Löwen und Wölfe sind Rudeltiere. Aber während das Wolfsrudel gemeinsam auf die Jagd geht, lehnen sich bei den Löwen die Herren der Schöpfung auf einem bequemen Schattenplätzchen zurück und lassen die Damen mal machen. Die bekannten Bilder von dösenden Löwen-Männchen haben etwas Phlegmatisches, etwas Lethargisches.

Beim TSV 1860 gibt es keine Fußball-Damenmannschaft, welche die Gesetzmäßigkeiten der freien Wildbahn auch im menschlich-sportlichen Bereich bestätigen könnte. Immerhin aber wurden kürzlich "Löwinnen" in der freien Wettkampfklasse der Rhythmischen Sportgymnastik Bayerischer Meister.

Ein Wolf weckt die "Löwen"

Doch die "Löwen-Männchen" des TSV haben jetzt wenigstens einen Wolf, der sie wieder Fleiß und Eigeninitiative lehrt. "Wir müssen wegen der allgemeinen lethargischen Stimmung inklusive aller anderen Einflüsse ein Zeichen setzen", hatte Sportdirektor Miki Stevic die Entlassung von Trainer Marco Kurz begründet.

Schluss mit dem tabellarischen Schattendasein der Münchner "Löwen". Aufstehen, einmal kurz den Staub aus der Mähne schütteln, brüllen und dann gemeinsam die Jagd eröffnen. Gegner erlegen, ein Punktepolster anfressen. Ein Wolf erinnert das Rudel nun also wieder an seine Herkunft: Giesinger Großstadt-Savanne, traditionelles Arbeiterviertel, wo man schon immer wusste, dass sich der Magen nicht im Liegen füllt.

Fußball arbeiten

"Wer mit dem Löwen auf der Brust aufläuft, dem muss klar sein, dass er Fußball arbeiten muss", fordert Uwe Wolf. "Das erwarten die Fans." Und vor allem die Vereinsführung. "Durch diese lethargische Leistung in Duisburg haben wir mindestens 10.000 Zuschauer für St. Pauli verloren", hatte Stevic nach dem 1:4 beim MSV am 21. Spieltag durchkalkuliert.

Geschäftsführer Manfred Stoffers rechnete nach und kam zu gleichem Ergebnis: "Ich habe eiskalt gesagt: Entweder ändern sich die Zahlen oder die Köpfe. Ich will mehr Zuschauer haben, also muss ich ihnen mehr bieten."

Die Köpfe wurden ausgetauscht, aus Kurz wurde Wolf. Auch Zahlen änderten sich, aus 1:4 beim MSV wurde ein 5:1 gegen St. Pauli. Wolf wurde nach dieser Galavorstellung als Chefcoach bestätigt und legte als Dank im Derby gegen Ingolstadt nach.

Wo ein Wille, da auch ein Sieg

Ein Wolf rüttelt die "Löwen" wach. Seine Lebensmaxime, "Ohne Fleiß kein Preis", gewinnt zwar sicherlich keine Preise bei Kreativwettbewerben, ganz offensichtlich aber Fußballspiele. In einem Radio-Interview vor dem Spiel gegen Ingolstadt gab Wolf erneut als Ziel aus, alle ausstehenden Spiele der aktuellen Saison fleißig zu gewinnen. FCI-Coach Thorsten Fink konterte im gleichen Interview mit hörbarer Ironie: "Ich möchte auch noch zwölf Mal gewinnen", ergänze dann allerdings umgehend: "Aber das ist nicht realistisch!". Der TSV gewann in Ingolstadt mit 3:2.

Die Anekdote belegt auf amüsante Weise das forsche Selbstverständnis des gebürtigen Pfälzers und erklärt zugleich das neue Selbstbewusstsein des TSV München von 1860. Seinen Willen gibt Wolf als seine primäre Charakterstärke an. Seine Schwäche, meint er, "sollen andere beurteilen". Der 41-Jährige konzentriert sich eben lieber auf seine Stärken, auf seinen Willen, den er auch seinen Spielern aufzwängen will: "Wir sind Sechzig, und wir wollen nach oben!"

