Bis heute ist noch nicht eindeutig geklärt, wie es die Wikinger dereinst fertigbrachten, ihre gefürchteten Langboote durch Nordsee, Ärmelkanal und sogar die unbekannten Weiten des Atlantiks zu navigieren. Bei Nacht, bedecktem Himmel, bei Sturm und aufgepeitscher See. Zu jeder Jahreszeit. Von Generation zu Generation. Sie hatten es einfach im Blut.

Insofern passt es doch hervorragend, dass mit dem schwedisch verwurzelten Dänen Martin Retov nun ein Nachfahre der berüchtigten Nordmänner die Navigation hinter dem Steuerruder der Rostocker "Kogge" übernehmen soll.

Vorbei an tabellarischen Untiefen, durch das Auf und Ab eines saisonalen Wellentals, durch Wind und Wetter und nicht nur wenn die Sonne scheint.

Erfahrung für das große Ziel

"Wir haben einen erfahrenen Spieler gesucht, der Verantwortung übernimmt. Den haben wir mit Martin Retov gefunden", erklärte Hansa-Manager Herbert Maronn zur Verpflichtung des 28-jährigen Spielmachers, der nach Thomas Rasmussen, David Rasmussen und Kim Madsen bereits der vierte Däne in Diensten der Hanseaten ist und zuletzt bei Bröndby IF im Mittelfeld die Fäden zog.

Hansas neuer "Sechser" mit "Zehner"-Qualitäten hat bereits das Ziel klar vor Augen, weiß, wohin er die "Kogge" lenken soll und auch will: "Ich bin nach Rostock gekommen, um mit Hansa in die Bundesliga zurückzukehren."

"Paules" Erbe

Ein Gespräch mit Thomas Rasmussen hätte ihn in seiner Entscheidung für die Ostseestädter bestärkt: "Thomas hatte ja zwei Jahre in Rostock gespielt und mir sofort zum Wechsel geraten. Er sagte mir, der FC Hansa ist ein gut organisierter und professionell geführter Verein. Und da ich ohnehin gerne einmal in Deutschland spielen wollte, habe ich mich dann für diesen Wechsel entschieden."

Nachdem mit Stefan "Paule" Beinlich Rostocks ehemaliger Steuermann in den vergangenen Spielzeiten zu regelmäßigen medizinischen Landgängen gezwungen war und bei Hansa dann auch endgültig von Bord gehen musste, war "Kapitän" Frank Pagelsdorf auf Dauersuche nach entsprechendem Ersatz. Nun glaubt er, mit Retov den Richtigen angeheuert zu haben.

Neuer Leitwolf

"Den Spieler hatte ich schon über einen längeren Zeitraum im Blickfeld", verrät Pagelsdorf. "Mit seiner Erfahrung soll er unser Leitwolf im Mittelfeld werden, wo er sowohl auf der defensiven, als auch auf der offensiven Spielmacherposition agieren kann."

"Ich bin ein Teamspieler, der auf dem Platz hart für den Erfolg der Mannschaft arbeitet. Zu meinen Stärken gehören ein gutes Passspiel und eine gute Technik", lautet die Eigenbewertung des Neuzugangs aus Kopenhagen, der Marco van Basten als Vorbild nennt, und sich als Fan des AC Mailand outet.

Dass er sich zudem für die Spielweise von Xavi vom FC Barcelona begeistert, kann den Verantwortliche des FC Hansa wohl nur Recht sein.

Von vorne nach hinten

Retovs erste Station auf seinem Weg nach Rostock war Rishöj IF, ein kleiner Verein an der Köge-Bucht, rund 30 Kilometer südlich von Kopenhagen. Retov war acht Jahre alt und auf dem Spielfeld noch etwas weiter vorne platziert.

Als Stürmer fehlte ihm nach eigenen Angaben aber eine wichtige Schlüsselqualifikation: "Ich war damals nicht gerade der Schnellste. Deshalb bin ich dann zurück ins Mittelfeld gewechselt."

Eine optimale Entscheidung, die seine Leistung entscheidend optimierte. Denn aus der defensiveren Position heraus kamen seine Fähigkeiten, ein Spiel lenken zu können, erst richtig zum Tragen.

Fähigkeiten, auf die der Club Köge BK aufmerksam wurde, als Retov 16 Jahre alt war. Er wechselte 1996 zum Top-Verein seiner Heimatstadt, wo er später in der SAS Ligaen auch erstmals in der höchsten dänischen Spielklasse sein Debüt gab.

Titelsammler

Mit seinen überzeugenden Leistungen qualifizierte sich der dänische Nationalspieler für Höheres. 2002 unterschrieb er im Alter von 22 Jahren bei Bröndby IF.

Umgehend gewann er mit seinem neuen Arbeitgeber den dänischen Pokal, 2005 folgte das Double mit der Meisterschaft. In der vergangenen Saison schoss Martin Retov Bröndby mit seinem 3:2-Siegtreffer in der 85. Minute des Pokalfinals gegen Esbjerg fB zum erneuten Pokalerfolg.

In 220 Einsätzen für Bröndby erzielte der Rechtsfuß 23 Tore. 2004 war er Spieler der Saison beim Club aus Kopenhagen und im April dieses Jahres wurde Retov von den zwölf Kapitänen der dänischen Liga zum Fußballer des Monats gewählt.

Survival of the Fittest

Seine Lebensmaxime orientiert sich an der Auffassung, dass sich der Stärkste stets durchsetzt und siegt. Die Wikinger hätten Charles Darwin wohl gemocht.

Martin Retov dagegen muss den Beweis für diesen Überlegenheitsanspruch erst noch erbringen und die "Kogge" aus dem vernebelten Mittelfeld zum Platz an der Sonne navigieren.

Die Wissenschaft geht übrigens davon aus, dass Retovs Wikinger-Vorfahren einst auch deshalb so brillant ihre Boote ans Ziel brachten, weil sie bereits wussten, dass ihre Welt rund war. Fußballer wissen das seit Sepp Herberger.

Michael Wollny