Mit einem "Herz"-Jubel feiert Leon Goretzka seinen Ausgleich für die deutsche Nationalmannschaft gegen Ungarn - © Frank Hoermann/SVEN SIMON via www.imago-images.de/imago images/Sven Simon
Mit einem "Herz"-Jubel feiert Leon Goretzka seinen Ausgleich für die deutsche Nationalmannschaft gegen Ungarn - © Frank Hoermann/SVEN SIMON via www.imago-images.de/imago images/Sven Simon
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Mit Wucht und Herz weiter: Leon Goretzka schießt Deutschland ins EM-Achtelfinale

Ein Spaziergang war es wahrlich nicht gegen Ungarn, der der deutschen Nationalmannschaft das Ticket für das EM-Achtelfinale bescherte. Es war vielmehr im Duell mit dem Außenseiter über weite Strecken eine wahre Zitterpartie, allerdings eine mit Happy End aus deutscher Sicht. Denn kurz vor Schluss schoss "Joker" Leon Goretzka die DFB-Auswahl mit Wucht und Herz zum überlebenswichtigen Ausgleich – und avancierte nicht nur damit an diesem Mittwochabend in München zum umjubelten Helden.

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Lange schien es so, als würde das Wetter in München die Stimmungslage im Lande vorwegnehmen. Dunkle Wolken hingen über der Allianz-Arena, der Spielstätte des FC Bayern, immer wieder gab es während des abschließenden EM-Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ungarn massive Regengüsse. Das Geschehen auf dem Rasen trug nicht zur Aufhellung der Gemüter bei – ganz im Gegenteil: Früh war die DFB-Auswahl in Rückstand geraten (Mainz-Angreifer Adam Szalai traf per Kopf, 11.), offensiv tat sich das Team von Bundestrainer Joachim Löw gegen die kompakte Defensive des Außenseiters enorm schwer.

Auch der Ausgleich durch Kai Havertz, der nach einem Patzer des ungarischen Torwarts Peter Gulacsi (Leipzig) zum 1:1 einköpfte (67.), sorgte nur kurz für Sonnenschein im deutschen Spiel. Genauer gesagt: Nur wenige Sekunden. Direkt nach dem Anstoß sorgten die Magyaren für den nächsten Stimmungskiller, kamen durch Andras Schäfer zur erneuten Führung. Deutschland stand ganz kurz vor dem Aus bei dieser Europameisterschaft. Bis, ja bis Leon Goretzka zu seinem großen Auftritt kam. Über Umwege kam der Ball im Sechzehner zurück zu ihm, der Mittelfeldspieler des FC Bayern fackelte nicht lange und wuchtete das Spielgerät ins ungarische Tor (84.). 2:2, Ausgleich, Achtelfinale!

Goretzka sendet mit Torjubel klare Botschaft

"Ich weiß gar nicht mehr, wer ihn querlegt, lege zu Timo, dann wird der Ball geblockt und fällt mir vor die Füße. Und dann einfach hinein damit", schilderte der sichtlich erleichterte Goretzka nach Abpfiff den Treffer ins Glück. Lange musste sich der Mittelfeldmann das Geschehen von der Bank aus anschauen, war dann aber nach seiner Einwechslung zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort: "Wenn du das Spiel von außen siehst, und merkst, dass es schwer wird, willst du alles geben, wenn du reinkommst. Wir hatten heute gegen viele Widerstände zu kämpfen. Das Wetter, das Gegentor am Anfang, das spielt dem Gegner alles in die Karten. Dass du heute so zurückkommst, ist großartig, dass wir es geschafft haben vor heimischem Publikum. Dass mir der Ball dann beim Ausgleich so glücklich vor die Füße fällt, ist eine schöne Fügung."

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Eine schöne Fügung, die den 26-Jährigen endgültig in die Herzen der deutschen Fußballfans katapultierte. Und Herz zeigte Goretzka im Anschluss an seinen Treffer auch – und zwar im wortwörtlichen Sinne. Kaum hatte der Mittelfeldmann den Ball in den ungarischen Kasten gewuchtet, formte er mit seinen Händen ein Herz. Eine Botschaft an eine umstrittene Fangruppierung der Ungarn, die auf der Tribüne hinter dem Tor ihre zwischenzeitliche Heimat gefunden hatte. Eine Botschaft aber auch an die ganze Welt. "Spread Love – verbreitet Liebe", twitterte Goretzka und machte mit einem Regenbogen-Emoji klar, worauf sich seine Geste bezog. Zuvor hatten Diskussionen um Manuel Neuers Kapitänsbinde in Regenbogen-Design und eine angedachte Beleuchtung des Münchner Stadions in den entsprechenden Farben den Rahmen für ein solches Zeichen gesetzt.

"Wembley calling": DFB-Elf fühlt sich bereit für England

Die nächste Ansage ließ der deutsche „Matchwinner“, der seinem Team ja „nur“ ein Remis sicherte, im selben Tweet folgen: "Wembley calling", schrieb Goretzka, garniert mit dem allseits bekannten Emoji, der einen angespannten Bizeps zeigt. Das Wembley-Stadion ruft, wo am kommenden Dienstag (18 Uhr) England als Gegner im Achtelfinale auf die DFB-Auswahl warten wird. Das traditionsreiche Duell zweier Fußballnationen – Erinnerungen an die WM 1966 werden ebenso wach wie an die EM 1996. "Gegen England in Wembley: Es gibt Schlimmeres", sagte der gebürtige Bochumer nach der Partie mit einem Lächeln auf den Lippen und schob ähnlich treffsicher wie auf dem Platz direkt hinterher: "Es ist alles angerichtet."

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Zweifel habe die Mannschaft trotz der Zitterpartie nicht, so Goretzka, man sei voller Selbstvertrauen. Einen Tenor, den auch seine Mannschaftskollegen vertraten: "Es wird ein anderes Spiel. Wembley liegt uns! Es ist ein K.o.-Spiel, wir wollen weitergehen", betonte Kapitän Manuel Neuer nach dem "Nervenkrimi" gegen die Ungarn. Auch Joshua Kimmich unterstrich sowohl Vorfreude als auch Selbstbewusstsein der DFB-Auswahl: "Ein schöneres Spiel, als das gegen England gibt es nicht, geil. Wir haben auf jeden Fall noch Luft nach oben und werden das gegen England zeigen", so der Allrounder der FC Bayern, der sich vielleicht beim Achtelfinalduell neben Edeljoker Leon Goretzka auf einen weiteren Vereinskameraden in der Startelf freuen könnte.

Der entscheidende Moment: Leon Goretzka trifft zum 2:2 gegen Ungarn - KAI PFAFFENBACH/POOL/AFP via Getty Images

Denn auch Jamal Musiala zeigte sich bei seiner Einwechslung enorm auffällig, leitete unter anderem den überlebenswichtigen Ausgleich ein. "Er war frech, seine Leistung war ansprechend", zeigte sich Bundestrainer Joachim Löw zufrieden mit dem Kurzeinsatz des Youngsters, der Lust auf mehr machte. Vielleicht schon gegen England? "Wir fahren nach England. Das ist eine tolle Nachricht, in London, in Wembley gegen England zu spielen. Jetzt geht es darum, alles oder nichts“, freut sich Löw nach überstandener Gruppenphase auf ein "absolutes Highlight" in der Runde der letzten 16. Und jeder deutsche Fußballfan wäre wohl mit einer weiteren Zitterpartie einverstanden, wenn unter dem Strich abermals ein Happy End steht. Egal ob durch Leon Goretzka oder einen anderen Nationalspieler.

Thomas Reinscheid