München - Als Rechtsverteidiger, der bei eigenem Ballbesitz immer wieder ins Mittelfeld aufrückt, ist Rafinha auch in dieser Saison eine feste Grüße beim FC Bayern - erst recht nach der Verletzung von Philipp Lahm. Im bundesliga.de-Interview spricht der Brasilianer über den möglichen Weltfußballer Manuel Neuer, die taktische Flexibilität der Münchner unter Pep Guardiola und die Begeisterung für den FCB in seinem Heimatland.

bundesliga.de: Rafinha, Sie haben am Dienstag zum ersten Mal mit Manuel Neuer nach dessen Nominierung für den Ballon d'Or trainiert. Ist er ordentlich gefeiert worden?

Rafinha: Klar, alle haben ihm gratuliert. Zu den letzten Drei der Wahl zu gehören ist eine riesige Ehre, alle haben sich für ihn gefreut.

bundesliga.de: Sie haben schon bei Schalke mit ihm zusammengespielt, wenige kennen ihn so gut wie Sie. Was zeichnet Manuel Neuer aus?

Rafinha: Seine Nominierung ist schon auch für mich etwas Besonderes. Ich stand gemeinsam mit ihm auf dem Platz, als er sein erstes Bundesliga-Spiel für Schalke absolviert hat. Jetzt spielen wir schon in der neunten Saison zusammen, fünf Jahre bei Schalke, fast vier bei Bayern. Ich habe seine Karriere immer verfolgt. Man konnte schon früh sehen, dass er ein super Torwart werden würde, und in den letzten fünf Jahren er hat seine Qualitäten endgültig bewiesen.

"Können uns auf Manuel verlassen"

bundesliga.de: Wird er den Ballon d’Or gewinnen?

Rafinha: Normalerweise schafft es kein Torwart überhaupt unter die letzten Drei, damit hat er schon viel erreicht. Aber ich denke, er sollte den Ballon d’Or auch gewinnen. Er hat super gespielt im letzten Jahr, wir haben mit Bayern fast alles gewonnen, und im Sommer ist er mit der Nationalmannschaft Weltmeister geworden (Infografik: WM-Held Neuer). Ich habe großen Respekt vor Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, jeder weiß, wie gut sie sind. Ich glaube aber, dass Manuel der Favorit auf den Sieg ist.

bundesliga.de: Liegt es vor allem an ihm, dass die Mannschaft erst drei Tore kassiert hat in der laufenden Bundesliga-Saison?

Rafinha: Wenn wir ihn brauchen, ist er zur Stelle. Natürlich spielt er in einer super Mannschaft, die hinten wenig zulässt. Wir legen in jeder Partie großen Wert darauf, möglichst wenige Bälle aufs Tor zu bekommen. Wenn aber doch mal einer durchrutscht, können wir uns auf Manuel verlassen (Video: Riese Manuel Neuer).

bundesliga.de: Seit Pep Guardiola bei Bayern Trainer ist, sind Sie eine feste Figur in der Verteidigung. Inwiefern profitieren Sie von ihm?

Rafinha: Auch unter Jupp Heynckes habe ich in meinem ersten Jahr hier viel gespielt, im zweiten Jahr hatte ich dann weniger Einsätze. Unter Pep läuft es sehr gut für mich, das stimmt. Er schenkt mir Vertrauen und ich zahle es auf dem Platz zurück.

bundesliga.de: Wie sieht dieses Vertrauen konkret aus? Gibt Ihnen Guardiola besondere Anweisungen vor Spielen?

Rafinha: Nein, im Normalfall spricht er die gesamte Mannschaft an. Ich bin einer von vielen Spielern in einer sehr guten Mannschaft, die immer versucht gemeinsam ihre beste Leistung im Training und im Spiel abzurufen.

bundesliga.de: Sie sind erst spät zum Fußball gekommen, haben als Kind und Jugendlicher Futsal gespielt, das sehr technisch ist und viel Beweglichkeit erfordert. Liegt Ihnen auch deswegen Guardiolas passintensives Spiel?

Rafinha: Das ist eine gute Frage. Ich habe zehn Jahre lang nur Futsal gespielt, mit 6 Jahren angefangen. Futsal vermittelt dir besondere Fähigkeiten, du hast wenig Platz, musst schnelle Bewegungen machen und hast kaum Zeit für Entscheidungen. Wenn du dann auf dem Großfeld spielst, mehr Raum hast, fällt dir vieles deutlich leichter.

"Guardiola hat unser Spiel verbessert"

bundesliga.de: Vom Trainer kommt Ihnen eine hohe Wertschätzung zu. "Am liebsten hätte ich 18, 19 Rafinhas", hat er in der vergangenen Saison gesagt.

