Aue - 30 Punkte, makellose Heimbilanz, Tabellenplatz 1: Wer dem Aufsteiger Erzgebirge Aue vor der Saison solch einen Bilanz nach 13 Spieltagen zugetraut hätte, wäre wohl nur müde belächelt worden. Im Interview mit bundesliga.de erklärt Mittelfeldspieler Marc Hensel, welche Faktoren für den Super-Lauf der Sachsen verantwortlich sind. Und er spricht über das WG-Leben mit einem Teamkollegen.

bundesliga.de: Herr Hensel, nach dem 2:1-Sieg gegen Aachen steht Aue an der Tabellenspitze der 2. Bundesliga. Mal ganz im Ernst: Hatten Sie vor der Saison in den kühnsten Träumen daran geglaubt, dass Ihr Team nach 13 Spieltagen ganz oben steht?

Marc Hensel: Mit Sicherheit nicht. Wir hatten nur das Ziel, nach 34 Spieltagen irgendwie die 40 Punkte zu erreichen. Wir sind zwar in jedes Spiel gegangen mit dem Ziel, es auch zu gewinnen. Dass wir aber solch eine Serie starten, konnte wirklich niemand ahnen.

bundesliga.de: Gibt es Gründe für den bisher so spektakulären Saisonverlauf?

Hensel: Ja, denn wir haben uns kontinuierlich weiterentwickelt und damit ist es auch irgendwo verdient. Allerdings kam in manchen Situationen noch das Glück hinzu, so wie gegen Düsseldorf, als wir schwach gespielt und kurz vor Schluss noch das 1:0 erzielt hatten. Wenn du solche Spiele gewinnst, dann kommst du eben auf 30 Punkte. Ganz wichtig war auch der Saisonstart mit den Siegen gegen Paderborn und Bochum - das hat uns ein riesiges Selbstvertrauen gegeben. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass es bis zum Ende der Saison nicht so bleiben wird.

bundesliga.de: Und wenn doch? Mal angenommen, Erzgebirge Aue würde - entgegen aller Vorhersagen - am Ende der Saison tatsächlich einen Aufstiegsplatz belegen: Könnte sich der Club mit den gegebenen Rahmenbedingungen in der Eliteliga behaupten?

Hensel: Beim ganz hypothetischen Fall des Aufstiegs könnte sich der Verein konsolidieren. Unser Plan ist es aber, über mehrere Jahre in der 2. Bundesliga zu spielen, wo die Fernsehgelder auch schon üppig sind.

bundesliga.de: Aber die Fans träumen doch bestimmt schon vom Aufstieg, oder?

Hensel: Klar, das dürfen sie ja auch. Das gab es ja auch noch nie nach der Wiedervereinigung. Den Traum kann man ihnen nicht nehmen. Ich träume ja auch davon - die Frage ist halt immer, ob das realistisch ist. Der Verein muss versuchen, sich erst einmal in der 2. Bundesliga zu etablieren.

bundesliga.de: Als Aufsteiger gibt man normalerweise einen Nicht-Abstiegsplatz als Saisonziel vor. Jetzt haben Sie 30 Punkte gesammelt. Ist das ursprüngliche Ziel damit hinfällig?

Hensel: Nein, ist es nicht. Wenn nämlich der Schlendrian reinkommt und du mal drei oder vier Spiele am Stück verlierst, ist es wahnsinnig schwer, die Kurve zu kriegen. Dann geht nämlich oft gar nichts mehr, weil die Verunsicherung hinzukommt. Unsere Mannschaft ist noch recht jung und hat in der 2. Bundesliga noch keine große Erfahrung. Wenn so eine Situation mal eintritt, bin ich selbst gespannt, was passiert. Ich habe aber vollstes Vertrauen in unsere Mannschaft. Wir müssen also erst einmal die 40 Punkte holen - dann können wir uns über weitere Ziele unterhalten.

bundesliga.de: Mit sechs Siegen in sechs Spielen ist die Heimbilanz von Erzgebirge Aue makellos. Wieso ist Ihr Team zuhause so schwer zu bezwingen?

Hensel: Das hat sich ja schon in der vergangenen Spielzeit etabliert. Vor der aktuellen Saison wussten wir genau, dass wir von unseren 17 Heimspiele mindestens zehn gewinnen und auswärts über die Saison vielleicht den einen oder anderen Punkt klauen müssen. So wollten wir auf unsere 40 Punkte kommen. Dass es natürlich so gut läuft, ist der Wahnsinn.

bundesliga.de: Welchen Anteil haben die Fans am Erfolg?

