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Führt Miron Muslić die Knappen zum Aufstieg?
Führt Miron Muslić die Knappen zum Aufstieg? - © DFL/Getty Images/Lukas Schulze
Führt Miron Muslić die Knappen zum Aufstieg? - © DFL/Getty Images/Lukas Schulze
2. Bundesliga

Drei Gänge höher mit der neuen Schalke-DNA

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Ein Traditionsverein aus dem Ruhrpott gibt Gas. Frank Baumann, der Vorstand Sport, und die Clubversteher Tim Hoogland und Youri Mulder erklären, warum der FC Schalke 04 seine Fans wieder begeistert – und was die neu definierte Schalke-DNA damit zu tun hat.

Text Jörg Kramer

Tim Hoogland ist zum Medienraum gekommen, etwas früher als geplant. Die Besprechung im Trainerstab hat nicht allzu lange gedauert. Im Obergeschoss des Schalker Profileistungszentrums hat Ex-Profi Hoogland, seit November 2024 im Trainerteam der Schalker Profis, wie immer die drei Schlagwörter an der Wand gesehen.

Chefcoach Miron Muslić hat sie in großen Lettern dort hinschreiben lassen, sie stehen auch auf jedem Wochenplan für die Spieler: Aggressiv. Intensiv. Mutig. "Drei Begriffe, die alles abdecken", erklärt Co-Trainer Hoogland. "Daran halten wir uns, daran wird jeder gemessen. Das ist allgegenwärtig."

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Kein Zweifel, der Mann hat die Prinzipien des bosnisch-österreichischen Chefs verinnerlicht – Leitlinien, die zu jener Idee passen, die der Club unter Vorstandschef Matthias Tillmann hat entwickeln lassen und die man rund um die VELTINS-Arena jetzt die "Schalke-DNA" nennt.

Das ist die Richtschnur. Sie soll immer gelten, mit ihr will man die Energie nutzen, die eine gewaltige Fanbasis traditionell liefert.

Ein Trainer, der dieser DNA entspricht

Klar kommt jedoch ebenfalls daher, dass S04 unter seinem neuen Coach Miron Muslić spielerisch ein anderes Schalke ist als zuvor – und mit Spielern wie ihrem Kapitän Karaman über Akteure verfügt, die nicht nur einzelne Duelle gewinnen können.

Dabei geht es gar nicht nur um eine Spielphilosophie für die 90 Minuten auf dem Rasen, wie Tim Hoogland erklärt. Es ist ein Bauplan, "wie wir Schalke als Ganzes leben wollen". Im letzten Sommer, sagt er, seien "wichtige Schritte" im Verein unternommen worden. Frank Baumann fing als neuer Sportvorstand an, suchte einen Trainer aus, der dieser DNA entspricht. Muslić spricht gern davon, dass man eine Hochleistungskultur implementiert habe. "Es verbindet alle", erläutert Hoogland, "dass wir zwei, drei Gänge hochschalten wollten, aus jeder Trainingseinheit, jedem Meeting das Maximum rausholen. Wir alle wollen stetig besser werden".

Bessermacher Muslić - Sabrina Weniger

"Ein unheimliches Miteinander"

So wird klar, dass Tim Hoogland, 40, hier nicht als Fachmann sitzt, um eine einzelne jener Trainingsformen zu beschreiben, mit denen die intensive Schalker Spielweise eingeübt wird. Geradliniger Fußball, mit dem die Mannschaft es geschafft hat, ihr Publikum wieder zu begeistern und die Hinrunde auf Platz eins abzuschließen. Vielmehr erweist sich der Mann aus Marl als der Experte, der das große Ganze verständlich macht.

Sein Elternhaus steht gut 20 Kilometer nördlich von Gelsenkirchen, die Mutter wohnt noch immer in Marl. Mit 13 Jahren kam der Verteidiger in die Jugendabteilung von Schalke 04, er spielte bis 2014 hier als Profi. Nach Abstechern nach Mainz und Stuttgart kehrte er immer irgendwann zurück, letzte Station in Deutschland war von 2015 bis 2019 der VfL Bochum 1848. Und im Anschluss an die Karriere, die er in Melbourne hatte ausklingen lassen, fing er als Jugendcoach auf Schalke an. "Ich bin ein Kind aus dem Ruhrgebiet", sagt er, "wir wissen, was der Fan hier sehen möchte. Und was Schalkes Kultur und Vergangenheit ist."

