Thomas Müller bleibt für seine Gegenspieler auch nach zehn Jahren oft noch ein Rätsel - © Getty Images / Thomas Starke
Thomas Müller bleibt für seine Gegenspieler auch nach zehn Jahren oft noch ein Rätsel - © Getty Images / Thomas Starke
bundesliga

Thomas Müller: Bayerns 300-Spiele-Mann und Weltmeister der Antizipation

Köln – Es gibt einige deutsche Worte, die so eingängig sind, dass sie auch im englischen Sprachraum benutzt werden, weil jede Übersetzung die Bedeutung ein wenig verwässern würde. Zu diesen Worten gehören Ausdrücke wie Schadenfreude, Doppelgänger oder Zeitgeist. Vor einigen Jahren wurde auch der Begriff "Raumdeuter" in diesen handverlesenen Kreis deutscher Worte in der englischen Sprache aufgenommen. Und diese Ehre verdankt der etwas merkwürdige Ausdruck einzig und allein Thomas Müller. Der Star des FC Bayern München betrat zwar schon vor zehn Jahren die Bundesliga-Bühne, aber er gibt heute noch genauso Rätsel auf wie zum Beginn seiner Karriere – und das nicht nur seinen Gegenspielern. Am Samstag bestritt Müller sein 300. Bundesliga-Spiel.

>>> Das Herbstfinale in der Bundesliga

Kaum ein Moment beschreibt die Karriere des Thomas Müller besser, als die Pressekonferenz nach dem deutschen 4:1-Sieg gegen England bei der WM 2010 in Südafrika. Ein englischer Journalist wollte von Jogi Löw wissen, was Thomas Müller eigentlich auszeichnet. Schließlich sei er ja weder außergewöhnlich schnell, noch besonders kopfballstark, auch kein Supertechniker oder versierter Dribbler. Der Kollege vom Guardian war offensichtlich ratlos, schließlich hatte genau dieser Spieler ohne offensichtlich herausstechende Fähigkeiten gerade mit zwei Toren und einer Vorlage dafür gesorgt, dass England wieder einmal die Hoffnung begraben musste, dass der Fußball endlich nach Hause kommt.

Damals stand Müller gerade erst am Anfang seiner Karriere und hatte seine erste volle Saison als Profi beim FC Bayern hinter sich. Mittlerweile hat er mit 29 Jahren 300 Bundesliga-Spiele auf dem Buckel. In all diesen Partien hat er 230 Torbeteiligungen (108 Tore, 122 Vorlagen) gesammelt, zuletzt bereitete er am Samstag in Hannover das 1:0 durch Joshua Kimmich artistisch vor. Und dennoch ist es immer noch schwierig, seine sportlichen Qualitäten in Worte zu fassen. An den grundlegenden Voraussetzungen hat sich ja im letzten Jahrzehnt nichts geändert. Filigrane Dribblings, halsbrecherische Sprints oder elegante Kabinettstückchen gehören immer noch nicht zum Repertoire von Müller. Tore und Assists allerdings nach wie vor schon.

300 Bundesliga-Spiele: Nationalspieler Thomas Müller - Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Unberechenbarkeit ist Müllers Trumpf

Seit seiner ersten kompletten Saison als Profi 2009/10 brachte er es in jeder Bundesliga-Spielzeit auf mindestens 22 Torbeteiligungen. Seine größte Waffe ist seine überragende Antizipationsfähigkeit. Müller erkennt Situationen besser und vor allem früher als die meisten seiner Kollegen. Das verschafft ihm eine Handlungsschnelligkeit, die vielleicht einmalig ist auf der Welt ist. Dieses Gespür für den Fußball lässt sich vor allem nur ganz schwer verteidigen. Auf bestimmte Stärken einzelner Spieler kann ein Trainer seine Defensive einstellen, aber eben kaum auf einen Akteur, dessen Aktionen und Laufwege so unberechenbar sind wie bei Thomas Müller.

Mal sprintet er über den halben Platz, um aus einem schnöden Einwurf eine Chance zu kreieren, mal bewegt er sich Richtung Ball, nur um ihn dann passieren zu lassen und einem Mitspieler dadurch Raum zu verschaffen und mal steht er auf unerklärliche Weise einfach da, wo der Ball nach etwas Geflipper im Fünfmeterraum am Ende landet. Er ist und bleibt ein Phänomen.

Müller ist mittlerweile zum absoluten Urgestein bei den Bayern avanciert - DFL / Christian Kaspar-Bartke

Müller ist praktisch nie verletzt

"Ich möchte in zehn Jahren sagen, ich habe immer ganz oben gespielt und mein Körper hat es ausgehalten", hatte Müller zum Beginn seiner Laufbahn einmal gesagt. Sein Körper hat ihn in einem Jahrzehnt Bundesliga fast nie im Stich gelassen – schließlich hat er seit seinem Startelfdebüt in achteinhalb Spielzeiten lediglich 25 Spiele verpasst. Das sind im Schnitt weniger als drei pro Saison.

Und fast nebenbei hat er eben noch jenen Begriff geprägt, der mittlerweile in der ganzen Welt geläufig ist. Auf die Frage der Süddeutschen Zeitung, was er denn nun für ein Spielertyp sei, hatte Müller in einem Interview im Januar 2011 geantwortet: "Hm. Tja, was bin ich? Raumdeuter? Ja, ich bin ein Raumdeuter." Wobei das eigentlich zu bescheiden ist. Thomas Müller ist nicht ein, er ist DER Raumdeuter. Wer das nicht glaubt, kann den Ausdruck ja einmal bei Google eingeben und schauen, welches Bild auf der rechten Seite erscheint.

Florian Reinecke