Zusammenfassung

  • Patrick Erras steht mit Nürnberg vor seiner ersten Bundesliga-Saison
  • Nach schweren Verletzungen will der Mittelfeldspieler nun voll angreifen
  • Erras: "Irgendwann hat jeder Bundesliga-Profi bei null angefangen"

Nürnberg - Nach vier Jahren 2. Bundesliga brennt man beim 1. FC Nürnberg auf die höchste deutsche Spielklasse. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Mittelfeldspieler Patrick Erras über den aktuellen Leistungsstand kurz vor dem Start, über die taktische Ausrichtung der Elf und über den Umgang mit schweren Verletzungen.

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bundesliga.de: Herr Erras, zwar verspätet, dennoch aber herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg, Ihrem bereits zweiten mit dem Club...

Patrick Erras: Vielen Dank! Und Sie haben Recht, in gewisser Weise bin ich mit dem Club tatsächlich schon zweimal aufgestiegen. Beim ersten Mal, 2009 in der Relegation gegen Energie Cottbus, war ich allerdings noch als Balljunge dabei. Irgendwann einmal als Spieler mit dem Club aufzusteigen – das war schon damals mein größter Traum. Dass es jetzt tatsächlich geklappt hat, ist fantastisch!

bundesliga.de: Mit bisher acht Bundesliga-Abstiegen hält Nürnberg einen traurigen, mit acht Aufstiegen einen tollen Rekord. Ist für Sie angesichts dieser Bilanz das Glas eher halbvoll, oder halbleer?

Erras: Gute Frage. Einerseits ist es eine tolle Leistung, dass der Club immer wieder zurückgekommen ist. Das ist längst nicht selbstverständlich. Es gibt genügend Beispiele von Vereinen, die bis in die 3. Liga oder sogar noch weiter nach unten durchgereicht worden sind. So schön ein Aufstieg aber ist – langfristig muss es das Ziel sein, sich dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren.

"Langfristig muss es das Ziel sein, sich dauerhaft in der Bundesliga zu etablieren"

bundesliga.de: Der Pflichtspiel-Start steht nun kurz bevor: Wo sehen Sie die Mannschaft und wie zufrieden sind Sie mit Ihrer eigenen Vorbereitung?

Erras: Die gesamte Mannschaft hat in der Vorbereitung sehr gut gearbeitet. Deshalb sehe ich uns durchaus bereit für die kommende Saison. Bei mir persönlich ist es leider nicht ganz so optimal gelaufen, weil ich zwischenzeitlich wegen muskulärer Probleme aussetzen musste. Seit etwa zwei Wochen bin ich aber wieder im Training und habe keinerlei Probleme mehr. Ich denke, dass ich auf einem guten Weg bin, bald schon wieder topfit zu sein.

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bundesliga.de: Halten Sie Ihr Team für stark genug, dass am Ende der neuen Saison nicht der neunte Abstieg folgt?

Erras: Ich glaube, dass wir nicht umsonst aufgestiegen sind. Soll heißen, dass wir Qualität in der Mannschaft haben. Was uns in der vergangenen Saison besonders ausgezeichnet hat, war der sehr gute Teamgeist. Der muss auch in der kommenden Saison unser Trumpf sein. Wir müssen immer gemeinsam durch alle Situationen gehen, die vielleicht kommen werden. Wenn uns das gelingt, brauchen wir uns vor niemandem zu verstecken.

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bundesliga.de: Allerdings ist die Bundesliga Neuland für Ihren Trainer Michael Köllner, für viele Ihrer Teamkollegen und auch für Sie selbst. Lässt sich fehlende Erfahrung allein durch Teamgeist ausgleichen?

Erras: Das ist schwer zu beantworten, ohne überhaupt auch nur ein Spiel in der Bundesliga absolviert zu haben. Fakt ist aber auch, dass selbst jeder noch so gute Bundesliga-Profi irgendwann bei null angefangen hat. Es ist zwar keine ganz leichte Aufgabe, die fehlende Erfahrung durch unseren Teamgeist wettzumachen. Trotzdem bin ich optimistisch, dass uns das gelingen wird.

bundesliga.de: Was erwarten Sie sich grundsätzlich von der Bundesliga, und wie wird sich der Bundesliga-Fußball von dem unterscheiden, den Sie aus der 2. Bundesliga kennen?

Erras: Die Qualität des Fußballs wird um einiges höher sein, da braucht man gar nicht drum herum zu reden. Es werden einige harte Brocken auf uns warten. Aber jeder, der als kleiner Junge mit dem Fußball beginnt, träumt doch davon, irgendwann auch in der Bundesliga spielen und sich dort mit den Besten messen zu dürfen. Und ich bin sogar überzeugt, dass sich an unserem Spiel nicht allzu viel ändern wird. Wir wollen weiterhin den Fußball zeigen, der uns auch in der 2. Bundesliga ausgezeichnet hat.

