Köln – Es war ein lauer Sonntag im Oktober 2013, als Pierre-Michel Lasogga die Herzen der Fans des Hamburger SV erstmals richtig höherschlagen ließ. Nach einem durchwachsenen Bundesliga-Start stand der HSV beim 1. FC Nürnberg mächtig unter Druck, aber am Ende stand ein berauschendes 5:0 – und Lasogga war mit einem lupenreinen Hattrick der Mann des Spiels. Es war sein erster Dreierpack im Profifußball. Den zweiten ließ er fast fünf Jahre später in der 2. Bundesliga folgen. Dazwischen liegt eine Zeit voller Irrungen und Wirrungen, aus der der Torjäger aber gestärkt hervorgehen könnte.

2013 kam der junge Lasogga als Leihgabe von Hertha BSC in die Hansestadt und schien einfach perfekt zum Club zu passen. Nach einer erfolgreichen ersten Saison (13 Tore in 20 Bundesliga-Spielen), in der er mit seinem entscheidenden Tor in der Relegation in Fürth endgültig zum Helden aufstieg, schien die Verbindung danach aber zu einem großen Missverständnis zu werden.

Drei Jahre mit magerer Quote beim HSV

In den folgenden drei Bundesliga-Spielzeiten traf er dann auch 13 Mal. Allerdings nicht pro Saison, sondern insgesamt - und das bei 76 Einsätzen. Im vergangenen Jahr wurde er schließlich nach Leeds in die zweite englische Liga ausgeliehen - dort bewies er mit zehn Treffern in 31 Spielen, dass er immer noch weiß, wo das Tor steht. Dennoch galt er nicht unbedingt als einer der Eckpfeiler, auf die der HSV beim Neuanfang nach dem ersten Bundesliga-Abstieg setzen würde.

Sahnetag im Frankenland: Pierre-Michel Lasogga schnürt im Oktober 2013 beim 1. FC Nürnberg seinen ersten Dreierpack im Profifußball
Sahnetag im Frankenland: Pierre-Michel Lasogga schnürt im Oktober 2013 beim 1. FC Nürnberg seinen ersten Dreierpack im Profifußball © gettyimages / Grimm / Bongarts

Spätestens nach seinem Dreierpack gegen Heidenheim am 5. Spieltag ist er aber wieder in aller Munde. Und das nicht nur, weil er als erster Joker in der Hamburger Clubgeschichte drei Tore erzielte. Fünf Pflichtspiele, sieben Tore – das ist eine beeindruckende Bilanz. Vor allem, da er in drei der fünf Partien erst eingewechselt wurde. Alle 70 Minuten versenkte Lasogga in dieser Spielzeit bislang den Ball im Netz – von dieser Quote träumen Stürmer auf der ganzen Welt.

"Er ist ein Knipser, der den Unterschied ausmacht. Das Team braucht so einen Spieler." Thomas von Heesen

Aber warum ist Lasogga auf einmal wieder so treffsicher? Der Stürmer selbst hat dafür eine einfache Erklärung: "Ich glaube, für einen Stürmer meiner Art ist es einfach wichtig, dass man Spieler um sich herum hat, die einen in Szene setzen. Die Spieler suchen mich, sie wissen, dass sie den Ball gefühlt nur in die Box spielen müssen und ich da irgendwo bin", sagte Lasogga gegenüber WDR 2. Es ist unbestritten, dass Lasogga seine Qualitäten vor allem im Strafraum hat. "In der Box ist er fast nicht zu verteidigen", lobt Mitspieler Aaron Hunt seinen Torjäger. Und die Statistik gibt dem HSV-Kapitän Recht: 31 seiner 34 Treffer in der Bundesliga und 2. Bundesliga erzielte er innerhalb des Strafraums.

Titz plant Lasogga auch für die Startelf ein

Damit erscheint er wie gemacht für das offensive System von Christian Titz, mit quirligen und dribbelstarken Flügelspielern, die Lasogga im Zentrum mit Zuspielen füttern können. Trotzdem sind bislang vor allem seine Jokerqualitäten gefragt. "Er zeigt einfach beeindruckend, wenn er eingewechselt wird, dass er direkt da ist. Das ist eine hohe Qualität, die man erst einmal haben muss", sagt sein Trainer Christian Titz über ihn. Mittelfristig stellt der Trainer ihm aber auch einen Platz in der Startelf in Aussicht.

Video: Der HSV verabschiedet sich erhobenen Hauptes aus der Bundesliga

Uwe Seeler ist Lasogga-Fan

Einen prominenten Fürsprecher hat Lasogga jedenfalls: "Ich würde Lasogga immer aufstellen", sagt niemand geringeres als HSV-Legende Uwe Seeler gegenüber der Bild-Zeitung über den kantigen Stoßstürmer und gerät dann regelrecht ins Schwärmen: "Unabhängig von seinen Toren reißt Pierre große Lücken in die gegnerische Verteidigung, bindet Gegenspieler. Mit seinem Willen ist er für alle ein großes Vorbild." Auch für Thomas van Heesen ist Lasogga eigentlich unverzichtbar. "Mit ihm und den schnellen, quirligen Offensivkräften stimmt die Mischung im HSV-Angriff", ist sich der Berater des Vorstandes der HSV Fußball AG sicher.

Diese Mischung soll den HSV nun wieder in die Bundesliga führen. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Auch, weil Lasogga derzeit wieder so unbekümmert auftritt, wie zu seiner Anfangszeit in Hamburg. Der Angreifer warnt aber vor Überheblichkeit und zeigt sich dabei in Interviews ebenso schnörkellos wie auf dem Spielfeld: "Der Weg zum Aufstieg ist noch lang. Wir müssen uns jedes Spiel den Arsch aufreißen – einfach malochen. Dann werden wir auch belohnt." Und nach der Relegation 2014 wäre Lasogga endlich wieder in der Helden- statt in der Nebenrolle.

Florian Reinecke