Wenn sich einer in der 2. Bundesliga auskennt, dann er: In den 19 Jahren seiner aktiven Karriere absolvierte Willi Landgraf dort insgesamt 508 Spiele für Rot-Weiss Essen, den FC Homburg, FC Gütersloh sowie Alemannia Aachen - als Dauerbrenner, Kämpferherz und Publikumsliebling ("Williiiiii").

Wenige Tage vor dem Rückrundenstart sprach der Rekordspieler des Unterhauses nun bei bundesliga.de über das aktuelle Aufstiegsrennen, die mittelfristigen Perspektiven der drei Neulinge sowie vor allem die schwierige Situation bei seiner "alten Liebe".

bundesliga.de: Herr Landgraf, die 2. Bundesliga scheint in dieser Saison nicht mehr so ausgeglichen wie in den vergangenen Jahren, jedenfalls hat sich das Feld nach der Hinrunde schon ein Stück weit sortiert - sowohl im Aufstiegsrennen als auch Abstiegskampf. Vor allem ganz vorne deutet sich ein Durchmarsch des 1. FC Kaiserslautern, aber auch des FC St. Pauli an. Wie sehen Sie die aktuelle Situation?

Willi Landgraf: Das ist seit Jahren das erste Mal, dass zwei Mannschaften an der Spitze der 2. Bundesliga schon so einen weiten Vorsprung haben. Das hat es sehr selten gegeben. Ich bin selber überrascht, aber da muss man diesen Vereinen natürlich auch ein Kompliment machen, weil sie konstant waren und nie eingebrochen sind.

bundesliga.de: Wo liegen denn die Stärken der "Roten Teufel" bzw. der "Kiezkicker"?

Landgraf: Wichtig ist die Heimstärke, die beide Mannschaften bewiesen haben. Das ist schon so ein kleiner Grundstein, wenn man seine Heimspiele alle gewinnt und dann auswärts auch mal ein bisschen punktet. Aber die haben nicht nur ein bisschen gepunktet, sondern natürlich auch viele Auswärtssiege gelandet. Und dann sind das natürlich auch intakte Mannschaften, die Ausfälle kompensieren konnten. Da muss man sagen: Gute Einkaufspolitik!

bundesliga.de: Außerdem spielen die drei Aufsteiger Fortuna Düsseldorf, Union Berlin und SC Paderborn eine starke Saison, stehen alle in der oberen Tabellenhälfte. Kann dieses Trio den positiven Trend in die Rückrunde retten oder rechnen Sie eher mit dem ein oder anderen Einbruch?

Landgraf: Klar ist der aktuelle Tabellenstand für diese Teams eine ganz tolle Sache. Aber das ist immer so im ersten Jahr nach dem Aufstieg: Da leben alle von der Euphorie. Ich kann mich auch kaum daran erinnern, dass es in einer Saison kein einziger Aufsteiger unter die ersten zehn geschafft hätte. Nur: Nicht das erste Jahr ist entscheidend, sondern das zweite! Denn da kriegen viele Mannschaften dann einen kleinen Rückschlag. Nicht alle, aber von den dreien einer vielleicht. Das wird man sehen: Wenn wir uns nächstes Jahr um die gleiche Uhrzeit unterhalten, wird bei den besagten Mannschaften bestimmt vieles anders sein. Das war immer so und das wird sich auch nicht ändern!

bundesliga.de: Vielleicht spielt Fortuna Düsseldorf dann ja schon in der Bundesliga - immerhin liegen die Rheinländer derzeit in Schlagdistanz zu den Aufstiegsrängen...

Landgraf: Die Fortuna lebt natürlich von der Heimstärke und den Zuschauern. Ich glaube jedoch nicht, dass es am Ende für den Aufstieg reicht.

bundesliga.de: Mit dem Karlsruher SC und Energie Cottbus liegen zwei von drei Absteigern aus der Bundesliga momentan nur im Mittelfeld der Tabelle, nur Arminia Bielefeld mischt im Aufstiegsrennen mit. Wie bewerten Sie deren Chancen?

Landgraf: Bei Bielefeld sehe ich viel Potential in der Mannschaft, die natürlich Erstliga-Niveau hat. Denen muss man ein großes Kompliment zollen, denn man sagt ja stets: Die Absteiger haben eigentlich immer erstmal Anfangsprobleme. Bei den Arminen kamen die Schwierigkeiten zwar zum Abschluss der Hinrunde auf, dennoch haben die insgesamt schon ganz gut Punkte gemausert.

bundesliga.de: Dagegen gehört Alemannia Aachen, das in den vergangenen Spielzeiten ja stets zu den "üblichen Verdächtigen" im Aufstiegsrennen zählte, in diesem Jahr zu den "Sorgenkindern". Was muss sich dort ändern, damit sich das Blatt wieder wendet?

Landgraf: Also vorab: Aachen brauchen wir - auch wenn das mein Verein ist, wo ich jahrelang gespielt habe - in dieser Saison in Sachen Aufstieg nicht mehr auf dem Zettel haben. Die Alemannia muss jetzt erstmal wieder ins richtige Fahrwasser kommen. Mit dem Sieg beim MSV Duisburg ist der Anfang gemacht. Und man muss wieder schauen, dass man die Tugenden, die der Verein die ganzen Jahre vorgelebt hat, wieder nach vorne bringt.

bundesliga.de: Mit Erik Meijer hat man mittlerweile einen neuen Sportdirektor verpflichtet. Was erwarten Sie sich denn von Ihrem ehemaligen Mitspieler?

Landgraf: Ich glaube, mit dem Manager Erik Meijer wird man wieder - nicht nur weil er mein Spezi ist - nach vorne kommen. Erik ist wichtig für den Verein, weil er wieder das vorlebt, was Alemannia Aachen immer groß gemacht hat - Tugenden wie Einsatz und Leidenschaft, Gemeinschaftsgeist und Zusammenhalt - und damit auch wieder die Euphorie der Fans entfacht. Das Positive muss wieder im Vordergrund stehen.

bundesliga.de: Außerdem ist die Alemannia in dieser Saison im neuen Tivoli-Stadion ungewohnt heimschwach - das war zu Ihrer aktiven Zeit ganz anders. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Landgraf: Das ist in der Tat untypisch, hat aber auch mit dem Miteinander in der Mannschaft, dem gemeinsamen Glauben zu tun. Nur mit Erfolgen wird die Euphorie wieder geweckt - und dann wird der neue Tivoli wie der alte Tivoli zu einer Festung. Dafür wird der Erik schon sorgen, dafür ist er der richtige Mann am richtigen Fleck.

bundesliga.de: Sie selbst trainieren ja seit dem vergangenen Sommer die U-13-Mannschaft des FC Schalke 04. Sehen Sie sich dauerhaft in der Jugendarbeit oder streben Sie für die Zukunft eher ein Engagement im Profi-Bereich an?

Landgraf: Also im kommenden Jahr werde ich schon den nächst höheren Jahrgang übernehmen - und so soll das dann auch weitergehen. Diese Arbeit bereitet mir momentan große Freude und bietet mir schon mal so einen kleinen Übergang: Die Möglichkeit, mitzubekommen, wie das ist, mit jüngeren Leuten zusammenzuarbeiten, gerade was deren Aufnahmefähigkeit angeht. Dennoch habe ich natürlich Ambitionen, irgendwann mal in der Bundesliga zu arbeiten. Die Nachwuchsarbeit soll für mich nur eine Durchgangsstation sein.

Das Gespräch führte Stefan Missy