Wolfsburg - Supercup-Sieg gegen die Bayern, souverän die nächste Runde im DFB-Pokal erreicht und nach zwei Spieltagen mit vier Punkten auch in der Liga ungeschlagen – auf den ersten Blick scheint der VfL Wolfsburg an die vergangene Saison anknüpfen zu können. So ganz zufrieden aber ist man spätestens seit der phasenweise schwachen Leistung beim 1. FC Köln nicht mehr bei den "Wölfen". Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Naldo über die Wolfsburgs Rolle als Bayern-Jäger, über den Transfer-Wirbel um Kevin de Bruyne und über seine Nationalmannschaftsambitionen.

bundesliga.de: Naldo, der VfL hat mit dem Gewinn des Supercups erneut bewiesen, dass die Bayern zu schlagen sind, man ist im Pokal eine Runde weiter und mit vier Punkten gut in die Saison gestartet; trotzdem scheint es, als sei man nicht ganz zufrieden...

Naldo: Dieser Eindruck täuscht nicht. Unser Start mit vier Punkten aus zwei Spielen ist zwar so schlecht nicht, noch dazu wenn man bedenkt, dass wir in der vergangenen Saison nach fünf Spielen gerade einmal sechs Punkte hatten. Aber wir wissen auch, dass wir es besser können als in den ersten 60 Minuten in Köln. Da waren wir gedanklich nicht auf dem Platz. Köln war sehr aggressiv, aber wir haben darauf kaum reagiert. Das müssen wir besser machen.

"Die Mannschaft hat enorme Qualität"

bundesliga.de: Wolfsburg galt nach der starken vergangenen Saison als erster Bayern-Jäger. Sind Sie ein wenig überrascht, dass sich auch der BVB anschickt, die Bayern herauszufordern?

Naldo: Nein. Ich habe schon in der vergangenen Saison gesagt, dass der BVB gestärkt aus der Krise gehen wird. Diese Mannschaft hat enorme Qualität. Und wenn es überhaupt etwas Überraschendes gab, dann dass man diese Qualität in der vergangenen Saison lange Zeit nicht abrufen konnte. In dieser Saison werden die Dortmunder wieder ganz oben mitspielen. So wie wir hoffentlich auch.

bundesliga.de: Sie selbst haben vor einigen Wochen gesagt, der VfL müsse sich das so genannte Bayern-Gen aneignen und die Sieger-Mentalität selbst noch im Training verbessern...

Naldo: Genau!

"Erwartungen sind größer geworden"

© DFL DEUTSCHE FUSSBALL LIGA

bundesliga.de: Vertraut man bisher zu sehr auf das jeweilige hohe individuelle Potenzial und lässt deshalb den letzten Biss schon einmal vermissen?

Naldo: Nein. Ich glaube eher, dass die gesamte Mannschaft noch nicht wieder dort ist, wo wir eigentlich hin wollen bzw. wo wir in der vergangenen Saison schon einmal waren. Wir müssen an unserer Zweikampfhärte arbeiten ebenso wie daran wieder besseren, d. h. schnelleren Fußball zu spielen. Und wir sind auch noch nicht so kompakt wie in der vergangenen Saison. Das kann zu Beginn einer Saison aber passieren, dass man sich erst wieder finden muss. Zudem müssen wir verstehen, dass die Erwartungen größer geworden sind. Die Bayern sind es gewohnt damit umzugehen. Wir müssen das noch lernen. Das ist ein steter Prozess.

bundesliga.de: Müssen Sie insgeheim dennoch manchmal lachen, wenn die Medien nach zwei Spielen, in denen nicht alles glatt gelaufen ist, versuchen eine Krise herbeizuschreiben?

Naldo: Da haben Sie Recht: Eine Krise sieht ganz anders aus! Die Tatsache, dass wir nach den schwachen 60 Minuten gegen sehr starke Kölner noch ein Unentschieden erreicht haben, zeigt unser Potenzial. Es ist alles andere als einfach, gegen Köln zu spielen. Andere Vereine haben gegen den FC weit größere Schwierigkeiten gehabt. Letztlich sollten wir aber nur auf uns schauen. Wir müssen jeden Tag hart arbeiten, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen.