Dabei setzt Wolf auf geschlossene Rudelbildung, auf so genanntes Team-Building. Gemeinsames Baden in der Erdinger Therme oder auch eine Bergwanderung über die Winkelmoos-Alm bei Reit im Winkel. Klettern, schwitzen, schuften - erst am Berg und dann in der Tabelle. Die Mannschaft scheint die Symbolik verstanden zu haben.

Keine Zeit für Ruhepausen

Der Trainer habe bereits vor dem fulminanten Sieg über St. Pauli ein Zeichen gegeben, so Stürmer Benny Lauth, "das die Mannschaft auf dem Platz umgesetzt hat. Mehr Sicherheit und Selbstvertrauen wie durch einen solchen Sieg kann man sich nicht holen. Da müssen wir jetzt weiter machen, wenn auch klar ist, dass man nicht jedes Spiel so wie gegen St. Pauli arbeiten kann."

Doch genau das fordert Wolf: "Ich will attraktiven Fußball sehen. Aber dafür ist rennen und kämpfen unerlässlich. Um zu gewinnen, muss man immer mehr als die gegnerische Mannschaft investieren." Der Trainer will, dass sich seine "Löwen" nun erst mal satt fressen. Ausruhen und im Schatten dösen, dafür bleibt Zeit nach dem 34. Spieltag. Lethargie wird sich also bei den "Blauen" nicht breit machen - dafür ist ein Wolf auch viel zu rastlos, wie die aktive Karriere des "Löwen"-Trainers belegt.

"El Lobo" kommt herum

1974, beim Pfälzer Club 1. FC 08 Hassloch, begann seine Karriere, führte den Abwehrspieler dann ein rundes Jahrzehnt später zum legendären SV Waldhof Mannheim. Von dort ging es allerdings umgehend zum SV Edenkoben, wo man steil nach oben durchstartete: Meister in der Verbandsliga und Aufstieg in die Oberliga, Meister der Oberliga und Teilnahme an den Aufstiegsspielen zur 2. Bundesliga. Letzteres Unterfangen scheiterte, aber Wolf war bereits zu Höherem berufen: 1989 wechselte er zum 1. FC Nürnberg und spielte dort bis 1994 erstklassig.

Danach spielte Wolf eine Spielzeit für die Münchner "Löwen", ehe es ihn in die weite Ferne zog. Mexiko hieß das Ziel, Deportivo Necaxa, FC Puebla, Venados Yucatan hießen die Vereine. Der neue Spitzname: "El Lobo". Heißt: der Wolf, na klar. Von 1998 bis 2000 spielte er dann noch für den SV Wüstenrot Salzburg und Dynamo Dresden. Anschluss- und Endstation in einer Karriere als Spieler: SC Freamunde, Portugal.

Schwärmen für Costner, arbeiten wie Eastwood

In der Fußballschule von Hansi Dofner schnupperte Wolf an der Trainertätigkeit. In den Nachwuchsteams von Hoffenheim und letztlich eben auch dem TSV 1860 sammelte er erste Erfahrungen, die er später als Co-Trainer von Marco Kurz vertiefen konnte. Nun steht Wolf selbst voll in der Verantwortung. Sein starker Wille und eine muntere Jagdlust mit seinem neuen Rudel scheinen eine etwaige Nervosität zu überstrahlen. "Wir wollen nach oben!"

"Der Wolf hetzt die Meute", heißt der Thriller-Klassiker von Richard Tuggle mit einem großartigen Clint Eastwood. Der Titel würde momentan trefflich zur Aufholjagd des TSV 1860 passen.

Doch Uwe Wolf steht auf Kevin Costner. Sein Lieblingsfilm: "Der mit dem Wolf tanzt". Und zwar bitte nach seiner Pfeife…

Michael Wollny