Berlin - Dresden gegen Aue - was nach der Neuauflage eines alten DDR-Klassikers klingt, ist am 34. Spieltag der 2. Bundesliga 2012/13 ein Fernduell. Die punktgleichen Teams aus Sachsen kämpfen um den letzten Nicht-Abstiegsplatz, der Verlierer muss in die Relegation gegen den Drittplatzierten der 3. Liga. Zu DDR-Zeiten zählten beide noch zu den erfolgreichsten Vereinen des Landes.

Keine Frage: Beide Clubs haben schon bessere Zeiten gesehen - und auch manch großes Duell. Die Teams aus den etwa 90 Kilometer entfernt voneinander gelegenen sächsischen Städten holten vor der Vereinigung von Ost- und Westdeutschland 1990 zusammengerechnet 19 Titel: Aue war 3 Mal DDR-Meister und ein Mal Pokalsieger, Dresden kommt auf acht Meisterschaften und sieben Pokalsiege.

Aue: Glanzzeit in den 50ern



Der Bergarbeiterclub Aue holte seine Titel allesamt in den 50er Jahren. Der zentralen Sportvereinigung Wismut, die namensgegebend auch für die Kicker aus der heutigen Kreisstadt im Erzgebirge war, unterstand auch die Betriebssportgemeinschaft aus Aue. 1954 sollte sie in die damalige Bezirkshauptstadt Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) verpflanzt werden. Doch nach Protesten aus der Bevölkerung beließ man es lediglich bei der Namensänderung in SC Wismut Karl-Marx-Stadt, der Club spielte weiter in Aue. So kam es, dass alle drei DDR-Meisterschaften 1956, 1957 und 1959 sowie der Pokalsieg 1955 unter dem Namen einer anderen Stadt eingefahren wurden.

Die sächsischen Rivalen aus Dresden hingegen hatten ihre beste Zeit erst in den 70er Jahren, als sie fünf ihrer acht Meistertitel errangen. Offiziell 1953 als Teil der Sportvereinigung Dynamo gegründet, feierten sie zwar gleich in ihrem Gründungsjahr ihre erste Meisterschaft. Doch nur ein gutes Jahr später wurde die Mannschaft auf Geheiß von oben komplett nach Berlin delegiert, sodass fortan unter dem Namen Dynamo Berlin auch in der Hauptstadt der DDR ein konkurrenzfähiges Team beheimatet war.

Dynamo zeitweise nur viertklassig



Für Dresden bedeutete diese politische Entscheidung, dass das örtliche Nachfolgeteam anderthalb Jahrzehnte zwischen den Ligen herumirrte und zeitweise sogar nur noch viertklassig spielte. Damit war zugleich der Grundstein gelegt für die Erzfeindschaft mit dem Namensvetter in der Hauptstadt, die die regionale Rivalität zu anderen sächsischen Mannschaften wie etwa Aue eindeutig in den Schatten stellte.

Dabei barg schon die erste Dresdener Meisterschaft 1953 viel Zündstoff. Nach einer spannenden Saison, bei der bis kurz vor Schluss noch fünf Teams um den Titel mitspielten, zog Aue erst in einem Nachholspiel nach Punkten mit Dynamo gleich. Dem damaligen Reglement zufolge musste ein Entscheidungsspiel her. Es fand vor 50.000 Zuschauern in Ost-Berlin statt. Erst nach Verlängerung siegte "Elbflorenz" mit 3:2 gegen "die Macht aus dem Schacht", wie die Auer in Anspielung an ihre Wurzeln im Bergbau genannt werden.

SGD: Dominanz in den 70ern



Doch als Dynamo Dresden sich nach dem jahrelangen Niedergang durch die Verpflanzung der ersten Manschaft nach Berlin Ende der 60er Jahre wieder in der höchten Spielklasse etablieren konnte, hatte Wismut Aue seine besten Zeiten schon lange hinter sich. Fortan ging es für die "Schachter" oft nur noch gegen den Abstieg, während die SGD allein in den 70er Jahren fünf Meisterschaften feierte und vor allem mit dem 1. FC Magdeburg und Dynamo Berlin konkurrierte.

Obwohl Aue in der vorletzten Oberligasaison 1989/90 erstmals in die 2. Liga abstieg, spielte der Verein immerhin 39 Jahre in der höchsten Spielklasse der DDR - so lange wie keine andere Mannschaft. 1993 wurde das einstige Wismut Aue in FC Erzgebirge umbenannt und durchlebte schwere Zeiten, bis 2003 immerhin der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelang. Dresden und Aue trafen zwischen 1951 und 2013 insgesamt in 83 Ligaspielen aufeinander. 37 Mal behielt Dynamo die Oberhand, 24 Mal gewann Aue. 22 Partien endeten unentschieden.

Einer muss zittern



Viel ist von dem Glanz früherer Jahre auf beiden Seiten nicht mehr übrig. Die Kicker aus Dresden, das über eine halbe Million mehr Einwohner als Aue hat, spielen zwar in einem schmucken Stadion. Doch die für Zweitligaverhältnisse horrende Miete für die Arena, zusammen mit den Folgen des Missmanagement der Nachwendezeit, nimmt dem Club die Luft zum Atmen.

Im kleinen Aue gibt es zwar weniger finanzielle Altlasten, doch das idyllisch am Hang gelegene Stadion der "Schachter" müsste dringend saniert werden und beherbergt selten mehr als 10.000 Zuschauer. Große Sprünge sind für beide Vereine nicht drin. Umso wichtiger wäre wenigstens der Klassenerhalt. Doch seit dem vergangenen Spieltag steht fest: Einer von beiden muss in das Zitterspiel der Relegation.

Andre Anchuelo