Leipzig - Er würde nur allzu gerne helfen, kann aber nicht. Noch muss RB Leipzig auf den angeschlagenen Rani Khedira, in der Hinrunde einer der Leistungsträger des Teams, verzichten. Im großen Interview mit bundesliga.de spricht Khedira über seine Verletzung und den Leistungsabfall von RBL in der bisherigen Rückserie, über die Probleme des VfB Stuttgart, und über seine Brüder Sami und Denny.

bundesliga.de: Herr Khedira, das Wichtigste zuerst: Wie steht es um Ihre Verletzung?

Rani Khedira: Der Heilungsprozess verläuft relativ gut. Die Aufnahmen zeigen, dass das Band gut zusammenwächst, und ich mache bereits viele Stabilisierungsübungen. Hoffentlich geht alles so glatt weiter. Dann könnte ich relativ bald wieder auf dem Platz stehen.

bundesliga.de: Sind Sie ein geduldiger Mensch, oder neigen Sie eher dazu, zu viel zu schnell zu wollen?

Khedira: Sagen wir es so: Man muss in diesem Fall Geduld haben. Das heißt aber nicht, dass man sich Zeit lassen und trödeln würde. Selbstverständlich versucht man, so schnell wie möglich zurückzukommen. Das macht aber nur Sinn, wenn die Verletzung hundertprozentig ausgeheilt ist. Wer zu früh zurückkommt, wird bestraft. Ich glaube allerdings, dass ich gutes Heilfleisch habe und deshalb schon früher wieder auf dem Platz stehen werde als eigentlich geplant war.

bundesliga.de: Wie schwer fällt es, gerade bei einem Spiel zuschauen zu müssen, das so auf des Messers Schneide steht, wie die Partie am vergangenen Montag beim KSC?

Khedira: Da hat das Herz in der Tat einige Male besonders schnell gepocht. Es waren einige Szenen dabei, die für mich beziehungsweise für meine Kollegen auf dem Feld sehr heikel waren. Etwa in der Nachspielzeit, in der 92. oder 93. Minute, als Fabio Coltorti uns mit zwei Weltklasse-Paraden den Punkt gerettet hat. Da rutscht einem das Herz schon mal für einen Moment in die Hose (lacht). Grundsätzlich habe ich aber genügend Vertrauen in die Mannschaft und in die Qualität des Teams, dass ich mir unsere Spiele in aller Regel doch recht entspannt anschauen kann.

"Ein Absturz ist etwas völlig anderes"

bundesliga.de: Allerdings belegte RB in der Hinrundentabelle noch den sechsten Rang mit nur drei Punkten Rückstand auf Platz zwei, liegt nun in der Rückrundentabelle aber nur auf Platz 15; was sind die Gründe für diesen Absturz?

Khedira: Von einem Absturz würde ich bei weitem nicht sprechen, ein Absturz ist etwas völlig anderes. Uns fehlt im Moment schlichtweg die Konstanz. Wir machen teilweise sehr ordentliche Spiele, lassen uns aber durch Kleinigkeiten aus dem Tritt bringen. Ich denke, dass es einfach zu unserem Entwicklungsprozess gehört zu lernen, einen Gegner auch über die kompletten 90 Minuten zu bespielen beziehungsweise eine solche Leistung über mehrere Spiele in Folge abzurufen. Jeder muss lernen für jede Minute, die ein Spiel noch weiterläuft, an sein Limit zu gehen. Gelingt uns das, werden wir die notwendigen Siege einfahren. Ich bin jedenfalls zuversichtlich, dass es auch in der Rückrundentabelle noch nach oben gehen wird.

bundesliga.de: Glauben Sie, dass die Trennung von Trainer Alexander Zorniger die Mannschaft negativ beeinflusst haben könnte?

Khedira: Wir haben noch dasselbe System. Bloß ist mit Achim Beierlorzer nun ein neuer Trainer da, so dass jeder noch einmal von Null beginnen konnte und eine neue Chance bekommen hat. Ob der einzelne aber an seine Leistungsgrenze herankommt oder nicht, dafür ist nur der Spieler verantwortlich, nicht der Trainer

"Ein Aufstieg kann nie zu früh kommen"

bundesliga.de: Zorniger war der Meinung, dass es nicht schaden könne, wenn RB sich erst einmal in der 2. Liga akklimatisiert; wie sehen Sie das?

Khedira: Da schließe ich mich unserem Sportdirektor Ralf Rangnick an und sage "ein Aufstieg kann nie zu früh kommen!" Selbstverständlich schadet es aber auch nicht, wenn man zwangsläufig etwas mehr Zeit zur Entwicklung bekommt. Im Übrigen ist es völlig egal, ob das in der Bundesliga oder in der 2. Bundesliga geschieht. Wir müssen einfach lernen, Woche für Woche unsere Leistungen abzurufen. Das unterscheidet einen guten von einem sehr guten Spieler - wenn einer Woche für Woche sein Potenzial abrufen kann.

bundesliga.de: Haben Sie den Aufstieg noch im Hinterkopf, oder ist das kein Thema, wie Rangnick sagt?

