Hamburg - Am vergangenen Samstag plauderte Joe Zinnbauer noch im kleinen Kreis zwischen Platz und Kabine mit drei Journalisten. Gerade hatte das von ihm seit Saisonbeginn betreute Reserveteam des Hamburger SV einen neuen Regionalliga-Startrekord aufgestellt, acht Siege in acht Spielen.

Am kommenden Samstag werden ihm wohl mehr Journalisten zuhören, denn Zinnbauer wurde heute von HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer zum Cheftrainer befördert. Er beerbt den glücklosen Mirko Slomka. Statt Lüneburger SK oder BSV Rehden heißen die Gegner ab sofort FC Schalke 04, Borussia Dortmund oder am Samstag der FC Bayern München.

Bis an die Spitze der Regionalliga

Auf einmal Cheftrainer. Nach der Beurlaubung von Ex-Manager Oliver Kreuzer, der Zinnbauer zu Saisonbeginn zum HSV holte, musste dieser selbst kurzfristig um seinen Job als Coach der Reserve fürchten. "Es hätte ja durchaus sein können, dass Beiersdorfer und Peters völlig neue Leute installieren wollen", erinnerte sich Zinnbauer.

Doch sie ließen den 44-Jährigen machen. Und das war gut so. Zinnbauer, zuvor Trainer der U23 des Karlsruher SC, schweißte innerhalb kürzester Zeit ein tolles Team zusammen, das in der Regionalliga keiner auf dem Zettel hatte. In der Vorsaison war die HSV-Reserve noch knapp am Abstieg vorbeigeschrammt. Nur wenige Monate später stehen die talentierten Youngster auf Platz eins. 24 Punkte aus acht Spielen, zuletzt eine 5:0-Machtdemonstration gegen den BV Cloppenburg. Zinnbauer war auf einmal auf dem Zettel von Beiersdorfer.

"Mit offener Art genau der richtige Mann"

Auf der heutigen Pressekonferenz lobte der HSV-Chef Zinnbauer über den grünen Klee. "Mit seiner Emotionalität und seiner offenen und nach außen gerichteten Art ist er genau der richtige Mann. Auch bei der U23 hat er schnell ein tolles Team geformt und neue Strukturen geschaffen." Neue Strukturen soll er jetzt auch beim Profi-Team des HSV schaffen. Eine lange Vorbereitungsphase hat er jedoch nicht. Bis zum Spiel am Samstag hat Zinnbauer nur wenig Zeit.

Bei der HSV-Reserve musste der gebürtige Oberpfalzer ein völlig neues Team formen. Elf Neuzugänge und diverse Abgänge. Das Regionalligateam stand vor einem Neuaufbau. Für Zinnbauer steht das Team im Vordergrund. Mit Alleinunterhaltern und Diven kann er nichts anfangen. "Als Spieler musst du dein Ego zuhause lassen", sagte er mal.

Als Trainer zeichnet ihn eine große Akribie aus. Stundenlange Videoanalysen inklusive. Sein Spielstil ist geprägt von hoher Intensität und Laufbereitschaft. Tugenden, die vor allem jetzt beim HSV an erster Stelle stehen sollten. Einen besonderen Tick hat Zinnbauer dann auch noch. Er ist sehr abergläubisch. Nach gewonnen Spielen muss der Ablauf bei der nächsten Partie genau derselbe sein. Nach langen Siegesserien bei seinen Ex-Clubs kam es schon einmal vor, dass Zinnbauer im T-Shirt Mitte November an der Seitenlinie stand.

Youngster auch bei den Profis im Kader?

Vielleicht nimmt der neue Chefcoach der Rothosen auch ein paar Spieler aus seinem Team mit ins morgige Training bei den Profis. In den vergangenen Wochen trainierten bereits immer wieder Spieler aus der Reserve bei Slomka mit und hinterließen einen guten Eindruck. Besonders in der Offensive überzeugten die HSV-Youngster in der Regionalliga mit 27 Toren in acht Spielen. Ahmet Arslan als offensiver Mittelfeldspieler rangiert mit sieben Treffern an der Spitze der Regionalliga-Torschützenliste. Toreschießen gehörte beim HSV in der aktuellen Saison nicht zu den Spezialitäten. Der Bundesliga-Dino ist nach drei Spielen als einziges deutsches Profiteam noch torlos.

Alexander Barklage

Steckbrief Josef Zinnbauer

Zinnbauer vor großen Aufgaben beim HSV