Rüdiger Rehm soll bei Arminia Bielefeld die erfolgreiche Arbeit von Norbert Meier fortführen

Bielefeld - Nach dem Wechsel von Norbert Meier zum SV Darmstadt 98 hat Rüdiger Rehm das Traineramt beim DSC Arminia Bielefeld übernommen. Mit bundesliga.de spricht der 37-Jährige über seine ersten Eindrücke, die Stärke der 2. Bundesliga und den Einfluss anderer Trainer.

bundesliga.de: Rüdiger Rehm, Arminia Bielefeld wirbt damit, "stur, hartnäckig und kämpferisch" zu sein - eben typisch ostwestfälisch. Wie intensiv haben Sie diese Eigenschaften bereits verinnerlicht?

Rüdiger Rehm: Einige habe ich schon drin. Aber ich habe meinen eigenen Stil, den ich der Mannschaft vermitteln möchte. In manchen Momenten bin ich dann auch stur, allerdings immer ein Teamplayer. Wir gehen hartnäckig an die bevorstehenden Aufgaben und versuchen, die Jungs dahin zu bringen, dass sie auch das tun, was wir von ihnen verlangen. Das hat in den ersten beiden Wochen sehr gut geklappt, die Jungs haben super mitgezogen.

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bundesliga.de: DSC-Geschäftsführer Gerrit Meinke hat sie als einen der gefragtesten Trainer im deutschen Profigeschäft bezeichnet. Ihnen lagen mehrere Angebote vor, nicht nur aus Bielefeld, sondern auch von anderen namhaften Clubs. Warum haben Sie sich für den DSC Arminia entschieden?

Rehm: Ich habe immer gesagt, dass ich die SG Sonnenhof Großaspach nur verlasse, wenn ich 100 Prozent von dem neuen Verein überzeugt bin. Diese Überzeugung habe ich bei der Arminia vorgefunden. Ich habe mich in intensiven Gesprächen mit der Sportlichen Leitung ausgetauscht und auch mit den Strukturen des Vereins beschäftigt. Das Paket bei Arminia passt einfach perfekt.

bundesliga.de: Was beinhaltet dieses Paket?

Rehm: Eine gute Kaderstruktur ist schon gegeben gewesen, da Norbert Meier in den vergangenen Jahren eine hervorragende Arbeit abgeliefert hat und die Stammkräfte gehalten werden konnten. Hinzu kamen das Umfeld in Bielefeld, die Erwartungshaltung, die Vorfreude vielleicht auch auf meine Person, die sicherlich nicht immer normal, aber sehr wichtig ist für einen jungen Trainer. Zudem hat mich die sportliche Leitung davon überzeugt, dass ich der absolute Wunschkandidat bin.

bundesliga.de: Sie haben eine steile Karriere mit der SG Sonnenhof Großaspach hingelegt, sind vom spielenden Co-Trainer zum Cheftrainer aufgerückt und haben den Verein bis an die Spitze der 3. Liga geführt. Aus der württembergischen Idylle mit nicht einmal 9.000 Bewohnern und einem Dorfverein in die Universitätsstadt mit fast 330.000 Einwohnern und einem Traditionsclub: Ist das für Sie der logische, nächste Karriere-Schritt gewesen?

Rehm: Auf jeden Fall. Ich habe immer gesagt, dass ich nicht innerhalb der 3. Liga wechseln werde, solange mein Vertrag in Großaspach läuft. Bielefeld ist eine ganz andere Hausnummer, das ist doch vollkommen klar. Dadurch ändern sich die Arbeit und die Philosophie des Trainers aber nicht.

bundesliga.de: Für welche Fußballphilosophie stehen Sie denn?

Rehm: Das Feld ist sehr breit gefächert. Man kann nicht einfach sagen, wir stehen hinten sicher und kontern jetzt den Gegner aus. Wir greifen auf verschiedene Bausteine zurück. Wenn wir den Ball nicht haben, versuchen wir ihn so schnell wie möglich zu gewinnen. Heißt: Wir wollen die Pressingsituationen so herstellen, dass wir den Gegner in eine Falle locken. Wir versuchen aber auch schnell Fußball zu spielen, schnell umzuschalten, wenn wir den Ball erobert oder verloren haben. Das sind alles Faktoren, die wir trainieren. Im Laufe der Saison schauen wir dann, was besser und was schlechter funktioniert. Ich habe vor allem immer eine Idee fürs nächste Spiel und bereite die Mannschaft weniger nach meiner Grundphilosophie vor. Die Basis ist ein 4-4-2, aber auch dieses System ändert sich sehr schnell, manchmal innerhalb von zwei, drei Sekunden. Wir werden alle Bausteine, die es im Fußball gibt, einstudieren, um den optimalen für unser jeweiliges Spiel wählen zu können.