Die DNA umfasse Tugenden und Werte. Sie meine "ein unheimliches Miteinander" – in der Mannschaft, im ganzen Verein. Den Zusammenhalt mit den Fans habe man "durch die Art, wie wir spielen" hergestellt, "sodass vieles dann auch verziehen wird". In der Tat gab es in dieser Saison kaum einmal Pfiffe nach Rückschlägen. "Ein sehr spezieller Verein" eben.

Intensität ist das Stichwort: Schalke beim Training - Sabrina Weniger

Ein neues Leistungsprinzip

Hoogland hat ihn erlebt. Er wurde mit Schalke B-Jugend-Meister, DFB-Pokalsieger, er schoss ein Tor gegen Real Madrid in der Champions League, sein Gegenspieler auf der rechten Abwehrseite in dieser Partie war Cristiano Ronaldo. Das war 2014. Und ist weit weg. Jetzt also: aggressiv, intensiv und mutig. "Wir haben Leistungsprinzipien eingezogen." Wer Leistung bringe, werde durch Spielzeit auf dem Platz belohnt. So kamen Talente wie Vitalie Becker zu ihren Einsätzen, Paul Pöpperl, Mertcan Ayhan, Mika Wallentowitz. Weil Anstrengung honoriert werde, sei der Trainingseifer sehr hoch.

So weit die Prinzipien. Und was ist mit dem "organisierten Chaos" auf dem Platz, von dem Chef Muslić manchmal spricht, was ist damit gemeint? "Es ist für uns kein Chaos", sagt Tim Hoogland. "Für uns ist es eine Struktur, in der jeder ganz genau weiß, was zu tun ist." Sie verengen den Raum, provozieren Ballverluste des Gegners, um dann zielstrebig anzugreifen. "Wichtiger Bestandteil unserer Trainingswoche ist, was zu passieren hat, sobald wir den Ball haben."

Von wegen Chaos. Nun liegt es im Auge des Betrachters, ob diese Spielart als ästhetisch und attraktiv empfunden wird. Über Frank Baumann war zu lesen, dass sein Vater Josef, der in Würzburg lebt, zu ihm sagte, er habe doch wohl "eine Meise", als er bei Schalke anfing. Der Vater hielt die Aufgabe für ein Himmelfahrtskommando.

Kennt Schalke wie kaum ein Zweiter: Youri Mulder, Direktor Profifußball bei Schalke - Sabrina Weniger

Die höchste letzte Linie der ganzen Liga

Youri Mulder, Schalkes Direktor Profifußball, Ex-Stürmer und Publikumsliebling, als Eurofighter von 1997 ein Idol, hat einen klaren Blick auf den Fußball. Vor allem diesen Fußball. Auch ihn trifft man auf der Chefetage am Ernst-Kuzorra-Weg. Mulder, 56, bilanziert die Hinrunde so: "Unser Spiel war ästhetisch hochwertig. Schnell nach vorn, nicht viel hintenrum. Für mich ist das schöner Fußball. Sofort in die Zweikämpfe, nicht abwarten. Offenes Visier. Ich finde es attraktiv. Es ist nicht ängstlich, wir hatten die höchste letzte Linie der ganzen Liga."

Mutig eben, aggressiv. Intensiv auf die Schalker Art. Der in Anderlecht geborene Niederländer, auf Schalke groß geworden, erliegt dem Charme des gepflegten Zweikampfes. Mulder war hier Trainer, Aufsichtsrat und Interims-Manager, seit Beginn dieser Saison wirkt er als Direktor Profifußball. Er kennt den Club wie sonst kaum jemand.

Das Besondere an Schalke ist für ihn schnell erzählt. Die Unterstützung für die Mannschaft sei immer da. "Die hast du einfach immer hier. Sie kann vielleicht mal ganz kurz weg sein, kommt aber sehr schnell wieder zurück. Sie ist viel schneller zurück, als sie weggeht." Mulder schaut todernst, als er ergänzt: "Das ist übrigens umgekehrt zum idealen Körpergewicht: Ich habe schnell zehn Kilo zugenommen, doch es geht nur langsam wieder runter." Die Schalker Publikumsgunst verhält sich umgekehrt proportional zum Idealgewicht also, das ist das Mulder-Theorem. Der Urheber lacht sein raues Mulder-Lachen.

