Mainz - Seit einem halben Jahr trainiert Martin Schmidt den 1. FSV Mainz 05 in der Bundesliga. Zu Beginn seiner Amtszeit stand der ungewöhnliche Lebensweg des Schweizers im Fokus. Aber wie verlief die fußballerische Sozialisation des 48 Jahre alten Wallisers, der zuvor unter anderem als Schafhirte, Mechaniker bei der Tourenwagenmeisterschaft gearbeitet und ein Bekleidungsgeschäft geführt hat?

Im zweiten Teil des exklusiven Interviews mit bundesliga.de nennt Schmidt seine Vorbilder, erläutert seine Philosophie als Trainer und redet offen über den veränderten Stellenwert, den er als Bundesligatrainer genießt (Hier geht es zum ersten Teil des Interviews).

bundesliga.de: Hatten Sie ein Vorbild als Trainer?

Martin Schmidt: Ich hatte das nicht so bewusst. Aus meiner Jugendzeit erinnere ich mich an Cesar Louis Menotti, aber auch eher, weil er oben ohne auf dem Platz stand, Zigaretten rauchte und Maradona über den Platz scheuchte. Inhaltlich habe ich mich tatsächlich erst mit dem Trainerberuf auseinandergesetzt, als ich Peter und Philipp Troger kennenlernte. Die haben plötzlich angefangen, Abläufe akribisch, sehr viel, ganz lange und so oft wie möglich zu üben. Nach Troger kam dann der ehemalige Nationalspieler Jean-Paul Brigger zu uns nach Naters. Der war ganz anders, der kam rein über die Mentalität und auch das hat mich geprägt. Als ich in Thun war, habe ich noch mehr auf Trainer geachtet und da hat mir Nachwuchsleiter Beni von Gunten imponiert, weil er eine klare Ansprache hatte, Disziplin einforderte und strikt einer Philosophie folgte. Aber auf der anderen Seite war da damals der frühe Jose Mourinho, der aus der großen portugiesischen Schule der taktischen Periodisierung des Sportwissenschaftlers Vitor Frade kam. Verkürzt gesagt, geht es dabei darum, alles mit Ball zu machen, ob Taktik oder Kondition - du trainierst immer alles. Und später war sicher Thomas Tuchel mein Taktgeber. Mein großes Glück war, als ich in Mainz dann richtig im Profileben drin war, von ihm über die Trainingslehre auf dem Platz wahnsinnig viel zu lernen. Ich war bei ihm als Assistent gut aufgehoben und wurde von Thomas gecoacht und auf höchstem Niveau weitergebildet. Im Taktikbereich habe ich vieles gelernt. Ich habe ja vor allem Affinität für Kondition, Wille, Schnelligkeit und Geschwindigkeit. Ich habe mich durch ihn ergänzt.

"Grundlage ist physische Leistungsbereitschaft"

bundesliga.de: Grob gesagt, gibt es zwei Schulen im modernen Fußball: Die Ballbesitz-Schule für die der FC Barcelona und Pep Guardiola stehen und die Vorwärtsverteidigung für die Trainer wie Ralf Rangnick, Jürgen Klopp aber auch Thomas Tuchel stehen. Richtig?

Schmidt: Vor ein paar Jahren war es krasser, da gab es nur die Barca-Schule und die andere. Viele haben versucht, wie Barca zu kicken, aber dann zu wenig Punkte geholt, weil du für diesen Stil allerhöchste individuelle Klasse brauchst. Dann gab es diesen Umschaltfußball. Jetzt beginnen sich die beiden Stile zu mischen. Man redet ja derzeit sehr von der Balance zwischen den beiden Systemen. Ich glaube, dass du als modernes Team beides können musst: Ballbesitzfußball wie die Guardiola-Bayern oder das Umschaltspiel wie Klopps-Dortmund vor drei Jahren. Als modernes Team bist du besser aufgestellt, wenn du beides kannst. Aber die Grundlage von beidem ist höchste physische Leistungsbereitschaft.

bundesliga.de: Als Sie im März das Amt in Mainz von Kapser Hjulmand übernahmen, ging es gegen den Abstieg…

Schmidt: …und deshalb war es wichtig, zu sagen: Wir machen das eine, also in diesem Fall den typischen Mainzer Umschaltfußball, und gewinnen damit fünf von 13 Spielen und bleiben in der Bundesliga. Jetzt, in der neuen Saison, müssen wir uns weiterentwickeln. Nur mit Umschaltfußball alleine kann man keine ganze Saison bestreiten.

"Ich definiere mich stark über Athletik"

bundesliga.de: Pragmatismus ist also wichtig im Trainerberuf?

Schmidt: Ja, klar, ich kann nicht in jedem Spiel gegen jeden Gegner blind vorne anrennen. Die Frage ist immer: Wie setze ich meine Waffen am besten ein? Mut wird belohnt, aber manchmal kann "Über"-Mut auch blinder Aktionismus sein.

bundesliga.de: Oft fehlt Teams, die von Anfang an voll draufgehen, am Ende die Kraft, um den Vorsprung zu verteidigen.

Schmidt: Das wird oft von Journalisten plakativ so gesagt. Die Teams in der Bundesliga sind doch heute alle topfit. Aber vielleicht ist es manchmal ein Mentalitätsproblem, weil es Mannschaften gibt, die gegen Schlusspfiff hin eher Angst haben, etwas zu verlieren, als etwas gewinnen zu können.

bundesliga.de: Dennoch: Die Intensität in dieser Spielart kostet schon Kraft.

Schmidt: Schon, aber ich bin ein Trainer, der sich stark über Athletikdefiniert. Das ist meine Grundlage. Ich sage: Es gibt Trainer, die steuern eher durch Motivation, andere über die Taktik und ich schwergewichtig über Athletik und Laufstärke. Ich weiß, dass diese Parameter keine Garantie für Siege sind, aber sie sind die Grundlage dafür, bis in die Endphase eines jeden Spiels eine Chance zu haben. Die Fähigkeit, hinten raus ein Spiel noch entscheiden zu können, will ich immer haben. Und das darf nicht davon abhängen, wie viele Körner meine Mannschaft in der ersten Halbzeit verballert hat.

"Der Trainer muss ein Menschenfänger sein"

bundesliga.de: Warum diese Definition über die Kondition?

Schmidt: Das kommt noch vom Fußballer Schmidt. Meine Stärken waren Sprint- und Laufvermögen. Müde sein und nicht mehr können, das kannte ich gar nicht, ich bin rechts die Linie rauf und runter gelaufen. Ich mag Spieler wie Julian Baumgartlinger oder Daniel Brosinski, die rennen bis zum Umfallen. Und wenn ich einen Feintechniker wie Yunus Malli habe, will ich an der athletischen Seite noch hochschrauben, weil ich weiß, dass seine Kreativität und Passgenauigkeit so noch wertvoller wird.

bundesliga.de: Welche Rolle spielen die Emotionen?

Schmidt: Wenn die menschliche Seite fehlt, die Emotion, die Leidenschaft, hast du keinen Erfolg. Als ich früher meine Autowerkstatt hatte, hatten wir gelbe Wände mit großen gerahmten Bildern und einen weißen Boden. Ich wollte Sauberkeit und Emotionen. Als ich mein Textilgeschäft führte, habe ich die Kunden eingeladen und an einer Puppe ihr Bekleidungskonzept samt Stickerei schon angebracht, die ich mir für sie vorstellen konnte. So habe ich die Menschen emotional berührt. Ich wollte und will immer mit Bildern reden, den Augenkontakt haben - diese Emotionalität hilft in jedem Beruf. Du gewinnst Sympathien, die dir helfen, Dinge, die du anschieben willst, besser zu machen.

bundesliga.de: Ist für einen Trainer nicht genau das das Wichtigste: Die Spieler müssen ihm folgen und vertrauen?

Schmidt: Das ist schon sehr wichtig, ich will das aber nicht „folgen“ nennen. Ich will ja nicht der Moses sein, der durchs Meer läuft und alle laufen ihm hinterher. Aber ich glaube, der Trainer muss ein Menschenfänger sein, ein Verbalerotiker, der etwas anmoderieren kann. Ich habe jetzt 21 Bundesligaspiele gemacht und brauchte nicht jedes Mal, vor jedem Spiel einen neuen Aufhänger. Ich kann nicht jedes Mal von Mut reden oder Leidenschaft, oder den Roger Federer oder den Michael Jordan als Beispiel heranführen. Ich habe in der Zeit auch erst zwei Mal ein Video gezeigt. Manchmal muss man den Spielern sagen: Jetzt seid ihr dran, macht aus diesem Spiel etwas Besonderes. Ich glaube, du kannst Menschen nur führen, verbal etwas auslösen und Menschenfänger sein, wenn du die Menschen liebst. Ein Mensch zu sein, ist sehr wichtig.

bundesliga.de: Sind nun die Trainer entscheidend für den Erfolg, oder die Spieler?

Schmidt: Vielleicht nehmen sich Trainer manchmal ein bisschen zu wichtig. Ich glaube, der Jugendfußball ist ein Trainer-Spiel. Bei den Junioren ist es wichtig zu coachen, wer wo steht, wie läuft und so weiter. Das ist im Profifußball auch wichtig, aber je höher es geht, desto mehr wird der Fußball ein Spieler-Spiel. Die Spieler entscheiden das Spiel. Der Trainer kann mitentscheiden, je besser er die Spieler darauf vorbereitet, motiviert und sie in die richtige Verfassung bringt. Im professionellen Fußball wird die Psychologie für einen Trainer deshalb immer wichtiger.

bundesliga.de: Wieso glauben Sie das?

Schmidt: Das beweisen doch solche Trainer-Persönlichkeiten wie Jupp Heynckes oder Ottmar Hitzfeld, die bis ins hohe Traineralter Erfolge hatten. Die wussten, wie man Menschen führt, und wie sie die Einzelnen und den Einzelnen in der Gruppe zu nehmen hatten. Ich glaube, dass diese Trainer in diesem Bereich keine Fehler machten. Die hatten das Gespür, zu wissen, wann eine laute Ansprache angesagt ist und wann eine leise. Oder wann sie einem Spieler ins Gewissen reden mussten. Dieses Gespür ist für einen Trainer neben der Glaubwürdigkeit eine der wichtigsten Faktoren.

"Ich bin derselbe Mensch wie vor einem halben Jahr"

bundesliga.de: Was hat Sie in einem halben Jahr Bundesliga am meisten überrascht? Hat es Sie genervt, vor allem auf ihren für einen Fußball-Trainer ungewöhnlichen Lebensweg reduziert worden zu sein?

Schmidt: Wenn ich zwei Mal Weltmeister gewesen wäre, wäre das der Aufhänger gewesen. Das war am Anfang nicht zu vermeiden, es war nicht hemmend oder nachteilig. Aber ich durfte nicht nur in diese Schublade reingedrängt werden. Ich wurde ja auch Bundesligatrainer, weil ich fachlich was gekonnt habe. Aber es ist schon überraschend, was der Status Bundesligatrainer auslöst. Ein kleines Beispiel zur Erläuterung: Als ich jüngst mit der Bahn in Basel umgestiegen bin, kam der Schaffner zu mir und sagte, der Lokführer wolle ein Foto mit mir machen. Das ist schon verblüffend, ich war doch vor einem halben Jahr genau derselbe Mensch.

bundesliga.de: Wie gehen Sie damit um?

Schmidt: Ich darf diese Aufmerksamkeit nicht persönlich nehmen, sie ist meinem Status als Bundesligatrainer geschuldet. Wenn ich versuche, das nicht persönlich zu nehmen, kann ich nach meiner Zeit als Bundesligatrainer ganz normal weiterleben. Und das ist mir sehr wichtig. Ich hoffe, mich so in dieser Welt zu regulieren. Denn ich will es mir nicht nehmen lassen, Zeitung zu lesen im Café, oder bei mir um die Ecke im Supermarkt einkaufen zu gehen. Diesen Aspekt der öffentlichen Wahrnehmung als Bundesligatrainer, das gebe ich zu, den habe ich total unterschätzt.

Im ersten Teil des exklusiven Interviews mit bundesliga.de erklärt Schmidt, warum Daten für seine Arbeit unerlässlich sind und spricht über die eher zufälligen Anfänge seiner Karriere als Trainer (hier klicken).

>>> Hier geht es zum ersten Teil des Interviews

Das Interview führte Tobias Schächter