
Der Zug nimmt Fahrt auf
Mit dem zweithöchsten WM-Sieg der Verbandsgeschichte (neben einem 8:0 gegen Saudi Arabien 2002 und dem 7:1 gegen Brasilien 2014) ist die deutsche Nationalmannschaft traumhaft in die Weltmeisterschaft gestartet und hat auch einem kurzen Schockmoment getrotzt. Julian Nagelsmann offenbarte dabei einen guten Riecher und machte mit seiner Aufstellung vieles richtig. Der Euphorie im eigenen Land dürfte dieser Erfolg gut tun.
Kaum war der WM-Auftaktsieg gegen Curaçao unter Dach und Fach gebracht, da wurden die deutschen Nationalspieler in Houston vom Stadion-DJ auch schon mit deutschen Partyklängen für ihren 7:1-Erfolg belohnt. War während der etwas mehr als 90 Minuten zuvor gleich sieben Mal das Raumschiff von "Major Tom" abgehoben, ging es nun in erster Linie aber um einen Zug. Und zwar den ohne Bremsen, der im Sommer 2022 landesweit rauf und runter lief. Damals gab es auch eine Weltmeisterschaft, in Katar schaffte es der deutsche Zug nach einer Auftaktniederlage gegen Japan aber gar nicht erst aus dem Bahnhof raus und musste – wie schon beim WM-Turnier zuvor – nach der Vorrunde wieder gen Heimat abdüsen.
Vier Jahre später und nach einer echten Gala gegen Außenseiter Curaçao kann der Truppe von Julian Nagelsmann dieses Schicksal schon beinahe nicht mehr blühen, da nach dem neuen WM-Modus sogar die besten acht der insgesamt zwölf Gruppendritten noch in die K.o.-Phase einziehen. Bedeutender war aber zunächst erst einmal das Erfolgserlebnis in Spiel Nummer eins. "Ich habe mich extrem für die Mannschaft gefreut. Gerade bei den letzten beiden Turnieren ist dieser Sieg besonders wichtig", jubilierte der Bundestrainer und bewies zuvor in vielerlei Hinsicht ein glückliches Händchen.
"Gerade in so einem Turnier ist ein guter Start wichtig"
Da war zum einen der Frankfurter Nathaniel Brown, der anstelle von David Raum beginnen durfte, und einen blitzsauberen Auftritt nebst eigenen Treffer hinlegte. "Es ist unbeschreiblich, hier beim ersten WM-Spiel zu treffen. Meine Familie ist da. Es ist unglaublich. Die anderen Spieler haben mich beglückwünscht und gesagt, dass ich weiter machen soll", berichtete der 22-Jährige nach Abpfiff und konnte neben seinem Tor zum zwischenzeitlichen 5:1 (68.) auch noch die Vorlage beim 2:1 durch Nico Schlotterbeck (38.) für sich verbuchen.
Gleich drei Scorerpunkte mit einem Tor (78.) und zwei Assist lieferte Deniz Undav, der sogar erst nach 64 Minuten in die Begegnung gekommen war – womit wir noch ein weiteres Mal beim richtigen Riecher von Nagelsmann wären. Der Stuttgarter ist damit bei einer Weltmeisterschaft seit der detaillierten Datenerfassung (1966) nach dem Kolumbianer und Ex-Bayernspieler James Rodríguez 2014 erst der zweite Spieler, dem das bei einem solch großen Turnier nach einer Einwechslung gelungen ist. Ein Ausrufezeichen!
"Die Einwechselspieler waren da und haben gute Energie reingebracht", lobte Comebacker Manuel Neuer und weiß bei seiner nun fünften WM-Teilnahme ja noch am ehesten, worauf es ankommt: "Ich glaube jeder wünscht sich einen guten Start. Gerade in so einem Turnier ist ein guter Start wichtig." Der erste Schritt wäre somit gemacht, auch wenn es noch Verbesserungspotential gibt.

Nagelsmann lobt die Reaktion seiner Mannen
Gegen das kleinste Land, das bisher an einer WM-Endrunde teilgenommen hat, offenbarte die DFB-Elf nach einer guten Anfangsphase nämlich noch bereits bekannte Schwächen in der Defensive und musste nach 21 Minuten durch Livano Comenencia den überraschenden 1:1-Ausgleich hinnehmen, wodurch kurzzeitig ein "blaues Wunder" gegen die "blaue Welle" drohte.
"Curaçao hat besser gespielt, als es alle erwartet haben. Sie haben auch anders gespielt, als in den ganzen Spielen zuvor. Wir bekommen aus der ersten Aktion den Ausgleich und mussten uns erstmal kurz sammeln", fasste Nagelsmann zusammen und Neuer ärgerte sich über seine verpasste weiße Weste.
Die Reaktion der deutschen Mannschaft offenbarte aber, dass diese Truppe gefestigt scheint und mit ihr durchaus zu rechnen ist. "Du musst dann erstmal sieben Tore machen. Es waren gute Dinge dabei", sagte der Bundestrainer, der nun mit den Vorbereitungen auf das Spiel am kommenden Samstag gegen die Elfenbeinküste beginnen wird. Der deutsche Zug hat in jedem Fall Fahrt aufgenommen. Und wer weiß, wo und ob er irgendwo stoppen wird. Zumindest laut Song hat er ja keine Bremsen – und zumindest gegen Curaçao sah das am Ende auch so aus.
Michael Oer
