Dortmunder von Beginn der Saison an gesetzt. Das änderte sich unter den Fink-Nachfolgern Bert van Marwijk und Mirko Slomka. Sobiech suchte vor Beginn der aktuellen Saison das Gespräch mit Slomka und man kam überein, dass eine erneute Ausleihe der beste Weg wäre, Spielpraxis zu sammeln.

So kehrte Sobiech ans Millerntor zurück. "Lasse hat großes Potenzial und ist bei defensiven und offensiven Standardsituationen sehr stark. Ich erwarte einen Spieler, der darauf brennt, wieder Einsatzzeit zu bekommen", freute sich St.-Pauli-Trainer Roland Vrabec auf die HSV-Leihgabe.

"Es hatten mehrere Vereine angefragt, aber als ich hörte, St. Pauli ist dabei, habe ich mir die anderen Angebote gar nicht erst angschaut", so der 23-Jährige. "Ich habe hier trotz meiner Verletzung ein sehr schönes Jahr gehabt und freue mich sehr, dass ich wieder zurück bin." Dass er vom HSV ausgerechnet zum Lokalrivalen wechselte, nahm nicht jeder in der Hansestadt kommentarlos hin, auch das Wort "Verräter" fiel. "Natürlich bekommt man etwas davon mit. Ich nehme das aber auch keinem übel. Das ist doch ganz normal. Ich komme aus dem Westen. Wenn dort ein Spieler von Dortmund zu Schalke oder umgekehrt gehen würde, wäre das ja auch so oder noch intensiver", so Sobiech.

Beim FC St. Pauli an nahm Sobiech trotz seiner 23 Jahre von Beginn an die Rolle des Führungsspielers an und wurde zu einer steten Größe bei den vom Verletzungspech gebeutelten Kiezkickern. Lediglich beim 2:2 in Nürnberg fehlte Sobiech wegen einer Gelbsperre.

Der Fels in der Brandung

Bei hohen Bällen erweist sich der 1,96-Hüne als Fels in der Brandung, auch wenn er nicht verhindern konnte, dass der FCSP mit 39 Gegentreffern die Schießbude der Liga ist, ohne ihren Abwehrchef wäre die Lage des FC um einiges prekärer, denn auch im Angriff strahlt Sobiech insbesonders bei Standards Gefahr aus.

Seine Treffer zum 2:1-Endstand gegen Sandhausen und zum 1:0-Erfolg über Bundesliga-Absteiger Eintracht Braunschweig bescherten dem Klub vier wichtige Punkte. Es sollen nicht die letzten bleiben im Kampf um den Klassenerhalt. "Wir haben noch die komplette Rückrunde vor uns. Nun gilt es uns aus dieser schweren Situation rauszukämpfen", blickt Sobiech ins kommende Jahr. Und da meint er nicht nur den FC St. Pauli, sondern auch seinen Herzensklub Borussia Dortmund.

Jürgen Blöhs