Zusammenfassung

  • Robin Himmelmann hofft, dass der FC St. Pauli schnell aus der Abstiegsgefahr raus kommt.

  • Für ihn steht der Kiez-Club für weit mehr als nur Fußball.

  • Gegen Union fordert er Aggressivität und vollen Einsatz von allen.

Köln - Der FC St. Pauli steht - genauso wie das Gros aller Clubs in der 2. Bundesliga - mitten im Kampf gegen den Abstieg. Gerade drei Punkte trennen den Tabellen-15. vom Relegationsplatz. Zuletzt ließen auch die Leistungen zu wünschen übrig. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Torwart Robin Himmelmann über die geplante Wiedergutmachung gegen den 1. FC Union Berlin, über die DNA des Kult-Clubs und über Schwarz-Weiß-Denken nicht nur im Fußball.

bundesliga.de: Herr Himmelmann, nachdem sich der FC St. Pauli zu Beginn der Rückrunde ein wenig von den Abstiegsrängen abgesetzt hatte, steht der Club nun wieder dort, wo man bereits zur Winterpause stand, auf Platz 15. Ist mehr als Abstiegskampf einfach nicht drin?

Robin Himmelmann: Es ist richtig, wir stehen wieder dort, wo wir schon kurz vor dem Winter gestanden haben. Das ist selbstverständlich für uns alle keine befriedigende Situation. Und wir müssen uns die Frage gefallen lassen, ob es für mehr tatsächlich nicht reicht.

Der Kontakt zu den Fans ist Robin Himmelmann wichtig
Der Kontakt zu den Fans ist Robin Himmelmann wichtig © gettyimages / Stuart Franklin/Bongarts

bundesliga.de: Wie beantwortet die Mannschaft diese Frage?

Himmelmann: Wir haben in den vergangenen Tagen intern sehr viele intensive Gespräche geführt und haben uns auf die kommenden Aufgaben eingeschworen. Dort warten beinahe ausschließlich direkte Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt, und wir wollen in diesen Partien unbedingt ein anderes Gesicht zeigen als zuletzt beim 1:2 gegen Erzgebirge Aue.

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bundesliga.de: Tatsächlich befindet sich fast die komplette Liga noch im Kampf um den Klassenerhalt. Empfinden Sie diese Ausgeglichenheit als positiv, oder sehen Sie darin eher ein Zeichen für Mittelmaß?

Himmelmann: Das ist eine schwierige Frage. Ich sehe keine klassischen Abstiegskandidaten. Die Aufsteiger stammen aus einer 3. Liga, in der zumindest im oberen Drittel die Leistungsdichte ebenfalls sehr hoch ist. Zudem fehlen in dieser Saison die ganz großen Kaliber, wie es Stuttgart und Hannover im Vorjahr waren. Deshalb konnte man vor der Saison weder einen klassischen Favoriten noch klassische Abstiegskandidaten benennen. Wie diese Ausgeglichenheit zu bewerten ist, muss uns im Moment aber egal sein. Wir können ohnehin nur unser eigenes Auftreten beeinflussen.

"Das kämpferische Element kommt in der 2. Bundesliga vor dem spielerischen. Ich sehe jedenfalls keine Mannschaft, die eine andere ausschließlich mit schönem Fußball aus dem Stadion schießen könnte."

bundesliga.de: Stichwort Auftreten: Trainer Markus Kauczinski hat fehlende Kämpfertypen beklagt, gleichzeitig aber gesagt, man könne von Spielern, denen man andere Dinge in die Wiege gelegt habe, keinen Kampf verlangen. Muss man in einer so prekären Situation aber nicht von jedem Profi vollen Einsatz fordern können?

Himmelmann: Das kämpferische Element kommt in der 2. Bundesliga fraglos vor dem spielerischen. Ich sehe jedenfalls keine Mannschaft, die eine andere ausschließlich mit schönem Fußball aus dem Stadion schießen könnte. Vielmehr geht es darum, in den Kopf des Gegners zu kommen, ihn zu beeindrucken. Und das gelingt vor allem über Aggressivität, über eine für den Gegner unangenehme Spielweise, die ihn immer wieder vor Probleme stellt. Das haben wir in dieser Woche besprochen und daran appelliert, dass jeder sich darauf besinnen muss. Dann werden auch andere Qualitäten wieder besser zum Tragen kommen. Das umzusetzen, darauf wird es gegen Union Berlin ankommen.

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bundesliga.de: Union ist nur wegen des Torverhältnisses besser platziert, hatte aber ganz andere Ziele. Ist es ein Vorteil gegen ein frustriertes Team anzutreten, oder liegt gerade darin eine Gefahr?