Rafinha: Ich freue mich, dass dem Trainer meine Arbeit auf dem Platz gefällt. Bei Bayern sind aber wirklich alle super Spieler. Ich bin der Kleinste hier, ich versuche mich einzubringen, mein Bestes zu geben für diesen Verein, für diese Mannschaft. Ich will immer gute Leistung bringen, damit der Trainer zufrieden ist.

bundesliga.de: Wie würde eine Mannschaft mit 18, 19 Rafinhas denn spielen?

Rafinha:(lacht) Nein, das war ein Spruch vom Trainer nach dem Spiel in Dortmund (Rafinha sah in der letzten Minute die Rote Karte, Anm. d. Red.). Da hatte ich etwas aggressiver gespielt, er hat das auf meine Einstellung bezogen. Nein, ein Rafinha reicht. Wir haben genug andere gute Spieler hier.

bundesliga.de: Guardiola wechselt häufig die defensive Formation, lässt mal drei, mal vier Verteidiger auflaufen. Bringt Sie das nicht durcheinander?

Rafinha: Nein, wir sind sehr variabel und flexibel in der Abwehr, egal ob wir mit Vierer- oder Dreierkette spielen. Die Wechsel sind überhaupt kein Problem. Wir trainieren die verschiedenen Systeme oft genug. 

bundesliga.de: Macht gerade diese Flexibilität Bayern so stark und unberechenbar?

Rafinha: Ja, das ist sicher ein Grund. Alle Spieler beherrschen mehrere Positionen und Systeme, da ist es natürlich schwer für den Gegner uns auszurechnen. Der Trainer hat viele Ideen, und wir nehmen sie an und versuchen sie umzusetzen.

bundesliga.de: Ist die jetzige Mannschaft noch stärker als die, die 2013 die Champions League gewonnen hat?

Rafinha: Das Team damals war super, wir haben eine unglaubliche Saison gespielt. Aber ich denke es ist erkennbar, dass Guardiola unser Spiel weiter verbessert hat. Er hat uns in jeder Hinsicht noch ein bisschen stärker gemacht. Darum geht es ihm: wir sollen uns immer weiter verbessern, Schritt für Schritt. Deswegen sind wir so erfolgreich.

"Den Brasilianern gefällt unsere Spielweise"

bundesliga.de: Kann Bayern in dieser Form eine andere Mannschaft gefährlich werden?

Rafinha: Klar, jede Mannschaft ist gefährlich. Natürlich haben wir sieben Punkte Vorsprung auf den 2. Platz, aber das genügt uns nicht. Spielst du ein Mal unentschieden, sind schon zwei Punkte weg. Wir müssen nach Möglichkeit immer gewinnen, zuhause und auswärts. Wenn wir uns auf uns selbst konzentrieren, bleiben wir erfolgreich.

bundesliga.de: Welche Teams fürchten Sie besonders?

Rafinha: Wolfsburg, Gladbach, die sind in dieser Saison sehr gut drauf, auch Leverkusen und Hoffenheim. Dortmund ist natürlich sehr stark, aber sie durchlaufen eine schwierige Zeit. Auch mit Schalke ist immer zu rechnen. Das sind alles super Mannschaften, vor denen man Respekt haben muss.

bundesliga.de: Glauben Sie an Ihr Comeback in der brasilianischen Nationalmannschaft? Trainer Carlos Dunga soll die Bundesliga intensiv verfolgen.

Rafinha: Ich will mich nicht in die Selecao reden. Ich bin schon seit vier Jahren bei Bayern, habe hier fast alles gewonnen und viele Einsätze. Wir spielen ständig im Rhythmus Mittwoch, Samstag, Mittwoch, Samstag - der Trainer hat viele Gelegenheiten, mich zu beobachten. Wenn ich weiterhin so spiele wie jetzt, werde ich ihm schon auffallen.

bundesliga.de: Welche Bedeutung hat Bayern München denn in Brasilien?

Rafinha: Bayern ist in Brasilien natürlich schon seit Jahrzehnten sehr bekannt. Die Leute gucken auch nach Spanien, Italien oder England, aber seit vier, fünf Jahren interessiert sich wirklich jeder für Bayern. Wir sind ständig in den Finalspielen dabei, gewinnen Titel - Bayern München ist heute sehr interessant für jeden Fußball-Fan. Wir machen den Leuten Spaß, den Brasilianern gefällt unsere Spielweise sehr.

Das Gespräch führte Felix Seaman-Höschele