Köln - Im zweiten Teil des großen Interviews mit bundesliga.de spricht der Coach des FC St. Pauli über Führungsspieler, möglich Wintertrasnfers und die Verantwortung gegenüber den Fans.

bundesliga.de: In einem Gespräch mit bundesliga.de hatten sie 2012/13 den Abstiegskampf in der Bundesliga analysiert. Sie sagten damals, "allein mit spielerischen Mitteln" komme man nicht weit und eine Mannschaft brauche "Hierarchie und Führungsspieler". Wer sind die Führungsspieler bei St. Pauli?

Lienen: Das bezieht sich nicht allein auf den Kampf um den Klassenerhalt. Jede Mannschaft braucht Struktur. Es geht darum, verantwortungsvolle Spieler zu haben. In der Regel ist es so, dass man gern drei, vier auf dem Platz hat, die so eine Führungsrolle übernehmen. Das darf man nicht mit dieser künstlichen Führung verwechseln, die ich als Spieler noch vor Jahrzehnten erlebt habe, wo ältere Spieler gedacht haben, egal wie schlecht sie sich verhalten haben, Kraft ihres Alters oder der Erfolge, die sie erzielt haben, sie können auf jungen Spielern herumtrampeln. Das hat nichts mit Führungsqualität zu tun. Das war widerwärtig. Aber das hat sich zum Glück verändert. Es müssen nicht immer die besten Spieler sein, es müssen Spieler sein, die auf dem Platz in der Lage sind, etwas zu coachen. Wenn man das nicht hat, wird es schwierig. Denn anders als in anderen Sportarten,bei denen man eine Auszeit nehmen kann, ist der Einfluss der Trainer auf das Spiel begrenzt. Deshalb muss möglichst jeder Verantwortung übernehmen.

bundesliga.de: Diesen berühmten "verlängerten Arm" gibt es also nicht...

Lienen: Nein. Spieler, die wie Frank Lampard während seiner Zeit bei Chelsea oder Steven Gerrard bei Liverpool zur absoluten Führungsperson taugen, gibt es nur sehr, sehr wenige.

"Wir wollen uns auf dem Flügel verstärken"

bundesliga.de: Einzige Neuverpflichtung bisher ist Julian Koch. Ist er schon in der Lage, der Mannschaft weiterzuhelfen?

Lienen: Julian konnte während des Trainingslagers einige Zeit nicht trainieren, weil er Wadenprobleme gehabt hat. Gegen Gaziantepspor hat er 45 Minuten gespielt. Es ist klar, dass er jetzt Spiele braucht, um einen Rhythmus zu bekommen. Die werden wir ihm geben, ohne ihn allerding zu überbeanspruchen.

bundesliga.de: Sehen Sie während der Winter-Transferperiode noch Handlungsbedarf für die eine oder andere Position?

Lienen: Es ist bekannt, dass wir uns auf dem Flügel mit einem schnellen, torgefährlichen Mann verstärken wollen. Aber den muss man natürlich finden. Wir haben einige Spieler auf dem Zettel, auch auf anderen Positionen, aber wir wollen erstmal sehen, wie der aktuelle Kader sich in den nächsten zwei Wochen entwickelt.

bundesliga.de: Es geht für St. Pauli um den Klassenerhalt. Sehen Sie sich als so genannter "Feuerwehrmann" oder können Sie sich ein langfristiges Engagement vorstellen. Ziel des Vereins ist es ja, sich unter den Top 25 in Deutschland zu etablieren, mit der Option auch wieder in der Bundesliga zu spielen.

Lienen: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ich fühle mich hier sehr wohl, und wir haben beim FC St. Pauli sehr, sehr gute Bedingungen. Das gilt für die Installationen wie das Stadion, das demnächst ganz fertig sein wird und die Trainingsbedingungen, aber auch für die handelnden Personen. Und das ist mir noch wichtiger, denn das entscheidende sind nicht die Installationen, das ist die Manpower. Und da sind wir sehr gut aufgestellt. Derzeit haben wir aber die Top 25 in Deutschland nicht im Kopf, sondern konzentrieren uns einzig und allein auf unser Ziel – den Klassenerhalt.

"Wir haben bei Pauli sehr, sehr gute Bedingungen"

bundesliga.de: Sie haben vor dem FC St. Pauli 13 verschiedene Klubs trainiert, neben der Bundesliga auch in Spanien, Griechenland oder Rumänien. Ist aus Ihrer Innensicht als Trainer der FC St. Pauli der "andere Verein" als der er in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird?

Lienen: Ich glaube, jeder weiß, dass der FC St. Pauli nicht nur Fußball spielt, sondern auch für eine bestimmte Philosophie steht. Der Verein positioniert sich auch gesellschaftspolitisch und bezieht klare Positionen. Das ist mir persönlich sehr sympathisch, denn es ist etwas ganz Wichtiges, dass man sich nicht auf die Position zurückzieht, "wir sind ein Fußball-Verein und haben mit Politik nichts zu tun". Die Positionen, die dieser Verein bezieht, würde ich noch nicht einmal als politisch bezeichnen, sondern als selbstverständlich. Als Grundlage für unserere Demokratie.

bundesliga.de: Die St. Pauli-Fans haben Sie begeistert empfangen...

Lienen: Die Fans sind ein wichtiger Faktor für die Mannschaft und auch für mich als Trainer. Es ist schön zu sehen, dass wir eine durch und durch positive Atmosphäre im Stadion haben. Entsprechend groß ist die Verantwortung für uns, den Fans etwas zu bieten. Ich bin sehr froh, dass wir das im letzten Spiel (3:1 gegen den VfR Aalen; die Red.) ansatzweise machen konnten und dass die Fans, die in dieser Saison sehr genügsam waren, kurz vor Weihnachten ein halbwegs vernünftiges Fußballspiel zu sehen bekamen, das dann auch noch mit einem Sieg belohnt wurde.

bundesliga.de: Warum bleibt St.Pauli in der Zweiten Liga?

Lienen: Wir haben eine große Verantwortung für alle, da der ganze Klub daran hängt, nicht nur unsere Verträge. Wir werden alles daran setzen, diese Aufgabe erfolgreich zu gestalten. Aber ich würde es als überheblich empfinden, wenn ich mich hier hinstelle und sage: St. Pauli bleibt drin, weil...

Das Gespräch führte Jürgen Blöhs

Hier geht es zum ersten Teil des großen Interviews mit Ewald Lienen!