"Fakt ist, dass selbst jeder noch so gute Bundesliga-Profi irgendwann bei null angefangen hat"

bundesliga.de: Zwingt die höhere Qualität der Gegner nicht dazu, von der eigenen Fußball-Philosophie abrücken zu müssen?

Erras: Ich glaube, dass uns das Trainerteam individuell sehr gut auf jedes Spiel einstellen wird. Es war auch in der 2. Bundesliga nicht so, dass wir in jedem Spiel 60 oder mehr Prozent Ballbesitz hatten. Mal gab es Partien, in denen wir etwas tiefer gestanden haben, mal war unser Spiel auf Ballbesitz ausgerichtet. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir auch in der Bundesliga unterschiedliche Situationen meistern können.

bundesliga.de: Sie persönlich hatten in der Saison 2015/16 bei Ihrem Profi-Debüt keinerlei Startschwierigkeiten und viele haben sich damals gewundert, woher ein so junger Spieler diese Abgeklärtheit nimmt.

Erras: Ich glaube, dafür gibt es keine besonderen Erklärungen. Das war und ist einfach meine Art Fußball zu spielen. Bereits in der zweiten Mannschaft habe ich so gespielt und habe mein Spiel später in der 2. Bundesliga nicht großartig verändert. Ich wollte einfach nur mein Bestmögliches auf den Platz bringen. Und das hat am Anfang auch richtig gut geklappt.

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bundesliga.de: Geklappt hat es genau 16 Partien lang, dann ist Ihnen im Training das Kreuzband des rechten Knies gerissen. Haben Sie damals mit Ihrem Schicksal gehadert, oder haben Sie versucht, selbst diese schwere Verletzung als Teil Ihres Berufs anzusehen?

Erras: Beides trifft zu. Zunächst mal hadert man damit, dass einem so etwas ausgerechnet in dem Moment passiert, als man sich gerade erst in die neue Aufgabe eingefunden hat. Bald aber akzeptiert man, dass Verletzungen nun mal zum Profi-Fußball dazu gehören. Auch damit muss man dann bestmöglich umgehen. Und das bedeutet, dass man in der Reha gewissenhaft seine Aufgaben erledigt, um schnellstmöglich auf den Platz zurückkehren zu können.

bundesliga.de:  Wenn man sich nach nicht allzu langer Zeit erneut verletzt – diesmal waren es 23 Spiele – helfen die Erfahrungen dabei, auch diese Situation zu bewältigen?

Erras: Ich glaube schon, dass es mir geholfen hat, dass ich eine solche Situation bereits ein Stück weit kannte. Zudem habe ich die Reha diesmal in einem anderen Reha-Zentrum absolviert, um ein wenig Abwechslung zu haben. Auch das hat mir geholfen.

"Ich möchte der Ansprechpartner auch für die jüngeren Spieler sein, die aus der Jugend oder der 2. Mannschaft zu uns stoßen"

bundesliga.de: Hilft es auch, dass man in der Reha Leidensgenossen trifft, oder belasten deren Schicksale zusätzlich?

Erras: Mir hat es gutgetan, dass ich viele verschiedene Menschen und Schicksale kennengelernt habe. Dort trifft man ja nicht nur auf Fußballer, sondern auch auf Athleten anderer Sportarten und auf ganz "normale" Menschen. Mit denen tauscht man sich aus, nicht nur über die Verletzungen, sondern zum Beispiel auch darüber, wie die Dinge in anderen Sportarten funktionieren.

© imago / Zink

bundesliga.de: Nicht nur für Ihr Alter wirken Sie sehr abgeklärt, was wohl dazu beigetragen hat, dass Sie in den Mannschaftsrat berufen worden sind. Wie verstehen Sie diese Aufgabe?

Erras: Ich freue mich sehr, dass der Trainer mir eine solche Aufgabe übertragen hat. Jetzt möchte ich der Ansprechpartner gerade auch für die jüngeren Spieler sein, die aus der Jugend oder der 2. Mannschaft zu uns stoßen. Wenn diese Spieler einen Rat oder Hilfe brauchen, bin ich für sie da.

bundesliga.de: Verspüren Sie trotz aller Abgeklärtheit ein wenig Lampenfieber, wenn Sie an den Saisonstart bei der Berliner Hertha denken?

Erras: Im Augenblick ist da "nur" sehr große Vorfreude. Nach der langen Vorbereitung brennt jetzt jeder darauf, dass es endlich losgeht.

Das Gespräch führte Andreas Kötter