
Three Lions, One German
Ein Deutscher als englischer Nationaltrainer? Für viele Fans auf der Insel vor eineinhalb Jahren ein No-Go. Heute steht Thomas Tuchel mit den Three Lions im WM-Halbfinale – und aus der anfänglichen Skepsis ist vielerorts Hoffnung geworden.
Beim 2:1-Viertelfinalsieg gegen Norwegen war Jude Bellingham einmal mehr Englands "Wonderwall", zuvor war Harry Kane der Mann, der "is gonna be the one that saves me". Die beiden Superstars tragen England durch dieses Turnier, doch um im Oasis-Sound zu bleiben: "Maybe" und "after all" gibt es noch einen dritten Mann, der Englands 60-jährige Sehnsucht nach dem zweiten WM-Titel beenden kann.
Denn auch ein anderer Fangesang ist längst auf der Insel angekommen: "Football is coming home again, with Thomas Tuchel."

The German Job
Als Tuchel Anfang 2025 den Job bei den "Three Lions" übernahm, war die Kritik auf der Insel gewaltig. Die Nicht-Nominierungen von Stars wie Phil Foden, Trent Alexander-Arnold oder Cole Palmer für den WM-Kader machten Tuchel später auch nicht gerade beliebter.
Mit dem Schweden Sven-Göran Eriksson und dem Italiener Fabio Capello saßen zuvor erst zwei ausländische Trainer auf der englischen Tarinerbank – beide gingen ohne Titel. Der letzte Coach, Engländer Gareth Southgate, kam dem großen Ziel immer wieder nahe. In acht Jahren führte er seine Mannschaft ins WM-Halbfinale (2018), ins WM-Viertelfinale (2022) und zweimal ins EM-Finale (2021 und 2024). Der Titel aber blieb aus. Spielerische Überzeugung auch.
Dass Thomas Tuchel für beides steht, hat er bei seinen Vereins-Stationen bewiesen: DFB-Pokalsieger mit Borussia Dortmund, Double-Gewinner mit Paris Saint-Germain, Champions-League-Sieger mit Chelsea, Deutscher Meister mit dem FC Bayern München. Für England stehen mit 13 Siegen in den ersten 14 Pflichtspielen, einer perfekten WM-Qualifikation und dem Halbfinal-Einzug die Ergebnisse auch schon mal für ihn.

Tea Time? Tuchel-Time!
Schon nach dem WM-Auftakt schwärmte Wayne Rooney von Tuchels mutigen Wechseln und Harry Kane von seiner "großartigen Ansprache" in der Halbzeit-Pause. Seit dem Kroatien-Spiel konnten Tuchels "Three Lions" aber nicht ganz so überzeugen. Immer wieder litt England. Immer wieder retteten Kane oder Bellingham den Tag.
Vor dem Viertelfinale machte Tuchel seiner Mannschaft noch eine Liebeserklärung. Nach dem Spiel sprach dann wieder der Perfektionist: "Das Resultat ist fantastisch. Aber ich bin überhaupt nicht glücklich mit der Leistung. Viele technische Fehler, nicht schnell genug. Wir haben uns das Leben heute wirklich sehr schwer gemacht." Nur an einem zweifelte der 52-Jährige erneut nicht. "Das ist pure Mentalität. Man könnte sie in Flaschen abfüllen und verkaufen."
Genau diese Haltung kam auf der Insel gut an. Alan Shearer, einer der größten Stürmer der englischen Fußballgeschichte, lobte Tuchels schonungslose Analyse. "Ich liebe Thomas Tuchels Interview. Ich liebe seine Mentalität", sagte der BBC-Experte – und zeigte sich überzeugt, dass genau dieser Anspruch England in der Vergangenheit fehlte.
Keep Calm – Trust Tuchel
Fünf Siege in fünf Spielen bei dieser WM gelang England zuvor nur 1966, als am Ende der einzige WM-Titel der Geschichte stand. Noch nie hat ein ausländischer Trainer mit einer anderen Nation den WM-Titel gewonnen, doch Rio Ferdinand ist längst überzeugt: "Wenn wir Weltmeister werden, ist Thomas Tuchel der Grund dafür", sagte der frühere Verteidiger in der TikTok-Show von Toni Kroos.
Bisher singt Tuchel die englische Nationalhymne nicht mit. Das wolle er sich für den ganz großen Moment aufsparen. "Ganz am Ende vielleicht."
Singt er am 19. Juli in New Jersey erstmals "God Save the King"? – Und ganz England dann: "God save Thomas Tuchel"?
