Dortmund - Besser hätte es nicht passen können: In seinem 300. Bundesligaspiel durfte Sebastian Kehl mit Borussia Dortmund nach über acht Wochen endlich auch in der Bundesliga wieder einen Sieg feiern.

Entsprechend erleichtert und zufrieden präsentierte sich der Jubilar nach dem 1:0-Erfolg über Borussia Mönchengladbach und äußerte sich im Interview über den Druck vor der Partie, die überzeugende Leistung gegen den Tabellendritten und seine eigene Form, die Jürgen Klopp sogar ein Extralob wert war.

 

Frage: Sebastian Kehl, Ihr Trainer Jürgen Klopp hat erklärt, er wolle persönlich dafür sorgen, dass Sie Ihre Karriere fortsetzen, wenn Sie bis zum Saisonende weiter so gut spielen. Was sagen Sie dazu?

Sebastian Kehl: Gut, dass ich bei dieser Entscheidung auch noch mitreden darf (lacht). Ganz im Ernst, es läuft für mich persönlich wirklich ganz gut in den letzten Wochen. Aber viel wichtiger war es auch für mich, dass wir gegen Gladbach endlich mal wieder einen Dreier eingefahren haben. Sonst wäre wieder die Frage gekommen, wie sich die Diskrepanz zwischen Champions Legaue und Bundesliga erklären lässt. Ich bin jetzt wirklich glücklich, dass wir diese Frage mal nicht beantworten müssen.

"Wir standen enorm unter Druck"

Frage: Die Erleichterung der Spieler war nach dem Abpfiff zu sehen und zu spüren. War die Anspannung vor der Partie entsprechend groß?

Kehl: Wir standen enorm unter Druck. Wir waren vor dem Spiel 18. der Tabelle, das war eine ganz komische Situation. Man kann ja mal auf dem letzten Platz stehen, aber nicht nach dem 10. oder 11. Spieltag. Aber diese Situation hat die Mannschaft sehr gut gemeistert. Wir haben uns das von der ersten Minute an nicht anmerken lassen. Wir haben gegen die Gladbacher sehr viel Druck aufgebaut und bei uns gar nicht erst Verunsicherung aufkommen lassen. Wir hatten auch sehr viele Chancen und hätten eigentlich schon in der ersten Habzeit in Führung gehen müssen. Aber da haben wir uns nicht belohnt.

Frage: Für die Belohnung hat dann ein Eigentor gesorgt. Bezeichnend?

Kehl: Dass dieses Spiel am Ende durch ein so kurioses Tor (Hintergrund: Ganz viel Trost für Christoph Kramer) entschieden wird, spricht vielleicht auch für die Situation des BVB. Es war eine geile Szene, auf der anderen Seite für Christoph Kramer total unglücklich. Ich habe ihm direkt Mut zugesprochen. Aber wir nehmen es gerne mit und sind glücklich, dass wir endlich wieder in der Bundesliga einen Dreier landen konnten.

Frage: War der  Sieg auch mehr als verdient, weil die Mannschaft wieder den altbekannten BVB-Fußball gezeigt hat?

Kehl: Ich denke, diesen Fußball haben wir auch schon in den letzten Wochen zumindest phasenweise gespielt. Wir haben es immer wieder gut gemacht, aber wir haben uns nicht belohnt. Demnach war die Kritik auch angebracht. Wir haben selbst andere Ansprüche. Umso besser, dass wir jetzt mit drei Punkten im Rücken in die Länderspielpause gehen können.

"Haben uns intern nicht verunsichern lassen"

Frage: Kann dieser Sieg auch die erhoffte Wende sein - gerade aufgrund der Art und Weise, wie der BVB aufgetreten ist?

Kehl: Wir haben gegen Gladbach richtig gut gespielt. Wie gesagt, phasenweise haben wir das aber auch schon in den letzten Wochen getan, nur ohne Punkte und ohne das nötige Glück. Viele Tormöglichkeiten haben wir eigentlich auch immer herausgespielt. Wir lassen uns von unserem Kurs nicht abbringen. Wir haben uns im Bezug darauf auch in den letzten Wochen nicht verunsichern lassen, zumindest intern nicht.

Frage: Wenn man noch nach dem Haar in der Suppe suchen wollte, könnte man über die Chancenverwertung sprechen?

Kehl: (lacht) Wie Sie es sagen - man könnte darüber sprechen. Machen wir aber nach diesem Spiel und diesem Sieg nicht.

"Ich freue mich über die guten Kritiken"

Frage: Sie selbst haben gegen Gladbach Ihr 300. Bundesligaspiel bestritten. Wären  nicht die vielen Verletzungen gewesen, hätten es sogar schon einige mehr sein können, oder?

Kehl: Das stimmt, es hätten eigentlich deutlich mehr sein müssen. Ich bin schon so lange dabei, da sind 300 Bundesligaspiele eher eine schlechte Zahl. Persönlich hätte ich mir da schon mehr Partien erhofft in meiner Karriere. Trotzdem habe ich mich ein bisschen über das Jubiläum gefreut. Vor allem auch, weil der Tag durch den Sieg in positiver Erinnerung bleiben kann. Und am Ende kommt es nicht darauf an, wie viele Spiele man hat, sondern dass man viele tolle Momente hatte. Und die habe ich bei Borussia Dortmund ganz sicher gehabt. Vielleicht liegen einige auch noch vor uns. Und wenn man die Atmosphäre gerade auch nach diesem Spiel mitbekommt, wenn man sieht, wie die Fans hinter uns stehen, dann löst das auch nach 300 Bundesligaspielen bei mir immer noch Gänsehaut aus. Das ist ein tolles Gefühl.

Frage: Sind Sie zum Karriereende noch einmal in der Form Ihres Lebens?

Kehl: Ach, Form meines Lebens… ich weiß nicht. Es gibt halt immer verschiedene Phasen im Laufe einer Karriere und im Moment läuft es ganz gut. Ich nehme das gerne mit und bin dankbar. Ich weiß es aber auch gut einzuordnen. Ich weiß, wie schnell es im Fußball gehen kann, in beide Richtungen. Daher freue ich mich über gute Kritiken und Lob, aber ich kann es richtig einschätzen. Und mich trotzdem darüber freuen.

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte