Köln - In der kommenden Saison spielen fünf Vereine aus Ost-Deutschland in der 2. Bundesliga - so viele wie nie zuvor! Der F.C. Hansa Rostock und Dynamo Dresden haben die Rückkehr in Deutschlands zweithöchste Spielklasse geschafft und versuchen nun gemeinsam mit dem FC Erzgebirge Aue, Energie Cottbus und Union Berlin, sich dauerhaft dort zu etablieren.

Doch wie stehen die Chancen der einzelnen Clubs und wie sehen die Voraussetzungen aus? bundesliga.de hat mit dem ehemaligen Stürmer der SG Dynamo Dresden, Ulf Kirsten, die Möglichkeiten der fünf Ost-Vereine analysiert und über die Bedeutung dieser Saison für den Fußballstandort Ost gesprochen.

bundesliga.de: Herr Kirsten, mit dem FC Erzgebirge Aue, Energie Cottbus, Dynamo Dresden, Union Berlin und Hansa Rostock spielen in der kommenden Saison fünf Ost-Vereine in der 2. Bundesliga - so viele wie noch nie. Was bedeutet das für den Fußball-Standort Ost?

Ulf Kirsten: Das ist eine feine Sache und gut für den Osten. Wenn man die Bundesliga und die 2. Bundesliga sieht, wirken eigentlich viel zu wenige Ost-Clubs darin mit. Rostock und Dresden haben es jetzt geschafft, in die 2. Bundesliga zurückzukehren, was eine tolle Sache ist, auch für die gesamte Region.

bundesliga.de: Worin liegen denn die Probleme für Vereine aus Ost-Deutschland?

Kirsten: Ich denke, dass es in erster Linie eine finanzielle Sache ist. Dann könnte ich mir auch vorstellen, dass regional nicht so viele talentierte junge Spieler vorhanden sind. Vielleicht hat auch der ein oder andere Verein noch mit Misswirtschaft der vergangenen Jahre zu kämpfen. Wenn man Aue als Beispiel nimmt, oder auch Union Berlin: Die haben das beide in den letzten Jahren gut gemacht und sich eigentlich auch in der 2. Bundesliga etabliert. Bei Rostock und Dresden muss man nun hoffen, dass auch diese beiden Vereine Stabilität bekommen und länger in der Liga verweilen.

bundesliga.de: Sie selbst haben mit Ihrer Stiftung Ihren alten Verein, Dynamo Dresden, jahrelang unterstützt. Sind die fehlende Struktur und schlechtere Finanzen tatsächlich das Hauptproblem im Ost-Fußball?

Kirsten: Ich denke, dass alles eine Rolle spielt: Management, Teamarbeit, Strukturen im Verein. Ob ein Verein in der Bundesliga, der 2. Bundesliga oder weiter unten spielt, wird von vielen Dingen beeinflusst. Woran es nun genau liegt, kann ich aber nicht beurteilen, weil ich dafür zu weit vom Verein weg bin.

bundesliga.de: Lassen Sie uns über das Sportliche reden. Mit Aue und Cottbus werden zwei Ost-Clubs Chancen zugerechnet, um den Aufstieg mitzuspielen. Wie sehen Sie das?

Kirsten: Die Auer waren in der vergangenen Saison lange Zeit oben dabei, sind dann allerdings zum Schluss hin etwas eingebrochen. Sie haben ihre Mannschaft behalten, sich punktuell verstärkt und können daher wieder oben dabei sein. Für Cottbus gilt das Gleiche. Sie haben jahrelang in der Bundesliga gespielt und sicherlich das Ziel, irgendwann mal wieder in die Bundesliga aufzusteigen. Auch wenn der ein oder andere Leistungsträger weggebrochen ist, hat die Mannschaft dennoch das Potenzial, wieder oben dabei zu sein.

bundesliga.de: Aue steht ja vor dem traditionell schweren zweiten Jahr in der Liga. Denken Sie, dass es da zu Schwierigkeiten kommen könnte?

Kirsten: Ich kenne den Stand der Vorbereitung nicht. Grundsätzlich kann man sich das schon vorstellen. Wenn man allerdings eine eingespielte Mannschaft hat, die bestehen bleibt, sollte man auch im zweiten Jahr eine gute Rolle in der 2. Bundesliga spielen können.

bundesliga.de: Bei Union Berlin hat man nach der Trennung von Manager Christian Beeck einen offiziellen Kurswechsel ausgerufen. Wie kann sich so etwas auf die Mannschaft auswirken?

Kirsten: Die Spielphilosophie wird davon nicht betroffen sein, weil die ja vom Trainer vorgegeben wird. Wenn der Verein andere Wege einschlagen will, ist das grundsätzlich möglich, aber das wird keinen allzu großen Einfluss auf die Mannschaft haben. Christian Beeck hat in der Vergangenheit eine wichtige Rolle bei Union Berlin gespielt und so auch großen Anteil an den Erfolgen gehabt. Aber Trennungen gehören halt auch mal zum Geschäft dazu.

bundesliga.de: Wie sehen Sie denn die Chancen für Hansa Rostock und Dynamo Dresden, zwei der drei Aufsteiger?

Kirsten: Rostock ist ja sehr souverän aufgestiegen und hat eine Mannschaft, die sich ähnlich wie im letzten Jahr präsentieren wird, weil sie fast alle Spieler gehalten haben. Sie haben viele Spieler, die zweitligatauglich sind. Bei Dynamo Dresden muss man das abwarten. Es gab viele Abgänge. Das Grundgerüst ist weggebrochen. Es wurden viele Spieler getestet. Da muss man abwarten und schauen, ob das Grundgerüst gut genug ist, um in der 2. Bundesliga zu bestehen.

bundesliga.de: Gerade in Dresden war die Euphorie nach dem Aufstieg ja groß. Haben Sie davon etwas mitbekommen?

Kirsten: Dass in Dresden ein euphorisches Publikum ist, ist klar. Die Stadt und die Fans leben den Verein und würden ihr letztes Hemd für ihn geben. Viel wichtiger wird sein, wie die Stimmung ist, wenn es in der kommenden Saison mal nicht so rund laufen sollte. Aber grundsätzlich hat Dresden mit die besten Fans Deutschlands. Die Frage ist, ob das ausreichen kann, um dort erfolgreich Fußball zu spielen.

bundesliga.de: Aber sportlich sehen Sie die Situation eher schwierig?

Kirsten: Ja. Die Spieler müssen sich halt auch erst an die 2. Bundesliga gewöhnen. Der Verein hat ja nun mal lange Jahre nicht dort gespielt. Die Mannschaft ist durchgemischt worden und muss sich auch erst finden. Wenn man gut startet, wird das ein Vorteil sein, aber genauso gut kann die Sache nach hinten losgehen.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig