Mönchengladbach - Borussia Mönchengladbach hat seit dem Amtsantritt von Manager Max Eberl vor zehn Jahren eine außergewöhnliche Entwicklung genommen. Im exklusiven Interview spricht der 45-Jährige über Vergangenheit und Zukunft der Fohlenelf.

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bundesliga.de: Herr Eberl, Sie waren gerade in Shanghai, wo Borussia ein Büro eröffnet hat. Was verspricht man sich von diesem Engagement?

Max Eberl: Der Fußball wird immer globaler. Und auch Borussia Mönchengladbach, das sich klar für die 50+1-Regel ausgesprochen hat, muss sich dennoch Gedanken machen, welche neuen Wege man beschreiten kann, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dennoch geht es uns mit der Büro-Eröffnung in Shanghai nicht nur darum, Sponsoren zu gewinnen. Wir möchten auch den Weg begleiten, den der chinesische Präsident ausgerufen hat, der den Fußball in China von der Pike auf entwickeln möchte. Das ist ein Ansatz, in dem wir uns mit unserer "Fohlen"-Philosophie sehr gut wiederfinden. Wir können einen Beitrag leisten, wenn sich der Fußball in diesem großen Land entwickelt.

"Die Bundesliga spielt in China auf jeden Fall eine wichtige Rolle"

bundesliga.de: Welche Rolle spielt die Borussia bereits im Bewusstsein der Chinesen?

Eberl: Ob die Borussia bereits eine so große Rolle spielt, vermag ich noch nicht zu sagen. Die Bundesliga aber spielt in China auf jeden Fall eine wichtige Rolle. Und wir als Verein, der die Bundesliga vertreten möchte, haben verstanden, dass der chinesische Markt dann profitiert, wenn Büros vor Ort geöffnet werden und man nicht nur wie eine Heuschrecke einfällt und kurz darauf wieder verschwindet. Wir möchten dort präsent und so auch nachhaltig sein.

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bundesliga.de: War es Ihr erster Besuch in China, und welche Eindrücke haben Sie mitgebracht?

Eberl: Ja. Ich bin zum ersten Mal in China gewesen. In sieben Tagen Peking, Shanghai und Suqian bekommt man natürlich einen nur sehr komprimierten Eindruck. Man spricht schnell von einer "anderen Welt". Ich kann für mich persönlich aber tatsächlich sagen, dass es eine andere Welt ist, die ich dort erlebt habe. Sei es das Essen, seien es die ungeheuren Dimensionen – das alles war für mich eine ganz neue Erfahrung, die mich tief beeindruckt hat.

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bundesliga.de: Beeindruckend ist längst auch die Dimension Ihrer bisherigen Amtszeit als Sportdirektor bei Borussia. Hätten Sie sich vor zehn Jahren vorstellen können, dass neben dem Borussia Park einmal ein stylishes Hotel stehen und sich der Verein auf dem chinesischen Markt engagieren würde?

Eberl: Als ich 2004 zunächst als Jugenddirektor begonnen habe, war so etwas unvorstellbar. Natürlich hatte man Visionen und Träume. Die aber bezogen sich vor allem auf das Sportliche und darauf, bessere Voraussetzungen zu schaffen, um noch mehr Talente zur Borussia zu holen. Aber dass wir eine so rasante Entwicklung nehmen würden – zum einen sportlich, wir haben insgesamt 38mal international in der Champions League und in der Europa League gespielt, und zum anderen wirtschaftlich beziehungsweise was die Infrastruktur betrifft mit dem Hotel oder dem Schritt ins weit entfernte Ausland – das war 2004 und selbst 2008, als ich Sportdirektor wurde, nicht einmal als Wunsch oder Vision vorhanden.

© DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA / Mel Griffith

bundesliga.de: Welche Momente sind Ihnen am stärksten im Gedächtnis geblieben?

Eberl: Natürlich ist die Rettung in der Relegation noch sehr präsent, als wir im Sommer 2011 im Borussia Park gegen den VfL Bochum in der Nachspielzeit das 1:0 erzielt und kurz darauf in Bochum den Klassenerhalt besiegelt haben. Das halte ich für einen ganz wichtigen Punkt unserer jüngeren Geschichte. Ebenso unvergessen geblieben ist mir der Abend im Borussia Park, als wir in der Champions League gegen den FC Barcelona 1:0 in Führung gegangen sind und in der ersten Halbzeit auf Augenhöhe mit Barca Fußball gespielt haben. Das sind vielleicht die beiden prägnantesten Punkte, die mir im Kopf geblieben sind und meine zehnjährige Tätigkeit ein Stück weit beschreiben: Dass man unten, am Boden, war, und dann doch etwas ganz Großes erleben durfte.

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bundesliga.de: Wo sehen Sie Borussia in zehn Jahren?

Eberl: Das ist nur sehr schwer zu beantworten, weil der Fußball so schnelllebig ist wie nie zuvor. Wenn Sie mich vor drei oder vier Jahren gefragt hätten, ob es irgendwann einmal Transfers über 100 oder 200 Millionen Euro geben würde, hätte ich das wahrscheinlich verneint. Mittlerweile aber haben wir Transfers in dieser Größenordnung fast regelmäßig, mindestens einen gibt es eigentlich in jeder Transferperiode. Aber es ist auch eine Stimmung rund um den Fußball entstanden, die nicht nur positiv bewertet, was gerade geschieht.

"Finanziell sind wir top, die Bundesliga ist top"

bundesliga.de: Wie kann der Fußball gegensteuern?