"Transfer-Gerüchte gehören dazu"

bundesliga.de: Momentan schaut ganz Fußball-Deutschland auf den VfL im allgemeinen und auf Kevin de Bruyne im besonderen. Welche Wirkung hat das auf Sie und Ihre Kollegen?

Naldo: Die Transfer-Gerüchte gehören einfach dazu. Zumindest dann, wenn man eine so gute Saison gespielt hat wie wir. Da ist es völlig normal, dass andere Vereine auf uns schauen und Interesse zeigen. Damit zurechtzukommen - auch das können wir vom FC Bayern lernen, der sich vor jeder neuen Saison damit auseinandersetzen muss. Ich habe aber das Gefühl, dass uns das schon sehr gut gelingt.

bundesliga.de: Kevin de Bruyne selbst scheint verständlicherweise nicht ganz unbeeindruckt. Kann ihm ein erfahrener Spieler wie Sie helfen?

Naldo: Kevin ist ein guter Junge, der in den 90 Minuten immer alles für den VfL gibt. Dass die aktuellen Schlagzeilen nicht spurlos an ihm vorbeigehen, dafür haben wir Verständnis. In der Kabine und beim Training klammern wir dieses Thema komplett aus, damit er sich so weit wie möglich auf den VfL konzentrieren kann. Dass er mit seiner Leistung aktuell selbst noch nicht ganz zufrieden ist, zeigt doch seinen hohen Anspruch an sich selbst. Kevin ist ein sehr wichtiger Bestandteil unserer Mannschaft, und wir alle hoffen, dass er in Wolfsburg bleibt.

"Mal sehen, was noch passiert"

© gettyimages / Mika Volkmann

bundesliga.de: Der VfL selbst könnte noch einmal aktiv werden auf dem Transfermarkt. Bayern Münchens Dante etwa, der mit den "Wölfen" in Verbindung gebracht wird, wäre eine Verstärkung nicht nur für die brasilianische Fraktion...

Naldo: Jeder Spieler, der Qualität hat, ist herzlich willkommen. Dabei ist es völlig egal, ob es sich um einen Brasilianer handelt oder nicht (lacht). Dante besitzt diese Qualität ohne Frage. Das Transfer-Fenster bleibt ja  noch einige Tage geöffnet. Mal sehen, was noch passiert.

bundesliga.de: Das Spiel am Freitag gegen Schalke 04 ist das letzte vor Transferschluss. Dann treffen Sie auf einen weiteren Landsmann. Kannten Sie Junior Caicara schon vor seinem Wechsel zu Schalke?

Naldo: Ich kenne ihn nicht persönlich, habe aber bereits einiges über ihn gehört. Er ist ein sehr guter Spieler, der immer mit höchstem Einsatzwillen glänzt. Auf ihn müssen wir aufpassen, so wie auf alle anderen Schalker auch. Denn das ist eine starke Truppe, die uns schon in der vergangenen Saison beim 1:1 das Leben sehr schwer gemacht hat.

"Kein Grund den Kopf hängen zu lassen"

bundesliga.de: Sehr schwer macht Ihnen das Leben auch der brasilianische Nationaltrainer, der den Wunsch nach einer Rückkehr in die Selecao für die kommenden Länderspiele (noch) nicht erfüllt hat...

Naldo: Das stimmt. Und um ganz ehrlich zu sein: So recht kann ich nicht verstehen, warum ich nach der mit sieben Treffern vielleicht besten Saison meiner Karriere nicht nominiert werde. Aber das ist kein Grund den Kopf hängen zu lassen. Ich konzentriere mich jetzt ausschließlich auf den VfL und versuche erneut eine sehr gute Saison mit der Mannschaft zu spielen. Vielleicht klappt es ja doch noch irgendwann.

Das Gespräch führte Andreas Kötter