Dortmund - Für Jürgen Klopp gab es beim Abpfiff kein Halten mehr. Erst herzte er die komplette Belegschaft der Ersatzbank, dann stürmte er noch vor der Mannschaft auf die Südtribüne zu, ruderte wild mit den Armen, sprang in die Luft und zog symbolisch die Kappe vor den Fans. Seine Spieler bespritzte er übermütig mit Wasser - und jeder ahnte in diesem Moment, wie viel Druck auch vom Trainer mit dem 1:0-Sieg über Borussia Mönchengladbach abgefallen ist.

Als Tabellenletzter war Borussia Dortmund in dieses Duell gegen die Fohlenelf gegangen - und hatte dann fast so aufgespielt wie zu seinen besten Zeiten. Von Verunsicherung oder Druck war auf dem Platz nichts zu sehen, trotz einer Sieglosserie mit nur einem Punkt aus sieben Spielen. "Für diese Situation haben wir außergewöhnlichen Fußball gespielt", lobte Klopp. "Wir waren viel besser als in den vergangenen Wochen."

Abkehr von der Rotation

Dabei setzte der Coach wieder auf eine bewährte Startelf und vertraute jener Mannschaft, die auch zuletzt beim FC Bayern München (1:2) und gegen Galatasaray Istanbul (4:0) so zusammen gespielt hatte. Das vorläufige Ende der Rotation, die Klopp in dieser Saison erstmals intensiv geprobt hatte, soll der Mannschaft die lange vermisste Stabilität zurückbringen.

Und nicht nur das gelang gegen Gladbach vorzüglich. Vielmehr ließen die Dortmunder den alten BVB-Fußball über 90 Minuten wieder aufleben, mit allem, was dazu gehört - Leidenschaft, Laufarbeit, Pressing und ganz viel Tempo.

Mit hohem Aufwand und großer Disziplin wurde Gladbach schon früh im Aufbauspiel gestört und in die eigene Hälfte gedrängt. Kompromissloses Pressing als typisches BVB-Markenzeichen, bei dem auch die Offensivspieler den Gegner früh attackieren. Jürgen Klopp hat hier ein 4-3-3 perfektioniert, in dem Shinji Kagawa neben Marco Reus (News: Reus fällt zwei Wochen lang aus) und Pierre-Emerick Aubameyang ganz vorne Druck macht, während Henrikh Mkhitaryan mit den stets präsenten und ganz starken Sebastian Kehl und Sven Bender die zweite Reihe bildet. "Der Druck auf den Gegner war der Schlüssel zum Sieg", stellte Erik Durm zurecht fest.

Rückkehr des Tempofußballs

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Das Ergebnis: Gladbach kam weder durch das Zentrum noch über die schellen Außenspieler zum Zuge und blieb in den ersten 45 Minuten komplett ohne jeden Torschuss. In den zweiten 45 Minuten ließ Dortmund einen Versuch zu - Vereinsrekord für die Defensive. Am Ende stand die Null und Roman Weidenfeller durfte sich erstmals in dieser Spielzeit über eine Partie ohne Gegentor freuen (Topdaten).

Auf der anderen Seite drehte Dortmund bei Ballbesitz richtig auf, zeigte immer wieder den zuletzt vermissten Tempofußball und feine Kombinationen. 15:0 Torschüsse zur Halbzeit, am Ende 22:1 inklusive zweier Aluminiumtreffer sprechen in diesem Fall eine mehr als deutliche Sprache. Mittendrin und voll dabei: Marco Reus, der nur zwei Tage nach seinem Magen-Darm-Infekt an 13 Torschüssen beteiligt war, acht davon selbst abgab, mit 84 Prozent eine gute Passquote aufwies und ganz nebenbei noch 26 Sprints anzog.

Einziger Vorwurf, dem sich Reus und Co. stellen mussten: Die Effektivität ließ einmal mehr zu wünschen übrig. Ein altbekanntes BVB-Problem, das auch der Sportdirektor nicht leugnen wollte. Doch Michael Zorc gab sich dieses Mal nachsichtig: "Die Chancenverwertung war nicht optimal. Da waren wir in der einen oder anderen Situation nicht ruhig genug. Aber das ist vielleicht auch ein bisschen der Situation geschuldet."

"Die Krise ist noch nicht überwunden"

Diese Situation soll nun bald ein Ende haben. Allerdings beeilt sich auch Zorc, jetzt bloß nicht nach einem siegreichen Spiel auch nur den Hauch von Euphorie erkennen zu lassen. "Das war nur ein erster Schritt. Wir sind froh, dass wir nicht mehr ganz unten stehen. Aber jetzt müssen wir in Paderborn weitermachen."

In zwei Wochen muss sich Borussia Dortmund mit seinem Projekt "Zurück in die Zukunft" und all den wiederentdeckten schwarz-gelben Tugenden beim Aufsteiger beweisen. Auch Jürgen Klopp hatte diese Partie schon auf dem Schirm, nachdem sich die erste Freude und Erleichterung ekstatisch entladen hatten. "Von uns ist Druck abgefallen, aber wir haben die Krise noch nicht überwunden."

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte