Kaum einer weiß so viel über die 2. Bundesliga wie Jörg Berger. Vor rund 30 Jahren stieg er ins Trainergeschäft ein - bei Bundesliga-Absteiger Darmstadt.

"Darmstadt war gerade aus der Bundesliga abgestiegen, aber die Spieler waren nur Feierabendprofis. Wir haben nur nachmittags trainiert. Und ich musste meinen Fußball-Lehrer in Köln nachholen und bin täglich 500 Kilometer gependelt. Das war eine ganz andere Zeit", erinnert sich Berger.

Für bundesliga.de hat er nach vorne geblickt. Er spricht über die Entwicklung der Liga, die Favoriten für die neue Saison und die Relegation.

bundesliga.de: Herr Berger, Rostocks Trainer Frank Pagelsdorf spricht von der "stärksten 2. Liga der Welt". Teilen Sie diese Meinung?

Jörg Berger: Ich kenne die zweiten Ligen aus England oder Italien nicht so genau. Aber ich kann es mir sehr gut vorstellen, denn das Niveau in Deutschland ist sehr hoch. In der 2. Bundesliga spielen viele Nationalspieler aus anderen Ländern und in den letzten Jahren waren auch deutsche Nationalspieler wie Oliver Neuville oder Lukas Podolski dabei.

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Entwicklung der 2. Bundesliga generell?

Berger: Das Medieninteresse ist viel größer geworden, mehr Sponsoren sind dazugekommen und vor allem die Stadion sind erstklassig. Jeder Verein, der aufsteigt, will sofort sein Stadion umbauen; das ist eine Entwicklung wie vor etwa zehn Jahren in der Bundesliga. Die Stadien in der 2. Bundesliga sind jetzt zum Teil besser als die Stadien in den ersten Ligen in Italien, Spanien oder Portugal. Das gilt auch für die Zuschauerzahlen.

bundesliga.de: Das war bei ihrer ersten Station noch anders.

Berger: Das kann man wohl sagen. Ich habe 1979 nach meiner Flucht aus der DDR bei Darmstadt 98 in der 2. Bundesliga als Trainer angefangen. Da waren die Stadien nicht gerade modern, das hat mich an DDR-Zeiten erinnert. Der Fußball in der 2. Bundesliga war auch nicht der, den ich mir vorgestellt habe. Ich wollte schnell in die Bundesliga.

bundesliga.de: Was unterscheidet die Bundesliga heute von der 2. Bundesliga?

Berger: Die 2. Bundesliga ist einfach unberechenbarer. Die Mannschaften ändern sich öfter, auch die Spieler und Trainer. Man kann die Gegner deshalb insgesamt schwerer einschätzen. Es gibt in der Regel auch kein Mittelfeld in der Tabelle, nirgendwo kann man sich sicher fühlen. Darin liegt natürlich auch ein Reiz für die Zuschauer. Zehn Spieltage vor Schluss können die meisten Vereine genauso um den Aufstieg mitspielen wie gegen den Abstieg kämpfen.

bundesliga: Das ist in der Bundesliga anders.

Berger: Richtig. Es ist mehr Struktur in dieser Liga, für einen Trainer ist es leichter zu arbeiten und zu planen. Man kennt die Trainer und Spieler besser. Man weiß zum Beispiel wie Felix Magath spielen lässt. Es gibt auch klarere Unterschiede zwischen den Mannschaften. Es gibt die Top Drei, dann die Mannschaften, die um die internationalen Plätze spielen und dann das Mittelfeld.

bundesliga.de: Gehören die Bundesliga-Absteiger auch diesmal zu den Favoriten in der 2. Bundesliga?

Berger Ja, denn sie haben die besten Voraussetzungen. Nürnberg, Rostock und Duisburg haben erfahrene und bundesligaerprobte Trainer und Spieler und moderne Stadien. Jeder Absteiger versucht auch so schnell wie möglich wieder aufzusteigen.

bundesliga.de: Wer zählt für Sie noch zum Favoritenkreis?

Berger: Die Mannschaften, die auch zuletzt oben angeklopft haben: Freiburg, Aachen und die Mainzer. Dazu kommt sicher wieder ein Überraschungsteam, wie zuletzt Hoffenheim.

bundesliga.de: Ist der Abstand zwischen den beiden Bundesligen und den restlichen Ligen größer geworden? Es gab im DFB-Pokal kaum Überraschungen...

Berger: Nein, das denke ich nicht, der Abstand ist etwa gleich geblieben. Bundesliga und 2. Bundesliga haben sich aber in der Breite stabilisiert, das heißt, die Clubs haben größere und bessere Kader und sind damit insgesamt stärker geworden. Die Ergebnisse im Pokal haben eher damit zu tun, dass sich die Bundesligisten heute besser vorbereiten und die Gegner nicht mehr unterschätzen.

bundesliga.de: Die kommende Saison wird mit Relegationsspielen um den Auf- und Abstieg enden. Können Sie sich noch an das Saisonfinale 1988/89 erinnern?

Berger: Ja, natürlich, das war auch dramatisch genug. Ich hatte Eintracht Frankfurt in der Winterpause übernommen, und die Mannschaft war eigentlich schon abgestiegen. Wir sind am Ende als Sechzehnter in die Relegation gegen den Tabellendritten der 2. Bundesliga, den 1. FC Saarbrücken gekommen. Wir gewannen das Hinspiel 2:0 und verloren in Saarbrücken 1:2. Als Bundesligist bist du natürlich der Favorit und alle erwarten den Klassenerhalt. Diesen Druck auf den Trainer wünsche ich niemanden.

Das Gespräch führte Stefan Kusche