Ingolstadt - Es war das letzte Heimspiel des FC Ingolstadt 04 im Jahre 2014 und gerade hatte der FC St. Pauli an diesem 18. Dezember im Audi-Sportpark nach 77 Minuten das 1:1 erzielt.

Mit letzter Kraft schnappte sich daraufhin Ingolstadts Pascal Groß den Ball, umkurvte am gegnerischen Strafraum noch einen Verteidiger der Hamburger und zirkelte dann das Spielgerät mit einem platzierten Flachschuss nur ganze 101 Sekunden nach dem Ausgleich zum 2:1-Siegtreffer für die "Schanzer" ins Netz. Danach rief er zu Trainer Ralph Hasenhüttl: "Nimm’ mich runter, ich kann nicht mehr."

Freigeist im System von Ralph Hasenhüttl

Schon zur Halbzeit hatten Groß Magenkrämpfe geplagt. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten, doch runter wollte der Mittelfeldspieler da noch nicht. "Ich habe weiter auf diese eine Aktion gehofft und es hat sich gelohnt", sagte Groß. Der Treffer war das i-Tüpfelchen auf eine überragende Hinrunde des 23-Jährigen.

Pascal Groß ist derzeit das Maß aller Dinge in der 2. Bundesliga. Der defensive Mittelfeldmann baut das Spiel des souveränen Tabellenführers von der Sechser-Position klug auf, führt strategisch Regie und übernimmt zudem Verantwortung. Kein Wunder, dass Trainer Hasenhüttl ihn in jener kritischen Phase gegen St. Pauli trotz Entkräftung auch noch in die Spitze beorderte. "Er ist sehr ballsicher und genießt daher alle Freiheiten", sagte Hasenhüttl.

Für den 47-jährigen Österreicher aus Graz in der Steiermark ist Pascal Groß einer der wichtigsten Eckpfeiler beim Unternehmen Bundesliga-Aufstieg. Der gebürtige Mannheimer, der 2012 vom Karlsruher SC an die Donau wechselte, gehört fast immer zu den besten Spielern seines Teams. Fünf Treffer und zehn Torvorlagen bedeuten zudem in der Scorer-Wertung den ersten Rang, dazu hat Groß in jedem Spiel fast 100 Ballkontakte und gehört mit rund zwölf Kilometern pro Partie auch noch zu den laufstärksten Protagonisten. "Mir ist es absolut wichtig, Verantwortung zu übernehmen. Ich fühle mich als Persönlichkeit dafür bereit. Weil ich denke, dass ich den Charakter besitze, um vorneweg zu marschieren", sagte Pascal Groß.

"Eine Mannschaft, die Großes erreichen kann"

Dabei ist der Anfang in Ingolstadt nicht einfach gewesen. Nach einem Lehrjahr unter dem im Mai 2013 entlassenen Trainer Tomas Oral geriet Groß beim neuen Übungsleiter Marco Kurz lediglich zur zweiten Wahl. Teilweise musste der von Hoffenheim ausgebildete U-Nationalspieler sogar auf die Tribüne. "Das war eine schwere Zeit. Ich bin gar nicht mehr aus dem Haus gegangen und hatte regelrechtes Heimweh, denn das Vertrauen eines Trainers ist mir unheimlich wichtig. Ich muss einfach spüren, dass er komplett hinter mir steht", erklärte Groß.

Ralph Hasenhüttl tut dies. Er tat es sofort, als er im Oktober 2013 den Posten vom erfolglosen Kurz übernahm. "Herr Hasenhüttl ist ein super Trainer. Er hat aus uns eine Mannschaft geformt, die Großes erreichen kann. Mit ihm zu arbeiten macht viel Spaß und er war auch ein ganz entscheidender Faktor, dass ich meinen Vertrag beim FCI verlängert habe", sagte Pascal Groß.

Der Traum von der Bundesliga

Das Heimweh ist weg, der neue Kontrakt läuft bis 2016 und er ist ganz bestimmt auch für die Bundesliga gültig. Denn da wollen die Rot-Schwarzen nach ihrer starken Hinrunde nun natürlich hin. Sieben Punkte beträgt der Vorsprung und die Konstanz, die der erst im Jahre 2004 aus einer Fusion von MTV und ESV gegründete FC Ingolstadt bisher gezeigt hat, lässt einen Einbruch nur schwerlich vermuten. "Wir haben unsere Siege ja nicht mit Glück geholt. Hinten lassen wir wenig zu und vorne sind wir effektiv. Wir sind eingespielt sowie in einer guten Verfassung. Diese Form gilt es nun zu konservieren", sagte Groß.

Gelingt es, darf in Ingolstadt im Mai der Aufstieg bejubelt werden. Dann ist Pascal Groß vielleicht immer noch das Maß der Dinge in der 2. Bundesliga, aber bestimmt nicht mehr das Herr aller Maße. Denn wo könnte ein Aufstieg besser gefeiert werden als in der Stadt, in welcher 1516 das Reinheitsgebot für Bier erlassen wurde.

Thomas Schulz