München - Dieses "endlich angekommen" kann Sandro Wagner langsam nicht mehr hören. Zu oft wurde diese Formulierung nach seiner Rückkehr im Winter zum FC Bayern München in den vergangenen Wochen schon gebraucht. "Es fühlt sich nicht so an, als ob ich erst drei Monate da bin. Ich bin momentan einfach sehr glücklich und sehr dankbar", sagt Wagner. In seiner Rolle als Backup Nummer eins für Robert Lewandowski hat er sich etabliert und ist im Saisonendspurt daher besonders wertvoll.

In den Heimspielen war zuletzt Lewandowski gesetzt. Doch mit Blick auf das Halbfinale im DFB-Pokal am Dienstag bei Bayer Leverkusen gönnte Bayern-Trainer Jupp Heynckes seinem Toptorjäger eine Verschnaufpause und beorderte Wagner erstmals in der Allianz Arena in die Startelf. "Das ist etwas Besonderes, denn zuhause hast du mehr Ballbesitz und als Stürmer mehr Chancen", sagte Wagner.

Und der Torjäger wusste gleich seine ersten Möglichkeiten zu nutzen. Mit seinem ersten Doppelpack für die Bayern leitete Wagner nach dem frühen Rückstand gegen Borussia Mönchengladbach noch vor der Pause die Wende ein und ebnete dem Rekordmeister den Weg zu einem deutlichen 5:1-Erfolg. Erstmals in seiner Karriere traf der 30-Jährige damit in vier Bundesliga-Einsätzen in Folge. "Sandro ist im Januar zu uns gestoßen. Normalerweise ist das nicht ganz so einfach, aber er hat sich wunderbar integriert", sagte Heynckes und lobte den Trainingsfleiß seines Schützlings. "Ich denke, dass er noch mal einen großen Sprung gemacht hat auch an unserem Spiel teilzunehmen."

>>> Heynckes ist der Rekordmann der Bundesliga

Als ein "Phänomen" bezeichnete Niklas Süle seinen Teamkollegen, den er schon aus gemeinsamen Zeiten bei der TSG Hoffenheim kennt. "Ich weiß, wie er tickt", sagte der Innenverteidiger. "Sandro ist unglaublich wichtig, weil er seine Rolle kennt, aber trotzdem auch viel zum Einsatz kommt, weil er ein super Stürmer ist. Es passt einfach gut."

Video: Fünf Meister-Geschichte des FC Bayern

Immer wieder schwärmte Wagner zuletzt vom überragenden Teamspirit, zu erkennen war die Harmonie in der Mannschaft auch an seinem Torjubel zum zwischenzeitlichen Ausgleich. Nachdem er zunächst den Vorbereitern Thomas Müller und Süle gedankt hatte, legte Wagner noch einen Sprint zur Ersatzbank hin, um auch mit Rafinha ein kleines Jubeltänzchen aufzuführen. "Wir haben eine brutale Mentalität in der Mannschaft. Auch die, die heute auf der Bank oder nicht im Kader waren, sind alle da und freuen sich für uns", erklärte Wagner.

Mit Biss und Leidenschaft zur WM

Dass sich alle gegenseitig pushen, kommt vor allem Wagners Leistungen zugute. In seinen neun Ligaeinsätzen in der Rückrunde traf er bereits sieben Mal, nur Lewandowski erzielte im Kalenderjahr 2018 mehr Tore (zwölf). Zahlen, mit denen Wagner auch bei seinem Chef punktet. "Das ist schon eine Menge", stellte Heynckes fest und attestierte ihm ein "tadelloses Auftreten" innerhalb der Mannschaft. "Und er kann auch beißen, das gehört auch dazu. Er ist ein leidenschaftlicher Fußballer mit Biss", ergänzte Heynckes. "Ich habe Vertrauen zu ihm, er ist ein sehr guter Spieler und ich hoffe, dass er auch mit zur WM geht. Das hätte er verdient, weil er absolut professionell ist."

"Ich habe es verdient, mitzufahren. Ich fahre auch mit, da bin ich mir sicher" Sandro Wagner über seine WM-Chancen

Daran hat vor allem Wagner selbst keine Zweifel. Die Frage nach seiner WM-Teilnahme stelle sich für ihn gar nicht. "Müller und Hummels werden ja auch nicht jede Woche gefragt, ob sie zur WM mitfahren. Genauso sehe ich das auch", betonte Wagner am Samstag. "Heute habe ich Gas gegeben. Ich habe meine Tore gemacht, die letzten Tage, die letzten Wochen, die letzten Monate, die letzten Jahre. Ich habe es verdient, mitzufahren. Ich fahre auch mit, da bin ich mir sicher. Ich kann es nicht selbst entscheiden. Ich kann nur meine Leistung bringen, aber die habe ich gebracht."

>>> Zum Spielbericht der Partie Bayern - Gladbach

Sandro Wagner köpft zum 2:1 gegen Mönchengladbach ein
Sandro Wagner köpft zum 2:1 gegen Mönchengladbach ein © imago / Sven Simon

Doch bevor im Sommer die Reise mit der Nationalmannschaft nach Russland ansteht, warten mit den Halbfinals im Pokal und in der Champions League noch große Aufgaben auf Wagner und seine Bayern. Vor allem den beiden Partien mit Real Madrid um Superstar Cristiano Ronaldo fiebert er entgegen. "Den finde ich super. Ich mag solche Leute. Ich finde, so jemand macht Spaß. Wenn wir alle gleich wären, wäre es ja langweilig. Er stellt etwas dar", sagte Wagner über den polarisierenden Ausnahmekönner. Vergleiche mit ihm verbietet sich Wagner aber: "Er schießt so viele Tore, das ist der Wahnsinn. Ich glaube, ich habe nicht mal im Training so viele Tore geschossen wie er in den Spielen."

>>> Zahlen zum Spiel gegen Gladbach auf fcbayern.com

Vor dem Duell mit dem Titelverteidiger in der Champions League in anderthalb Wochen, gilt die volle Konzentration der Bayern aber dem Pokalhalbfinale in Leverkusen. "Wir wollen unbedingt nach Berlin ins Pokalfinale", sagt Wagner und schiebt die Gedanken an Real beiseite. "Wir haben nur Leverkusen-Besprechungen und fliegen auch nach Leverkusen, nicht nach Madrid, daher ist es gar nicht so schwer, das Spiel im Kopf zu haben."

Aus München berichtet Maximilian Lotz