Eberl: Finanziell sind wir top, die Bundesliga ist top. Jetzt müssen wir alle, nicht nur Borussia Mönchengladbach, daran arbeiten, dass wir die Menschen mitnehmen auf unserem Weg. Wir müssen das Fußball-Spiel selbst wieder in den Vordergrund stellen. Selbstverständlich müssen wir uns – Stichwort China – Gedanken machen, wie wir uns in den kommenden Jahren finanziell weiter aufstellen können. Aber das darf nicht das Aushängeschild des Vereins sein. Borussias Aushängeschild muss der Fußball bleiben, die Freude über den Sieg oder auch mal die Trauer über die Niederlage.

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bundesliga.de: Mit dem besten Saisonstart seit vielen Jahren ist man auf einem hervorragenden Weg. Ist das "nur" eine Momentaufnahme oder doch die logische Folge der Überlegungen, die man im Sommer angestellt hat?

Eberl: Wir haben im Sommer aus unserer Sicht logische Entscheidungen gefällt, in Bezug auf die Mannschaft, aber auch in Bezug auf den Trainer- und Betreuerstab. Entscheidungen, von denen wir das Gefühl hatten, dass wir so wieder eine gute Chance haben würden, in der Bundesliga eine gute Rolle zu spielen. Aber wir konnten natürlich weder wissen, was andere Vereine planen, noch, dass Mannschaften wie Bayer Leverkusen oder Schalke 04 zurzeit etwas Probleme haben, andere wie der SV Werder Bremen oder Hertha BSC oben mit dabei sein würden. Unser aktueller Erfolg mag also nicht gleich eine logische Folge sein. Zumindest aber war die Wahrscheinlichkeit recht groß, dass wir auf dem richtigen Weg sein würden. Und der Saisonstart hat das deutlich unterstrichen.

bundesliga.de: Einige Experten sehen die Borussia bereits als Titelkandidaten...

Eberl: Ich nehme das wahr. Und Stand heute entspricht unser Tabellenplatz ja sogar solchen Aussagen: Wir sind momentan erster Verfolger von Borussia Dortmund. Ich bin auch weit entfernt davon, zu bremsen, sondern sage: Das, was wir gerade erleben, haben wir uns hart erarbeitet. Das hat uns niemand geschenkt. Und wir wollen diese Euphorie so lange wie möglich beibehalten. Dennoch werden wir gewiss nicht die Demut vor der jeweils nächsten Aufgabe vermissen lassen. Und wir wissen selbstverständlich auch, dass gerade einmal acht Spiele gespielt sind. Ja, wir sind hochambitioniert. Aber es nützt überhaupt nichts, heute vom Mai 2019 zu sprechen. Es ist Oktober 2018, und wir haben den SC Freiburg vor der Brust. Darauf liegt unser Fokus.

"Dass wir immer an Jonas Hofmann geglaubt haben, zeigt sich daran, dass wir im Sommer nicht einen Moment lang daran gedacht haben, ihn abzugeben"

bundesliga.de: Einer der Gründe für den sehr guten Saisonstart ist auch die Leistungsexplosion von Jonas Hofmann. Wie lässt sich erklären, dass ein Spieler in seiner dritten Saison plötzlich so herausragend auftritt?

Eberl: Die Veränderungen im System haben Jonas sicher geholfen. Er hat im ersten Spiel gegen Leverkusen den wichtigen Elfmeter verwandelt, und das hat ihm nach einer guten Vorbereitung weiteres Selbstvertrauen gegeben. Grundvoraussetzung aber ist seine unbestrittene Qualität, die hatte Jonas Hofmann immer. Dass wir immer an ihn geglaubt haben, zeigt sich daran, dass wir im Sommer nicht einen Moment lang daran gedacht haben, ihn abzugeben – obwohl manch anderer vielleicht gesagt hätte "Na ja, nach zweieinhalb Jahren hat er es immer noch nicht geschafft, jetzt könnte man darüber nachdenken, ihn abzugeben". Nein. Das war für uns nie ein Thema, weil wir von Jonas überzeugt sind. Bei dem einen Spieler geht es eben schneller, so wie es gerade bei Alassane Plea den Anschein hat, und beim anderen dauert es etwas länger. Ich erinnere in diesem Zusammenhang gerne an Granit Xhaka, der als Topmann zu uns kam, dann aber beinahe anderthalb Jahre benötigte, um ein so guter Bundesligaspieler zu werden, dass er seine Karriere später in der Premier League, beim FC Arsenal, fortsetzen konnte.

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bundesliga.de: Stichwort Plea: Mehr hat Borussia noch nie ausgegeben für einen Spieler. Wie schwer fällt Ihnen persönlich eine solche Investition?

Eberl: Natürlich wusste ich, dass die Summe große Aufmerksamkeit erregen würde. Trotzdem hatte ich ein gutes Gefühl. Ich hätte dann Magenschmerzen, wenn wir ein Risiko eingehen würden. Wenn wir uns einen solchen Transfer aber mit anderen Transfers ermöglichen können – ich erinnere an den Wechsel von Jannik Vestergaard zum FC Southampton – dann habe ich ein gutes Gefühl. Auch wenn die Summe natürlich groß ist, sind wir also kein Risiko gegangen und haben nicht alles auf eine Karte gesetzt. Nein. Bei Borussia treffen wir sportliche Entscheidungen, die auf wirtschaftlicher Vernunft fußen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter