
Kapitän ohne Klischees: Fabian Reese ist Herthas Galionsfigur
Spielführer, Individualist, Vorbild: Mit Fabian Reese hat Hertha BSC wieder eine Galionsfigur. Das liegt an seiner Leistung auf dem Platz, aber auch an seiner Persönlichkeit. Porträt eines Fußballprofis, der Menschen über den Sport hinaus inspiriert.
Text Ronald Reng
Während des Fußballspiels spürt Fabian Reese den sanften Druck am linken Oberarm nicht. Er hat den Klettverschluss der Kapitänsbinde eng gezogen, damit sie ihm beim Sprint oder im Zweikampf nicht verrutscht, aber im Eifer des Wettkampfs vergisst er das Band am Arm, so wie er die Schienbeinschoner in den Sportsocken nicht mehr bemerkt. Im Idealfall, findet er, erkennen auch die Zuschauer einen Mannschaftskapitän, ohne die Armbinde überhaupt wahrzunehmen; an seiner Art zu spielen.
"Als Kapitän sind Taten größer als Worte", sagt er. "Es geht darum, mit gutem Beispiel voranzugehen, durch die eigenen Aktionen auf dem Rasen Energie auf die Mitspieler zu übertragen. Ein Kapitän muss der Mannschaft nicht ständig vorsagen, was sie zu tun hat. Er lebt es vor."
Gelegentlich heißt es über einen Fußballspieler, er sei zum Mannschaftskapitän geboren. Fabian Reese ist in die Rolle eher hineingewachsen. In der Saison 2024/25 sprang er bei seinem Verein Hertha BSC erstmals ab und an als Stellvertreter ein, wenn der damalige Kapitän Toni Leistner nicht auf dem Platz stand. In der aktuellen Saison, mit 28, nach elf Jahren im Profifußball, ist er zum ersten Mal der offizielle Mannschaftskapitän.
In die Rolle hineingewachsen
Er hatte bis dahin im Leben wenige formelle Führungsämter inne. "Klassensprecher war ich einmal. Aber ich glaube, auch nur ein Jahr lang, als ich noch sehr klein war." Er lächelt bei der Erinnerung. "Die Kriterien, warum ein Elfjähriger von den Gleichaltrigen zum Klassensprecher gewählt wird, sind vermutlich auch etwas anders als für Führungspositionen im Erwachsenenalter. Vielleicht hatte ich damals immer leckere Sachen in meiner Brotdose."
Auf den ersten Blick hat er auch in diesem Moment, während unseres Gesprächs auf einem beigen Sofa in Herthas Geschäftsstelle, fern vom Fußballplatz, etwas von einem Kapitän. Man nennt es wohl Ausstrahlung. Das dunkle Haar fällt Fabian Reese wallend auf die breiten Schultern, mit der weit geschnittenen Kleidung in Olivbraun ähnelt er den englischen Studenten aus den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, die den Modetrend "Oxford Bags" setzten.
Er fällt mit seiner Individualität auf. Aber, und das macht ihn als Kapitän so interessant, er zeigt, dass eine eigenständige Persönlichkeit und Gemeinschaftssinn keine Gegensätze sein müssen. Fabian Reese nutzt das Kapitänsamt nicht, um sich abzuheben, sondern die Kapitänsbinde soll ihn noch stärker mit den Mitspielern verbinden. "Ich glaube nicht, dass ich dreimal die Woche herumschreien und drei Leute im Training wegflexen muss, um ein starker Kapitän zu sein. Ich glaube, dass es viel stärker ist, wenn der Kapitän jedem im Team das Gefühl gibt, dass er gesehen wird, wenn der Kapitän für ein Klima im Team wirbt, in dem man sich mit Respekt begegnet und weiß, dass man sich aufeinander verlassen kann."
Reese löst einen Hype aus
Das Fußballspiel fasziniert auch deshalb so viele Menschen, weil es für den Erfolg Sportler braucht, die gleichzeitig herausragend individualistisch und als Teil des Teams agieren. In Berlin hatten sie lange auf solch einen Fußballer gewartet, sagt Arne Friedrich. "Fabian Reese ist der erste Spieler seit Marcelinho, der bei Hertha wieder einen Hype ausgelöst hat", so der frühere Hertha-Kapitän sowie Weltmeisterschafts-Halbfinalist 2006 und 2010 in seinem Podcast. Marcelinho, der brasilianische Stürmer mit den vielen Frisuren und noch mehr Toren, verließ Hertha vor zwanzig Jahren.
Mit seinen energischen Dribblings, seinen zahlreichen Toren und kreativen Zuspielen gerade in schwierigen Spielsituationen nahm Fabian Reese einen Großteil des Berliner Publikums für sich ein. Er lässt die Öffentlichkeit der Hauptstadt auch an seinem Leben abseits des Fußballplatzes teilhaben. So entstand der Eindruck: Er hat nicht nur als Sportler, sondern auch als Person Flair. Angesichts der Begeisterung, angesichts der Kulisse von regelmäßig 50.000 Zuschauern im Berliner Olympiastadion könnte man glatt vergessen, dass Hertha BSC und Fabian Reese in der 2. Bundesliga spielen.
Beeindruckende Identifikation
Die Kuriosität, dass es in Westberlin ungeachtet der Ligazugehörigkeit nach großem Fußball riecht, hat auch etwas Bitteres, denn Fabian Reese unterschrieb bei Hertha Ende 2022, um dort nach Stationen beim FC Schalke 04, dem Karlsruher SC, der SpVgg Greuther Fürth und Holstein Kiel endlich ein gestandener Erstligaprofi zu werden. Als er seinen Dienst im Sommer 2023 in Berlin antrat, war Hertha jedoch abgestiegen.
Wie intensiv er sich, trotz der unerwarteten Realität namens 2. Bundesliga, mit dem Verein und der Stadt identifiziert, steigert seine Popularität umso mehr. Vor dieser Saison verlängerten Hertha BSC und er seinen Arbeitsvertrag bis 2030. So weit vorausreichende Verträge haben unter den rund 500 Zweitligaspielern nur wenige Profis.
Das größte Symbol für Fabian Reeses Anziehungskraft ist gut einen Quadratzentimeter klein. Er schiebt auf dem Sofa in der Geschäftsstelle seine beiden geöffneten Hände nach vorn, damit es besser zu sehen ist. Fünf seiner zehn Fingernägel sind weiß lackiert.
Reese wollte Rockstar werden
Ohrringe bei Männern sind längst eine Alltagserscheinung, Tätowierungen gar der letzte Schrei, aber lackierte Fingernägel sind auch 50 Jahre nachdem Popstar David Bowie Nagellack auftrug, ein seltener Anblick. Fabian Reese wollte als Kind Rockstar werden. Also nicht, dass er tatsächlich Versuche in diese Richtung unternahm, "Über zwei Jahre Blockflöte-Spielen ging meine Musikkarriere nicht hinaus", ihm gefiel einfach in seinen Tagträumen die Vorstellung, ein Publikum von der Bühne herab zu unterhalten, eins zu werden mit der Menge, so wie Robbie Williams, dessen Lieder seine Mutter immer im Auto und manchmal auch im Wohnzimmer laut aufdrehte.
Von daher fand er lackierte Fingernägel, die Extravaganz mancher Popstars, durchaus cool. Aber der tiefere Grund, warum er im März 2023 in einem Zweitligaspiel seines damaligen Clubs Holstein Kiel erstmals schwarzen Nagellack trug, war ein anderer.
Er wollte sich selbst demonstrieren, dass ein guter Fußballer nicht dem Klischee vom harten, rücksichtslosen Mann entsprechen muss. "Sensibilität ist doch eine Stärke", sagt er, "denn mit Sensibilität nimmst du so viel mehr wahr." Ein Fußballer mit Nagellack, damit könnte er sich vom Zwang befreien, dem Klischee vom erbarmungslosen Wettkämpfer zu genügen, und womöglich gar die Öffentlichkeit zum Nachdenken über das Bild vom vermeintlich harten Mann anstoßen. Als er im März 2023 mit lackierten Fingernägeln in die Öffentlichkeit trat, geschah: gar nichts. Ein Fußballer von Holstein Kiel, schon geografisch fernab der
Medienzentren, fällt offenbar nicht so leicht auf.
Ein Mensch soll ruhig so sein, wie er sein will
Als er drei Monate später in Berlin mit Nagellack zum Training bei seinem neuen Club erschien, war das eine Nachricht in der Hauptstadt. Glücklich, durchaus auch dankbar, registrierte Fabian Reese, wie viele in Berlin der Meinung waren: Ein Mensch soll ruhig so sein, wie er sein will, von ihnen aus auch mit Nagellack. "Ich glaube, noch vor zehn Jahren hätten sich die wenigsten unter einem starken Mannschaftskapitän einen Mann mit Nagellack vorgestellt."
Rein sachlich gesehen "sind ein paar Millimeter Lack auf den Fingernägeln nicht die verrückteste Sache der Welt", sagt Fabian Reese. Doch seine Nägel wurden zu einem Symbol für den Mut, nicht der Norm zu entsprechen. Und so lebte er freier: Fabian Reese hat von seiner Freundin die Gewohnheit übernommen, auf Flohmärkten herumzustöbern, sie haben sich ein Ölgemälde mit Goldrahmen von solch einem Flohmarkt ins Wohnzimmer gehängt, er saß in der "Staatsoper Unter den Linden" im Publikum, als das Staatsballett Berlin zu Technomusik tanzte.
Er muss mittlerweile betonen, dass solche Ausflüge selten sind, seinen Alltag habe er voll dem Leistungssport untergeordnet. Wahrgenommen wird er jedoch als jemand, der seinen ganz eigenen Lebensstil pflegt. So, und nicht nur als Fußballer, wurde er offenbar etlichen Menschen zum Vorbild. "Da kriege ich sofort eine Gänsehaut, wenn Sie das ansprechen", sagt er. "Mir schreiben so viele Menschen, wie sie den Mut gefunden haben, etwas in ihrem Leben zu ändern. Sei es dass sie mit Sport aufgehört haben oder mit dem Sport angefangen haben, sei es dass sie gegenüber Freunden oder ihrem Partner endlich etwas angesprochen haben. Das sind Hunderte verschiedene Dinge, aber immer geht es um den Mut, endlich etwas zu tun, auch wenn es schwerfällt oder nicht den Erwartungen entspricht. Wenn ich ein kleines Mosaiksteinchen im Prozess dieser Menschen war, macht mich das wahnsinnig froh."
"Ich war aufgeregter als vor einem Spiel am Wochenende"
Seine Popularität gibt ihm mehr als den Jubel und das Fluchen einer anonymen Masse, und auch wenn die Aufmerksamkeit durchaus zu viel werden kann, so weiß Fabian Reese noch immer zu schätzen, welche besonderen Begegnungen ihm seine Beliebtheit in Berlin ermöglicht. Anfang 2025 klingelte er an der Haustür von Ruth Winkelmann. "Ich war aufgeregter als vor einem Spiel am Wochenende." Ruth Winkelmann überlebte den Holocaust als Jüdin in Berlin, versteckt in der Laube eines Familienfreundes, ihr Vater verlor im Konzentrationslager Auschwitz das Leben. Vordergründig war Reeses Besuch bei der 96-jährigen Dame eine Kooperation mit dem World Jewish Congress, um der jüngeren, also seiner Generation die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus lebhaft zu vermitteln. Aber das war doch kein Termin!