"Wir müssen demütig bleiben"

Aber er hat recht. Ende der vergangenen Spielzeit wurden die Spieler im eigenen Stadion als Versager beschimpft, doch zum Auftakt der neuen Saison ging zu Hause wieder die Post ab. Schalke führte schnell mit 2:0 nach 23 Minuten gegen Hertha BSC, fortan surfte das Team ein halbes Jahr lang auf einer Begeisterungswelle. Was ist los mit den Menschen auf Schalke? "Die Sehnsucht nach einem kleinen bisschen Erfolg" treibe sie an, sagt der Schalke-Versteher Mulder und legt mit gespieltem Flehen nach, was dem Club in den ersten zwei Jahrzehnten des Jahrtausends ein stetiger Begleiter war: "Irgendwann mal ’ne Meisterschaft!" Mulder gehörte einst zum Kader der Spieler, die sich vier Minuten lang als Deutscher Meister wähnten und dann doch nur Meister der Herzen waren. Im Mai 2026 jährt sich das Ereignis zum 25. Mal.

Wie wäre es mit Zweitligameister, dem Aufstieg? Diese Begriffe fallen kaum einmal an diesem Tag auf dem gesamten Gelände. "Wir müssen demütig bleiben. Am besten schauen wir gar nicht auf die Tabelle", sagt Youri Mulder. Gerade hat er das Training angeschaut und live auf dem YouTube-Kanal des Vereins für die Fans kommentiert. Er ist möglichst bei jeder Einheit dabei, auch um auf dem Weg vom Trainingsplatz mit Spielern zu reden. "Wenn man jemanden erst ins Büro holen muss, kriegt das gleich eine so große Bedeutung. Manchmal geht es nur um Aufmerksamkeit." Mulder wurde auch deshalb Direktor Profifußball, weil er die Spieler versteht.

Dabei ist er nicht der Gute-Laune-Onkel. "Zachte heelmeesters maken stinkende wonden", sagt er, ein niederländisches Sprichwort. Zu weiche Wundärzte machen stinkende Wunden. Soll bedeuten: Mulder muss auch streng sein. Seine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass der ganze Stab um die Mannschaft funktioniert. Er ist bei Scouting-Sitzungen dabei, spricht mit potenziellen Zugängen. Und er hört dem Cheftrainer gern zu. Muslić strahle die Sicherheit aus, dass er genau weiß, was er tun muss. "Mit großer Autorität, aber nie persönlich. Er kann dich berühren." Bei Videositzungen staunt Mulder, dass der vielsprachige Trainer die in seinem Rücken gezeigten Spielsequenzen immer bereits auswendig kennt. Er müsse nicht mehr hinsehen.

Vorstand Frank Baumann stellte sich zu Beginn der Saison auf Schalke vor - IMAGO/Maik Hölter/TEAM2sportphoto

Baumann ist nüchtern und prägnant

Gut vorbereitet sein, das ist der Schlüssel. Es ist die Devise auch für den Sportvorstand. Frank Baumann lässt beim Gespräch sein Handy eingeschaltet auf dem Tisch und erklärt, er erwarte einen wichtigen Anruf. Es ist Transferperiode. Als das Telefon nach einer halben Stunde tatsächlich vibriert, geht er kurz raus wie angekündigt. Eine schlechte Nachricht, bestätigt er auf Nachfrage, als er zurückkommt. Es war der Verein, er lässt den gewünschten Spieler nicht ziehen. Bei näherem Hinsehen wirkt Baumanns Frisur jetzt leicht zerzaust. Vielleicht vom Haareraufen.

Frank Baumann hat einen trockenen Humor. Der angeblich immer so ruhige Würzburger, den Ruf hatte er schon als Spieler und in den insgesamt 14 Jahren im Management bei Werder Bremen, macht spontan einen lakonischen Witz, der gut zu ihm passt. Nüchtern und prägnant. Demütig bleiben ist ja das Motto auf Schalke nach zwei Spielzeiten im Abstiegskampf. Nun steht ein Flipchart im Bild, als Baumann fotografiert werden soll. Jemand blättert das Papier schnell um, damit man das Gekritzel des vorherigen Meetings nicht sieht. Jetzt steckt ein weißes Blatt in der Halterung, und es wird gescherzt, man könne fürs Foto ja etwas Plakatives daraufschreiben. Klar, wirft Baumann ein: "Planung für die Bundesliga". Großes Gelächter im Raum. Da wäre die ganze schöne Demut durchkreuzt.