Khedira: Ganz abgehakt ist der Aufstieg natürlich erst, wenn auch rechnerisch nichts mehr möglich ist. Schaut man sich die Tabelle an, muss man aber eingestehen, dass das zurzeit kein besonders vielversprechender Anblick für RB ist. Deshalb macht es keinen Sinn, sich im Moment Gedanken über einen möglichen Aufstieg zu machen. Es geht jetzt nur darum, sich von Woche zu Woche auf die eigene Leistung zu konzentrieren. Wenn uns das dauerhaft gelingt, können wir spätestens in der kommenden Saison vom Aufstieg sprechen. Jetzt wäre das, angesichts von acht Punkten Rückstand, zudem respektlos gegenüber den Teams, die oben stehen. Ich glaube nicht, dass diese Mannschaften uns den Gefallen tun werden, noch sehr viele Spiele zu verlieren.

"Werde immer ein Kind des VfB sein"

bundesliga.de: Stichwort 2. Bundesliga: Die droht Ihrem Stammverein, dem VfB Stuttgart. Wie sehr schmerzt das, auch wenn Ihr Abschied vom VfB enttäuschend war?

Khedira: Ich werde immer ein Kind des VfB Stuttgart sein. Ich bin in Stuttgart geboren und aufgewachsen, habe viele Jahre in dieser Stadt verbracht, beim VfB die meisten Jugendteams durchlaufen und am Ende einige Spiele für die erste Mannschaft absolviert. Wenn ein so großer und schöner Verein dann solche Probleme bekommt, schmerzt das selbstverständlich. Ich glaube aber nach wie vor, dass der VfB zu Unrecht dort unten steht, weil die Mannschaft große Qualität aufweist. Bloß kann man die bereits seit einiger Zeit nicht mehr richtig auf dem Platz bringen. Umso mehr wünsche ich dem Club, dass man es doch noch schafft, die Klasse zu halten. Der VfB hat in der 2. Bundesliga nichts zu suchen und gehört in die Bundesliga!

bundesliga.de: Ein Wiedersehen mit dem VfB würde es danach wohl eher in der übernächsten Saison geben...?

Khedira: Das wäre natürlich eine Traumkonstellation, wenn ich in der übernächsten Saison mit Leipzig in der Bundesliga gegen den VfB antreten dürfte!

"Gegen Sami in der Bundesliga – das wäre mein Karriere-Highlight"

bundesliga.de: Und wann treffen Sie in der Bundesliga auf Ihren Bruder Sami?

Khedira: Das ist eine sehr gute Frage (lacht). Noch ist Sami in Spanien, und was in der kommenden Saison sein wird, ist absolut offen, wie er selbst gerade in einem Interview gesagt hat. Ich würde mich natürlich riesig freuen, wenn er zurückkommt. Sami wäre eine Bereicherung für die Bundesliga. Und ich bin überzeugt, dass die Liga ihn mit offenen Armen empfangen würde. Sollte es tatsächlich dazu kommen, dass wir irgendwann in der Bundesliga einmal gegeneinander spielen, wäre das für mich ein absolutes Karriere-Highlight.

bundesliga.de: Wie oft haben Sie noch Kontakt?

Khedira: Wir haben nach wie vor regelmäßig Kontakt und helfen uns gegenseitig, wenn einer mal Probleme hat. Dass Sami mir ob seiner großen Erfahrung in sportlichen Dingen aber weit mehr helfen kann als umgekehrt, versteht sich von selbst. Ansonsten sind wir zwei "stinknormale" Brüder, die ganz bestimmt nicht nur über Fußball reden (lacht).

bundesliga.de: Genaugenommen gibt es sogar drei "stinknormale" Brüder. Auch Denny verfügt über Fußballer-Gene, hat sich aber für Abitur und ein BWL-Studium entschieden; fehlt nur noch ein Sportmediziner, und Ihre Profi-Rundumversorgung wäre komplett...

Khedira: Vielleicht können Sie ja mal meine Eltern fragen, ob noch ein vierter Bruder möglich wäre (lacht). Nein, mal ernsthaft: Denny hat früh erkannt, dass er im Fußball vielleicht nicht der Allerfleißigste war und dass ihn sein Oberschenkelbruch ohnehin sehr weit zurückgeworfen hatte. Umso erfolgreicher ist er nun auf dem Weg, den er danach eingeschlagen hat. Und ich bin überzeugt, dass er auf diesem Weg noch sehr weit kommen wird.

Das Gespräch führte Andreas Kötter