"Das war ein prägendes Erlebnis. Ich denke noch heute sehr oft über Frau Winkelmann und ihre Geschichte nach." Es lag wohl an der einladenden, herzlichen Art von Ruth Winkelmann, dass ein echtes Gespräch zwischen den beiden entstand, aber es lag auch an Fabian Reese, der unverändert etwas beherrscht, was viele im Rampenlicht verlieren: sich für andere zu interessieren. Er stellte Ruth Winkelmann Fragen. "War es seine Handschrift?", bezogen auf die Postkarten von Winkelmanns Vater aus dem Konzentrationslager. Und Reese versteckte seine Unsicherheit nicht: "Für mich war es nicht leicht zuzuhören, weil es ein Ohnmachtsgefühl auslöst: Ich sitze hier gemütlich in einer beheizten Bude", so weit weg von den Schrecken des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs.
Reese baut auf weitere Führungsfiguren
Wenn Menschen zum ersten Mal in formelle Führungsrollen wie die eines Mannschaftskapitäns schlüpfen, glauben einige, sie dürften keine Unsicherheiten zeigen. Es ist wohl einer der größten Fehler. Sie verkrampfen. Fabian Reese hat sich „nicht aufs Sofa gesetzt und aufgeschrieben, wie ich als Kapitän sein sollte. Ich führe auch keine Strichliste, damit ich mit jedem Mitspieler regelmäßig rede.“ Er ist sich bewusst, dass er nicht jeden Charakter im Team erreicht. Er baut deshalb bewusst darauf, dass auch andere Spieler bei Hertha wie Toni Leistner oder Deyovaisio Zeefuik als Führungsfiguren auftreten. „Ich möchte eine flache Hierarchie. Wir brauchen nicht nur einen Kapitän, wir brauchen nicht nur den Mannschaftsrat, wir brauchen alle Spieler.“
Auch er, der wohl einige Menschen mit seiner Art zu sein inspiriert, benötigt als Kapitän Beispiele, die ihm Mut machen. Fabian Reese hat eines in seiner Kindheitserinnerung gefunden. Zu Hause in Mielkendorf – 1.400 Einwohner, 15 Minuten bis Kiel, die Mutter arbeitete als Kinderkrankenschwester, der Vater als Motorradhändler – schwärmte Fabian eigentlich mehr für Ronaldinho, aber sein Bruder Marius war David-Beckham-Fan. „Später, als ich älter war, habe ich mich intensiv mit David Beckhams Geschichte beschäftigt.“
"Leading by example"
Beckham brach nicht nur mit dem Männerbild, dass ein Fußballer ein harter Cowboy sein müsse, als Kapitän der englischen Nationalmannschaft setzte er sich auch erfolgreich gegen das Vorurteil durch, er sei zu weich, zu lieb für die Kapitänsrolle. Damals, um das Jahr 2002, war in Großbritannien der Ire Roy Keane von Manchester United der Inbegriff eines Kapitäns. Er erteilte Befehle, bei Widerstand stürzte er sich Nase voraus in den Konflikt, Spiel und Gegner versuchte er mit körperlicher Vehemenz zu dominieren.
David Beckham blieb als Kapitän er selbst, ein netter Junge, der mit Freundlichkeit alle im Team einzuschließen versuchte und der auf dem Platz mit leidenschaftlichem Einsatz den Ton setzte. "Leading by example" nannte er es, führen durch das eigene Tun. Es wurde ein Erfolgsstil. "Beckham ist für mich eine Inspiration", sagt Fabian Reese. "Moderne Führung ist eben nicht diktatorisch, sondern geschieht im Dialog." Wenn er vor dem Spiel die Kapitänsbinde anlegt, achtet er darauf, dass sie straff genug sitzt, um nicht herunterzurutschen. Aber er zieht sie nie so fest, dass sie ihn einengt.