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bundesliga.de: Der Verein hat noch unter Norbert Meier bereits zwei Spieler verpflichtet, Tomasz Holota von Slask Breslau und Florian Hartherz vom SC Paderborn. Zudem kommt Manuel Prietl vom SV Mattersburg. Auf welchen Positionen sehen Sie noch Nachholbedarf?

Rehm: Der Kader ist bereits sehr gut strukturiert. Wir werden aber sicherlich noch mal tätig werden. In welchem Rahmen, das werden wir intern besprechen. Der Markt ist noch voll, es gibt genug Spieler, die auf Vereinssuche sind. Aber sie müssen zu uns passen. Wir haben keine Eile. Natürlich ist es immer so: Je früher der Kader vollständig ist, desto besser.

bundesliga.de: Sie haben bei Ihrer Vorstellung gesagt, in der kommenden Saison besser abschneiden zu wollen als Platz 12 und 42 Punkte, die Arminia in der Spielzeit 2015/16 holte. Heißt das automatisch, dass Bielefeld mit dem Abstiegskampf nichts zu tun haben wird?

Rehm: Nein. Es geht immer bei Null los und wir müssen uns erst einmal von unten absetzen. Aber mein Ziel ist es, die Leistung der Mannschaft und jeden Spieler kontinuierlich zu verbessern. Und wenn ich sage, der Kader ist mindestens so bestückt wie im letzten Jahr, dann muss es unser Anspruch sein, diese 42 Punkte und diesen 12. Platz zu überbieten. Trotzdem gibt es in jeder Saison Situationen, die man nicht vorhersehen kann. Sei es durch Verletzungen oder andere Einflüsse.

bundesliga.de: Sie waren selbst Profi bis 2012, haben unter anderem unter Uwe Rapolder, Alexander Zorniger oder Wolfgang Frank gespielt. Welcher Trainer hat Sie am meisten inspiriert?

Rehm: Jeder ein bisschen, jeder Trainer prägt. Bei dem einen sagst du, der war richtig gut. Bei dem anderen findest du etwas nicht so gut. Daraus ergibt sich ein guter Mittelweg. Ich habe mir schon als Spieler eine eigene Philosophie aufgebaut, wenn auch unbewusst. Von diesem Denken und diesen Erfahrungen profitiere ich heute.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie die Leistungsstärke die 2. Bundesliga ein? Welche Mannschaften werden um den Aufstieg mitspielen, für wen geht’s um den Klassenerhalt?

Rehm: Es ist schwer zu sagen, wie stark die Liga wirklich ist. Sie ist auf jeden Fall sehr interessant. Hannover 96 ist dazugekommen, der VfB Stuttgart, Erzgebirge Aue, Dynamo Dresden – Traditionsvereine, mit vielen Fans, die die Liga ausmachen. Das Interesse an der 2. Bundesliga ist sicherlich nochmal gewachsen. Wie stark die einzelnen Mannschaften wirklich sind, wird sich erst zeigen, wenn die Kader endgültig zusammengestellt und die ersten fünf, sechs Spieltage vorbei sind.

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bundesliga.de: Heißt: Die etablierten Bundesliga-Vereine wie Hannover 96 und der VfB Stuttgart sind nicht zwingend Aufstiegskandidaten?

Rehm: Kandidaten sind sie auf jeden Fall, vorausgesetzt sie verstärken sich entsprechend. In den vergangenen Jahren sind immer mal wieder etablierte Traditionsvereine runter gekommen, die nicht automatisch wieder aufgestiegen sind. Man muss, wie der SC Freiburg in der vergangenen Saison, seinen Kader sehr schnell beieinander haben. Alles muss passen. So einfach wird es die Liga den großen Vereinen allerdings nicht machen.

Das Gespräch führte Victor Fritzen