Mainz - Seit einem halben Jahr trainiert Martin Schmidt den 1. FSV Mainz 05 in der Bundesliga. Zu Beginn seiner Amtszeit stand der ungewöhnliche Lebensweg des Schweizers im Fokus. Aber wie verlief die fußballerische Sozialisation des 48 Jahre alten Wallisers, der zuvor unter anderem als Schafhirte, Mechaniker bei der Tourenwagenmeisterschaft gearbeitet und ein Bekleidungsgeschäft geführt hat?

Im ersten Teil des exklusiven Interviews mit bundesliga.de erklärt Schmidt, warum Daten für seine Arbeit unerlässlich sind und spricht über die eher zufälligen Anfänge seiner Karriere als Trainer (Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews).

bundesliga.de: Herr Schmidt, zwölf Punkte nach acht Spieltagen - wie lautet ihre Zwischenbilanz?

Martin Schmidt: Wir hatten nach fünf Spielen neun Punkte und nach sieben Spiele neun Punkte. Das geht schnell auf und ab zu Beginn der Saison. Zwischen einem guten und einem durchwachsenen Start liegen manchmal nur ein bis zwei Spiele.

"Jeder Spieler wird nach jedem Training bewertet"

bundesliga.de: Aber ist es dann nicht eine wichtige Qualität, Punkte zu holen, wenn man sie braucht, so wie am 8. Spieltag mit dem Sieg beim SV Darmstadt 98?

Schmidt: Ja, es geht immer auch darum, die richtigen Spiele zu gewinnen. Andersherum gesagt: Ein hart umkämpfter und glorreicher Punkt gegen den FC Bayern München wäre nutzlose gewesen, wenn du in der Woche darauf gegen Darmstadt verlierst. Die Denke muss in den Kopf, wir haben diese in der Rückrunde der vergangenen Saison versucht zu verinnerlichen.

bundesliga.de: Wie bekommt man diese Mentalität in eine Mannschaft, Punkte zu holen, wenn sie notwendig sind? Ist es ein Mittel, alle Ergebnisse von Trainingsspielen aufzuschreiben und diese in eine Wertung der Spieler einfließen zu lassen?

Schmidt: Ja, das machen wir akribisch. Es gibt ein Programm, das von einem wissenschaftlichen Angestellten einer Universität entwickelt wurde und das ich schon zu meiner Zeit bei der Mainzer U23 verwendet habe. Das System ist ähnlich wie eine ATP-Rangliste im Tennis und wertet alle Siege, Niederlagen und Unentschieden. Der Clou ist, wenn man die Daten das ganze Trainings-Jahr erhebt, gleicht es sich in den unterschiedlichsten Mannschaftskonstellationen aus. Ich kann einem Spieler nicht nur die Daten vom Training zeigen - Lauf- und Sprintdaten, etc. -, sondern zusätzlich auch noch dieses Ranking rausziehen und ihm damit erklären: Wir haben bis jetzt 70 Trainingsspiele gemacht und du hast nur 13 gewonnen, dir fehlt der absolute Wille, diese kleinen Spiele zu gewinnen.

bundesliga.de: Wie nutzen Sie Erkenntnisse, die Sie so gewinnen?

Schmidt: Ich nutze das hauptsächlich beim Spielergespräch. Es ist nicht so, dass die ersten Elf auf dieser Liste immer spielen. Aber wenn man am Ende einer Saison auf diese Liste schaut, dann sind viele Spieler mit den meisten Einsätzen auf dieser Liste auf den ersten 13, 14 Rängen. Ich verwende das hauptsächlich, um eine Wettkampfmentalität zu entwickeln. Dieses Ranking gibt irgendwann ein Bild, an dem man sich orientieren kann.

bundesliga.de: Aber die Daten müssen ja nicht immer mit dem Gefühl übereinstimmen, das der Trainer Martin Schmidt für einen Spieler hat, oder?

Schmidt: Wir analysieren nach jedem Training die Sprint- und Laufdaten, die Umschaltbewegungen, Herzfrequenzen und mehr. Es kann vorkommen, dass mein Eindruck von den Daten widerlegt wird. Aber meistens stimmt das Gefühl, wenn ich glaube, es hat sich ein Spieler aus dem Training rausgenommen. Jeder Spieler wird nach jedem Training vom Trainerteam bewertet. Wenn ein Spieler von 70 Einheiten 65 anwesend war, aber davon fast die Hälfte schlecht bewertet wurde, dann ist das auch ein Argument, wenn der Spieler fragt, warum er nicht gespielt hat. Es ist besser, wenn du Spielern mit Daten sagen kannst, was schiefläuft.

"Über Wille und Laufleistung gekommen"

bundesliga.de: Sind diese Daten denn das Allheilmittel?

Schmidt: Trainer, die sich viel Technik zu Eigen machen, werden ja ein bisschen flapsig Laptoptrainer genannt. Aber die aktuelle Generation von Trainern ist mit dieser Technik aufgewachsen. Als ich vor acht, neun Jahren in Thun den Nachwuchs trainiert habe, mussten alle Spieler eine Puls-Uhr tragen. So konnte ich Herzfrequenzgesteuert die Belastung und den Durchschnittspuls messen. Auch hier in Mainz hatten wir mit der U23 bereits ab 2010 einen Laptop am Trainingsplatz mit Direktdaten, wo ich die Herzfrequenzdaten messen konnte, um die Belastung zu steuern und daraus ein Belastungsmonitoring zu erstellen. Immer am geplanten Leistungslimit trainieren, ist mein Credo. Ich war damals ein Spieler, der über Wille und Laufleistung kam. Das Problem war immer, wie prüfe ich diese Faktoren. Wie kann ich Willen und Mentalität trainieren? Deswegen werden die Trainerstäbe auch immer größer. Meine Assistenten benötigen nach dem Training rund eine Stunde zum Dokumentieren.

bundesliga.de: Was ist das Ziel dieses Mentalitätstrainings?

Schmidt: Wenn du erreichst, dass alle Spieler am Dienstagmorgen ein Spiel 7 gegen 7 gewinnen wollen, dann brauchst du dir als Trainer keine Gedanken zu machen, ob die Einstellung am Samstag stimmt.

"Ich hechelte den Diplomen immer hinterher"

bundesliga.de: Warum sind Sie eigentlich Trainer geworden?

Schmidt: Eigentlich gegen meinen Willen. Vielleicht, weil ich verletzt war. Bei meinem damaligen Verein in Naters war es so, dass die Mitspieler Trainerscheine gemacht haben, um Nachwuchsmannschaften zu trainieren. Ich habe gesagt, ich brauche die Trainerscheine nicht, weil ich eh nie Trainer werde. Dann hatte ich aber je drei Kreuzbandrisse in beiden Kniegelenken und meine Spielerlaufbahn war vorbei. Das war 2001 beim Viertligaclub Raron, wo ich denselben Trainer hatte wie in Naters. Und der hat mich irgendwann gefragt, ob ich nicht sein Assistent werden wolle, weil ich sowieso immer da war.

bundesliga.de: Und ab da ging es los?

Schmidt: Ja, Auslöser war diese Trainerdynastie der Trogers aus dem Oberwallis. Peter Troger, der Vater, der früher in Sion gespielt hatte, und sein Sohn als Spielertrainer, haben mich als Spieler in Naters ans Limit gebracht. Wir sind in Naters von der fünften bis in die zweite Liga aufgestiegen. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Ich habe dann später dem Sohn, Philipp Troger, in Raron assistiert. Und da hat mich das Fußballfieber gepackt und ich habe mich gefragt, warum macht er das so? Wie würde ich das machen? Ja, so ging es los.

bundesliga.de: Und wie ging es weiter?

Schmidt: Nach zwei Jahren hat Philipp Troger dann in Raron aufgehört und ich habe übernommen, aber ich hatte kein einziges Diplom. Und dann hechelte ich immer den Diplomen hinterher. Ich musste zuerst den Kinderfußballschein machen, dann den C-Schein. Danach musst du in der Schweiz einen Club zwei Jahre trainieren, erst dann kannst du den B-Schein machen. Und dann musste ich wieder zwei Jahre warten, um den A-Schein zu machen.

bundesliga.de: Ab wann haben Sie dann gemerkt, dass sich eine Perspektive für Sie in diesem Beruf entwickeln könnte?

Schmidt: Als ich 2005 den B-Schein gemacht habe, war das Feedback sehr gut. DieAusbildner und Experten haben mich angespornt: "Du musst weitermachen!" Ich hatte damals auch mit meinem Club 2008 den Aufstieg geschafft, dann hat mich der FC Thun gesichtet, wo ich damals die U21-Mannschaft übernommen habe. Ich baute2009 den A-Schein und stieg mit der U21 von Thun ein weiteres Mal auf. 2010 kam dann das Angebot aus Mainz, die U23 zu übernehmen und im Trainerteam von Thomas Tuchel mitzuarbeiten.

bundesliga.de: Sie hatten aber keinen Fußballehrerschein…

Schmidt: …ja, ich musste dann 2011 erst den Fußballexperten/ -instruktor machen, so nennt man die nächste Stufe in der Schweiz, und dann ab Januar  2013 die Fußballehrer UEFA-Pro-Lizenz, bei der Thomas Tuchel mein Mentor war.

Im zweiten Teil des großen Interviews spricht Martin Schmidt über seine Vorbilder als Trainer, seine Vorliebe für Athletik und Laufarbeit und den veränderten Status als Bundesligatrainer (hier klicken).

>>> Hier geht es zum zweiten Teil des Interviews

Das Interview führte Tobias Schächter