Köln - Am 3. November feiert Gerd Müller seinen 70. Geburtstag. In einer vierteiligen Serie blickt bundesliga.de auf das Leben und die beeindruckende Karriere des "Bombers der Nation".

Als Kind armer Leute kam Gerd Müller am 3. November 1945, knapp ein halbes Jahr nach Kriegsende, in Nördlingen zur Welt. Wie viele Kinder seiner Generation war die Straße sein Spielplatz und der Ball, wahlweise auch eine Blechbüchse, sein wichtigstes Spiel-Gerät. Schon früh war der stämmige Bengel der König vom „Stänglesbrunnen“, wo sich die Jugend von Nördlingen austobte. Dorthin kam auf Empfehlung eines Mitglieds der Jugend-Leiter des TSV 1861, Georg Münzinger, und wollte den kleinen Gerd, den alle "Hadde“ riefen, in den Verein locken. Doch er traute sich noch nicht, Selbst-zweifel gehörten ebenso zu seinem Naturell wie Schüchternheit und Bescheidenheit.

"Was willscht Du Dickwanst da?“

Im August 1958, er war bereits 12, nahm ihn dann sein Freund Peter Kraus doch mal mit zum Training und der dunkelhaarige Junge mit den löchrigen Turnschuhen schlug sofort ein. "Was willscht Du Dickwanst da?“, soll der Spielführer zwar beim ersten Anblick des "Bombers“ ausgerufen haben, aber er antwortete nur in seiner Lieblingssprache: Tore.

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Beim Debüt in Öttingen, man schrieb den 24. August 1958, schoss er schon drei Tage nach seiner Anmeldung in geliehenen Schuhen seine ersten Tore. Angeblich waren es drei. Vieles aus der Schüler- und Jugendzeit Müllers muss im Vagen bleiben. Damals druckten die Zeitungen noch keine Spielberichte, höchstens von Endspielen, und selbst Tabellen und Ergebnisse waren nicht die Regel.

So basieren viele Angaben auf Müllers Erinnerungen, die er 1967 erstmals im Buch "Tore entscheiden“ festhielt. Allerdings sind etliche ungenau oder eindeutig fehlerhaft, sie halten einer genaueren Prüfung nicht stand. Angefangen vom Eintritt in den Verein über die Namen seiner Trainer bis zum Todesdatum seines Vaters.

26 Treffer in einem Spiel

Dort ist auch erstmals von den sagenhaften 180 Saison-Toren in der Saison 1962/63 zu lesen, die er für die A-Jugend geschossen haben soll, für die er schon mit 15 spielte. Weggefährten, die für die jetzt erschienene Biographie "Der Bomber der Nation“ (Riva-Verlag) befragt wurden, äußerten leise Zweifel an dieser Zahl. Im Vereins-Archiv findet sich immerhin ein Beleg für ein Spiel, bei dem er 26 Tore zu einem 31:2-Sieg beitrug. Das war am 2. März 1963 gegen den SV Holzkirchen. Die Jugendauswahl des TSV Nördlingen, so viel ist sicher, fiel Anfang der Sechziger durch eine außergewöhnliche Tor-Produktion auf. Und Gerd Müller fiel zumindest dem Bayerischen Fußballverband auf. In der Bayern-Auswahl kam er zu vier Einsätzen, aber in einer DFB-Jugend-Mannschaft spielte er nie.

Es waren andere Zeiten, mit den Kommunikationsmitteln von heute hätte Müller sicher nicht so lange unter dem Radar der DFB-Scouts hindurch durchtauchen können. So hatte er auch weiterhin keinen Grund abzuheben, auch nicht als er die Herren-Mannschaft des TSV als 18jähriger mit 45 von insgesamt 109 Saison-Toren 1964 in die 4. Liga schoss. Kurz vor Saisonende sprach ihn am Sportplatz von Oberstdorf ein Bayern-Mitglied an, ob er nicht Lust habe, nach München zu kommen. Es war der Friseur-Meister Alexander Kotter. Müllers Antwort ist typisch: "Lust hätt ich schon, aber die werden nicht grad auf mich warten!“

Das Tor zur großen Welt

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Die Bayern sahen das durchaus anders und fielen an einem Juni-Samstag 1964 unangemeldet im Hause Müller in der Berger Straße 4 ein. Mutter Karoline war der Haushaltsvorstand, der Vater war im April 1963 verstorben, so dass die beiden Söhne das Geld verdienen mussten. Gerd hatte eine Weber-Lehre absolviert, dann wurde er Schweißer, weil der Schichtdienst in der Textilfabrik Busse mit den Trainingszeiten kollidierte. Der Chef wollte auch für den besten Stürmer Schwabens keine Ausnahme machen. Bei der Firma Bremshey war das kein Problem, deren Chef hatte ein Herz für den örtlichen TSV und seine Kicker. Aber auch als Schweißer wirkte Müller nicht mehr allzu lange, denn nun öffnete sich das Tor zur großen Fußball-Welt.   

Nicht nur die Bayern hatten im Sommer 1964 ein Auge auf ihn geworfen, auch Lokal-Rivale TSV 1860. Der spielte damals eine Klasse höher, in der Bundesliga, die den Bayern bei deren Gründung 1963 noch vorenthalten worden war. Die "Löwen“ traute sich Müller erst recht nicht zu, der damaligen Sturmreihe um Küppers, Heiß, Brunnenmeier, Konietzka oder Rebele "hätte ich ja net mal die Schuh‘ zubinden können“, sagte er noch Jahrzehnte später.

Wie schon bei Franz Beckenbauer

Die Stärke der "Löwen“ ist somit der Trumpf der damals noch zweitklassigen Bayern, deren Abgesandte Walter Fembeck und Peter Sorg auf Müller und seine Mutter einredeten, bis denen der Kopf schwirrte. Die Mutter musste ja den Vertrag für den nicht volljährigen Gerd unterschreiben, damals war man das erst mit 21. Als der Löwen-Vertreter Maierböck kam, jagte Müller die Bayern zwar zur Hintertür raus und ließ sie im Cafe "Mohrenkopf“ direkt gegenüber warten, aber innerlich hatte er sich schon für sie entschieden. Herr Maierböck erhielt eine höfliche, aber bestimmte Absage, dann wurden die Bayern wieder zurückgeholt.

Wie schon bei Franz Beckenbauer, der bekanntlich wegen einer "Watsch’n“ nicht zu den Löwen ging, waren sie auch beim zweiten Garanten des Bayern-Aufstiegs zur Super-Macht nur zweiter Sieger. Und auch bei ihm konnte keiner ahnen, wie fatal das war. Denn als Müller, für den der TSV Nördlingen nach einigem Gerangel 4400 DM Ablöse erhielt, im Juli 1964 in München aufschlug, schwankten die Reaktionen zwischen Spott und Entsetzen.

Von Udo Muras (Autor der Biografie "Gerd Müller - Der Bomber der Nation")

Alle Teile der Serie zum 70. Geburtstag von Gerd Müller

Teil 1: Die Kindheit von Gerd Müller

Teil 2: Gerd Müller beim FC Bayern München

Teil 3: Gerd Müllers 40-Tore-Saison

Teil 4: Gerd Müller bei der Nationalmannschaft