Himmelmann: Die Frage kann man mit "sowohl, als auch" beantworten. Frustration kann sicherlich in geballte Energie kanalisiert werden. Aber sie kann ebenso lähmen. Vor allem, wenn man einen solchen Gegner immer wieder vor unangenehme Aufgaben stellt. Dann kann uns eine solche Frustration, die sich über Wochen angestaut hat, durchaus helfen. Trotzdem dürfen wir uns nicht darauf verlassen, dass sich die Berliner aus lauter Frust selbst zerfleischen.

St. Pauli steckt noch im Kampf um den Klassenerhalt. Himmelmann will schnell unten weg
St. Pauli steckt noch im Kampf um den Klassenerhalt. Himmelmann will schnell unten weg © DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Alex Grimm/Getty Images

bundesliga.de: Wenn man wie Sie bereits sechs Jahre bei einem Club ist, dürfte man sich dort sehr wohlfühlen und die DNA des Clubs verstanden haben. Können Sie die des FC St. Pauli in zwei, drei Sätzen beschreiben?

Himmelmann: In zwei, drei Sätzen? Das ist nicht so einfach! (lacht) Auf jeden Fall hatte ich in den sechs Jahren, in denen ich hier bin, selbst in den sportlich schwierigsten Phasen nie auch nur im Ansatz das Gefühl, dass die Fans nicht hinter uns stehen würden. Selbst als wir in der vergangenen Saison in der Hinrunde in einer fast aussichtlosen Situation waren, gab es keinen einzigen Pfiff. Und das hat uns in der Rückrunde extrem gepusht und sehr erfolgreich gemacht.

bundesliga.de: Die Ausstrahlung des FC St. Pauli ist aber nicht nur auf das Rasenviereck begrenzt...

Himmelmann: Richtig. Der Verein legt sein Hauptaugenmerk nicht nur darauf, am Wochenende möglichst drei Punkte zu holen. Es gibt eine klare Haltung im Kampf gegen Rassismus, Sexismus, Homophobie und gegen Nazis.  Man unterstützt und lebt auch viele Projekte außerhalb des Fußballs. Projekte, die die soziale Verantwortung widerspiegeln, die der Verein gerne übernimmt.

"Ich glaube, dass sich viele Menschen die Welt nur schwarz oder weiß denken. Einmal nur auf den Fußball bezogen: Entweder ist ein Spiel toll, oder es ist schlecht. Dazwischen scheint es nichts zu geben."

bundesliga.de: Sie selbst gelten als Profi, der von sich sagt, er habe "großes Interesse, die Dinge zu verstehen". Ist das Verstehen schwieriger geworden, weil die Dinge heute so komplex und miteinander verwoben sind?

Himmelmann: Ich glaube, dass sich viele Menschen die Welt nur schwarz oder weiß denken. Einmal nur auf den Fußball bezogen: Entweder ist ein Spiel toll, oder es ist schlecht. Dazwischen scheint es nichts zu geben. Aber egal, ob es um Fußball geht oder um andere Bereich des Lebens – um sich wirklich eine detaillierte Meinung bilden zu können, braucht man ein größeres Wissen über die Hintergründe etc. Sich dieses Wissen und diese Informationen anzueignen und zu bewerten, ist aber schwieriger geworden. Eben weil – wie Sie sagen – die Dinge so miteinander verwoben, ja ineinander verstrickt sind. Dann machen es sich viele zu einfach und bewerten die Dinge aus der Emotion heraus, ohne sich wirklich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

bundesliga.de: Macht Ihnen das Angst, weil sich in einer solchen Lage immer Kräfte finden, die leichte Lösungen versprechen?

Himmelmann: Angst würde mich nur lähmen. Ich selbst bin niemand, der versuchen würde, ein Problem zu lösen, indem ich es nur einseitig betrachte, sondern ich versuche mir immer ein umfassenderes Bild zu machen.

bundesliga.de: Wie aber umgehen mit diesen Stimmungen?

Himmelmann: Wie gesagt, Angst habe ich keine. Aber es gibt durchaus Entwicklungen, die einem mehr und andere, die einem weniger gefallen. Ich bin sehr gespannt, wie sich diese Dinge in den kommenden Jahren entwickeln und auswirken werden. Stimmungen, die aus einer großen Unzufriedenheit heraus entstehen, bedürfen eines gesunden Dialogs.  Es ist Aufgabe von uns allen, dass wir uns für eine weltoffene, vielfältige und diskriminierungslose Gesellschaft einsetzen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter