Leverkusen - Seitdem Bayer 04 Leverkusen am ersten Spieltag das schnellste Tor der Bundesligageschichte geschossen hat, gleicht die laufende Saison der Werkself regelrecht einer Achterbahnfahrt.

Der Club ist seitdem an der Tabellenspitze gewesen. Bayer 04 spielte aufregenden Fußball in der Bundesliga und auch international und gewann gegen Benfica Lissabon. Leverkusen verlor aber auch deutlich gegen den VfL Wolfsburg und ließ zwei Punkte gegen einen schwachen SV Werder Bremen und den Aufsteiger SC Paderborn 07. Konstanz scheint für die Rheinländer ein Problem zu sein, trotzdem ist Leverkusen unter dem neuen Trainer Roger Schmidt ein Garant für Unterhaltung. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de erklärt Stefan Kießling, wie die Spieler die neue Spielphilosophie aufgenommen haben und wie entschlossen sie sind am Ende dieser Saison eine Trophäe in die Luft zu strecken.

"Haben in der Vorbereitung hart gearbeitet"

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bundesliga.de: Stefan Kießling, viele Spieler sind gerade bei ihren Nationalmannschaften und Sie trainieren mit den Jugendspielern. Wie ist das Team-Training im Moment?

Stefan Kießling: Es ist sicher anders, aber ich persönlich genieße die Länderspielpausen, denn man hat die Chance seinen Akku wieder aufzuladen. Natürlich nehmen wir das Training immer noch ernst, aber man kann Sachen auch mal lockerer sehen, das ist eine nette Abwechslung.

bundesliga.de: Das klingt nach einem starkem Kontrast zu dem intensiven Pressing-Spiel auf höchstem Niveau, das Leverkusen in dieser Saison gespielt hat. Wie hat Trainer Roger Schmidt den Bayer-Stil verändert?

Kießling: Ein Schlüsselelement zu unserem Spiel ist den Gegner tief in seiner eigenen Hälfte anzugreifen. Ihn unter Druck zu setzen und den Ball schnell zu erobern - das führt oft zu Chancen. Wir haben in der Vorbereitung hart gearbeitet, um das neue System zu verstehen. Bis jetzt scheint sich die Veränderung auszuzahlen, auch wenn wir ein paar mehr Punkte hätten mitnehmen können.

bundesliga.de: Wieso hat Leverkusen so einfach Punkte liegen lassen in einigen Spielen?

Kießling: Die Bundesliga ist sehr konkurrenzfähig geworden. Auch gegen kleinere Clubs hast du keine Garantie mehr auf den Dreier, denken Sie nur mal an das Spiel gegen Paderborn. Sie sind taktisch sehr stark - und in der englischen Woche auf so ein hart arbeitendes Team zu treffen, kann schon ziemlich knifflig sein.

"Profi-Fußball intensiver als früher"

bundesliga.de: Denken Sie, dass Sie persönlich von Leverkusens offensiver Herangehensweise profitieren?

Kießling: Ganz bestimmt, ja. Als Stürmer ist man viel mehr eingebunden. Erstens, weil du in der ersten Abwehrreihe bist und zweitens, weil dein Team viel wahrscheinlicher Chancen kreiert.

bundesliga.de: Es muss hart sein als Stürmer so viel Vorarbeit zu leisten ...

Kießling: Das ist es ganz sicher. Jeder von uns muss viel Laufarbeit leisten, um schnell zurück in Ballbesitz zu kommen, aber der Gedanke daran, den Ball zurückzuerobern, hilft. Das gibt dir einen richtigen Schub und macht das viele Laufen einfacher, besonders wenn es sich auszahlt und zu einer Torchance führt - oder man sogar das Spiel gewinnt.

bundesliga.de: Ist es möglich, diese hohe Arbeitsintensität während der gesamten Saison durchzuhalten?

Kießling: Ich glaube, das ist möglich. Profi-Fußball ist so oder so sehr intensiver geworden als früher. Wir haben gerade sieben Spiele in etwa 22 Tagen gespielt. Klar ist das anstrengend, aber so ist es eben. Egal, in welchem System du spielst.

"Hakan ist ein fantastischer Fußballer"

bundesliga.de: Hakan Calhanoglu und Karim Bellarabi haben bisher mit ihren Leistungen ziemlich beeindruckt. Wie viel Einfluss hatten die beiden auf den vielversprechenden Start von Leverkusen in die Saison?

bundesliga.de: Das sind zwei Spieler, die den Unterschied ausmachen können und das haben sie bereits bei mehreren Gelegenheiten gezeigt. Hakan ist ein fantastischer Fußballer mit hoher Passgenauigkeit, einem klasse Schuss und einer hervorragenden Technik, während Karim außerdem ein enormes Potential hat. Er ist unglaublich schnell, spielt beidfüßig gut und ist technisch ebenfalls sehr stark. Sie sind die Art von Spielern, die jedem Angriff weiterhelfen.

bundesliga.de: Könnte das das stärkste Bayer-Team sein, in dem Sie bisher gespielt haben?

Kießling: Ich würde mit so einer Bezeichung vorsichtig sein, denn wir haben bisher nichts gewonnen - und die bisherigen Leverkusen-Teams waren auch sehr gut. Wir waren zum Beispiel Vizemeister vor drei Jahren und wir haben 2009 das DFB-Pokal-Finale erreicht. Wir müssen sichergehen, dass wir durchweg unser Potenzial ausschöpfen. Ich bin mir sicher, dann werden wir in der Lage sein, große Dinge zu erreichen. Wir lassen immer mal wieder die Vorreiterrolle vermissen, wie die Remis gegen Bremen und Paderborn gezeigt haben.

"Müssen weiter um die Spitzenplätze kämpfen"

bundesliga.de: Was sind die "großen Dinge", von denen Sie sprechen?

Kießling: Wir müssen weiter um die Spitzenplätze kämpfen und wir wollen auch weiterhin guten Fußball spielen. Wir wollen es unter die letzten 16 in der Champions League schaffen und vielleicht mit ein bisschen Glück noch etwas weiter. Außerdem wollen wir ins Pokal-Finale. Man muss nicht viele Spiele gewinnen, um das zu erreichen.

bundesliga.de: Ist das einer der Gründe, warum Sie in der Bundesliga erst einmal getroffen haben, während Sie international bereits viermal eingenetzt haben?

Kießling: Um ehrlich zu sein ist es mir egal, ob ich treffe oder nicht. Ich weiß, dass ich in der Bundesliga noch meinen Lauf bekommen werde. Aber man muss nicht punkten, um einen Beitrag zu leisten. Ich würde auch glücklich sein, wenn ich kein Tor schieße, so lange ich dem Club trotzdem dabei helfen kann, erfolgreich zu sein.

Das Interview führte Felix Seaman-Höschele