Der stille Macher? Baumann wehrt sich gegen den Verdacht, der Club sei durch die Ruhe, die ihm zugeschrieben wird, jetzt erfolgreich. "Es geht immer um einen klaren Plan und richtige Entscheidungen. Wenn die Entscheidungen überwiegend schlecht sind, hast du ein Problem, egal ob du ruhig bist oder laut." Er sei bloß Teil des großen Unternehmens, mit gewissen Aufgaben. Als er im vergangenen Frühjahr im Ruhrgebiet zusagte, sah der Franke die sportliche Krise, in die der Club mit Tabellenplatz 14 am Ende der Zweitligasaison gerutscht war, als Chance für schnelle Veränderungen. Gut war daran: Baumann kann Krise. Auch Werder Bremen war, als er 2016 dort Geschäftsführer wurde, in wirtschaftlich und sportlich schwieriger Lage.

Muslić überzeugte im persönlichen Gespräch

Ein starkes Team möchte er unter sich haben, das vertrauensvoll zusammenarbeitet. "Nur wenn Vertrauen da ist, kann ich auch kontrovers und lösungsorientiert diskutieren." Baumann redet seinen Anteil am Gelingen gern klein. "Meine Aufgabe ist es, die passenden Strukturen und Leitplanken vorzugeben und zu schauen, ob sie eingehalten werden. Und ob die richtigen Leute auf den Schlüsselpositionen sind."

Für eine der wichtigsten hat er Muslić gefunden, passend zur Schalke-DNA, ausgesucht auf der Basis von Daten der von ihm trainierten Teams. Den Namen hatte er auf dem Schirm, seit er mit Werder Bremen einen Muslić-Schüler bei Cercle Brügge gescoutet hatte, Olivier Deman. Der fiel durch seinen intensiven Spielstil auf. Der Sportpsychologe Andreas Marlovits, mit dem Baumann häufig zusammenarbeitet, legte eine Analyse der Mannschaftsführung aller Trainerkandidaten vor, die er anhand von Referenzen erstellte. Von der engeren Auswahl überzeugte schließlich der Mann von Plymouth Argyle aus der dritten englischen Liga im persönlichen Gespräch.

Charakterliche oder psychologische Einschätzungen hält der Sportvorstand grundsätzlich für wertvoll, bei jeder Teambesetzung, in Mannschaften oder Abteilungen. Ebenso wie eine Rollenklarheit, die war in der Führung bei Schalke 04 zuletzt wohl nicht immer 
gegeben.

"Alle wären mit dem Fahrrad nach Schalke gekommen"

Unter Baumann hat sich der Verein im September von Kaderplaner Ben Manga getrennt. Jetzt kam von Hannover 96 Maximilian Lüftl als Leiter Scouting und Transfers. Bei Schalke hat er die Personalverantwortung fürs Scouting, er soll Transferverhandlungen vorbereiten und auch ein Scouting- und Transferkonzept entwickeln. Der Club hat bereits ein Analyse-Tool mit selbst programmierten Algorithmen, "StatsLibuda", genannt nach der Clubikone Stan Libuda, das Spielerdaten nach eigenen Anforderungen gewichtet. Das Konzept weiterzuentwickeln, heiße nun zum Beispiel, Eigenschaften wie Spielverständnis oder Handlungsschnelligkeit zu messen, erklärt Baumann. Lüftl stellt sich auf der Chefetage kurz vor, als er die Kollegen für eine Sitzung zusammenruft. Es ist sein zweiter Arbeitstag.

Teamfähigkeit, soziale Kompetenz, die Bereitschaft zum Miteinander – das sind für Frank Baumann die Kriterien bei der Komposition seines Führungsteams. "Nicht immer ergeben die besten Fachexperten das beste Team."

Es ist wie in einer Fußballmannschaft, da muss das Gefüge in der Kabine stimmen. Bei allen Mitarbeitern legt Baumann Wert auf die Identifikation mit der Aufgabe, mit dem Verein. Für die Spieler des aktuellen Kaders legt er die Hand ins Feuer. "Alle", sagt er, "wären auch mit dem Fahrrad nach Schalke gekommen."