Hensel: Dass wir zuhause so stark auftreten, liegt sicherlich an auch an der tollen Unterstützung der Fans. Unser Publikum steht 90 Minuten plus Nachspielzeit absolut hinter uns. Das geht schon los beim Einlaufen, wenn das ganze Stadion lila gefärbt ist. Das sind diese Gänsehautmomente, die unbeschreiblich sind. Du weißt: Mit diesen Menschen bist du aufgestiegen, hast viele tolle Momente erlebt...

bundesliga.de: Also ist die Identifikation noch größer als bei anderen Vereinen?

Hensel: Ich glaube schon. Die ganze Region steht hinter uns. Wenn man zum Bäcker geht, wird jeder Spieler angesprochen. Das ist in einer Großstadt vielleicht nicht so üblich, weil sich vieles verläuft. Als Spieler bekommt man so das Gefühl, dass man unbedingt etwas zurückgeben will. Der ganze Erzgebirgskreis ist eine lilafarbene Festung. Den Spielern wird das von der ersten Sekunde eingetrichtert. Die Region ist durch den Niedergang des Bergbaus wirtschaftlich bestimmt nicht die stärkste in Deutschland. Und wenn du dann ins Stadion einläufst und die Menschen auf der Tribüne siehst, die teilweise Tränen in den Augen haben, dann ist es unsere Pflicht, für diese Menschen alles zu geben.

bundesliga.de: Das erinnert ein bisschen an Union Berlin...

Hensel: Ja, richtig! Union ist zwar ein Großstadtclub, aber eben der "kleine" Verein in Berlin. Das ist schön, so etwas als Spieler zu erleben. Es gibt viele Clubs, da geht das meiste an einem Profi vorbei, man nimmt die Identifikation gar nicht so wahr. Aber wenn du in Aue schon in die Kabine runtergehst, stehen Menschenmassen vor dir und klopfen dir vor dem Spiel auf die Schulter. Das ist auf der einen Seite zwar ein Druck - aber ein positiver. Du hast dann einfach das Gefühl, dass du den Leuten etwas zurückgeben willst, nachdem sie ihr letztes Geld in diesen Verein reinstecken.

bundesliga.de: Auch Ihre persönliche Bilanz ist bislang äußerst positiv. Als Mittelfeldspieler haben Sie bereits sechs Treffer erzielt. Wie erklären Sie sich Ihre "Wandlung" zum Torjäger, nachdem es in der vergangenen Spielzeit mit nur einem Treffer nicht annähernd so gut geklappt hatte?

Hensel: Das ist relativ einfach zu erklären. In der letzten Saison haben wir ein 4-4-2-System mit Raute gespielt, wobei für mich als Sechser an der Mittellinie Schluss war. Am Ende der Spielzeit, als wir schon aufgestiegen waren, haben wir auf eine Doppel-Sechs umgestellt - dann hatte ich auch wieder torgefährliche Aktionen. Das haben wir beibehalten und spielen jetzt ein 4-2-3-1-System. Zudem habe ich mit dem Oliver Schröder einen ganz erfahrenen Mann neben mir. Wenn ich mich also mal nach vorne einschalte, weiß ich, dass er einen eventuellen Fehler wieder ausbügelt.

bundesliga.de: Abseits des Platzes sind Sie nicht der "typische" Fußballer. Sie studieren Deutsch und Geschichte und leben in einer WG mit ihrem Vereinskollegen, dem Torwart Martin Männel. Wie teilen Sie den Haushalt auf?

Hensel:(lacht) Um die Hausordnung kümmere ich mich. Den Abwasch macht der Martin, was ganz praktisch ist, weil wir keinen Geschirrspüler haben. Sein Zimmer macht jeder selbst und bei den anderen Räumen wechseln wir uns ab.

bundesliga.de: Wann sind Sie mit Ihrem Lehramtsstudium fertig?

Hensel: Im Juni mache ich meinen Bachelor, dann konzentriere ich mich zunächst nur auf den Fußball. Um voll ausgebildeter Lehrer zu sein, muss ich irgendwann noch den Master machen. Wenn eine schlimme Verletzung kommt, oder alle Stricke reißen, will ich vorbereitet sein. Und außerdem tut es einfach gut, mal in eine Vorlesung zu gehen und sich mit etwas anderem als Fußball zu beschäftigen.

Das Gespräch führte Johannes Fischer