Dortmund - Kurz vor dem Saisonstart spricht Borussia Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc im zweiten Teil des großen Interviews mit bundesliga.de über die neue Spielzeit. Wer für ihn die Überraschung der Vorbereitung ist, warum er von den Profis noch mehr Selbstverantwortung fordert und was aus Kevin Großkreutz wird - das lesen Sie hier.

Hier geht's zum ersten Teil des Interviews.

bundesliga.de: Michael Zorc, wie beurteilen Sie das, was Thomas Tuchel sportlich mit der Mannschaft angeht? Sehen Sie es eher als Umbau, als Optimierung oder als Weiterentwicklung?

Zorc: Es ist von allem etwas. Natürlich ist es immer ein neuer Anfang, wenn ein neuer Trainer seine Ideen einbringt und andere Schwerpunkte und Reize setzt. Es ist in gewisser Weise aber auch eine Entwicklung, zumindest für die Spieler, die schon seit einiger Zeit das Trikot von Borussia Dortmund tragen.

bundesliga.de: Die Schlüsselworte für die neue Spielweise der Borussia lauten Ballbesitz, Spielkontrolle und Dominanz.

Zorc: Dinge wie Ballbesitz und Dominanz ergeben sich letztlich aus der Qualität der Mannschaft und der Qualität der Organisation, die du auf dem Platz hast. Das dies ein wichtiger Punkt in unserem Spiel ist, steht außer Frage. Daran arbeitet Thomas Tuchel und die Ergebnisse werden wir sicher auf dem Platz sehen.

"Ich bin kein Enthusiast, der alles hochjubelt"

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bundesliga.de: Qualität der Mannschaft ist ein gutes Stichwort: Wie froh ist der Sportdirektor von Borussia Dortmund, dass Henrikh Mkhitaryan endlich sei Potenzial auszuschöpfen scheint und auf einmal derart überzeugend Fußball spielt?

Zorc: Wenn wir von der letzten Saison und dem dort erreichten, siebten Tabellenplatz ausgehen, dann haben wir sicher nicht nur bei Mkhitaryan, sondern bei einigen Spielern noch Luft nach oben. Ich freue mich natürlich über das, was Micki jetzt gezeigt hat. Er wirkt sehr gelöst und krönt sein gutes Spiel und großes Potenzial jetzt auch mit Effektivität. Er hat mehrfach den Führungstreffer vorbereitet, einige andere Tore aufgelegt und selbst einige Treffer erzielt. Ich wünsche ihm und uns, dass es auf diesem Weg weitergeht.

bundesliga.de: Trauen Sie dem Braten noch nicht so recht?

Zorc: Ich bin kein Enthusiast, der jetzt alles aus der Vorbereitung hochjubelt. Stand jetzt ist alles gut, alles hat sich gut angelassen, auch die ersten Pflichtaufgaben in den Pokalwettbewerben haben wir souverän erledigt. Aber wir haben noch einen langen Weg zu gehen. Es gibt keinen Grund, jetzt irgendwelche tollen Fazits zu ziehen und ständig zu erzählen, wie wunderbar alles ist.

"Sebastian war der Platzhirsch"

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bundesliga.de: Wenn man über die Gewinner und die Überraschungen der Vorbereitung spricht, kommt man nicht an Julian Weigl vorbei. Hätten Sie gedacht, dass er sich trotz seiner erst 19 Jahre so gut und so schnell beim BVB zurecht finden kann?

Zorc: Der Transfer von Julian Weigl war ein Projekt, das natürlich eher perspektivisch angelegt war. Julian hat vom ersten Tag an dieses höhere Niveau angenommen. Er hat den Rahmen genutzt, den ihm das Trainerteam und seine Mitspieler hier in Dortmund vorgeben. Hier nutzt er die Rahmenbedingungen  mit seinem unglaublichen Talent, das er ohne jeden Zweifel mitbringt. Das sieht man dann auch auf dem Platz. Er spielt wie ein alter Hase, als wenn er schon länger hier ist. Er hat eine gewisse Selbstverständlichkeit in seinem Spiel und das finde ich richtig klasse. Und es ist sicher für alle überraschend, dass es so schnell ging.

bundesliga.de: Muss die Mannschaft nach dem Karriereende von Sebastian Kehl auch eine neue Hierarchie entwickeln? Ist Mats Hummels als Kapitän der logische Führungsspieler oder sehen Sie auch andere Spieler in der Verantwortung?

Zorc: Ich weiß gar nicht, ob sich in dieser Hinsicht so vieles neu entwickeln muss. Natürlich war Sebastian hier der Platzhirsch. Aber wir haben einige erfahrene Spieler, auch gestandene Nationalspieler, die das gemeinsam ausgleichen können. Letztlich ist jeder Einzelne gefragt. Auch ein Marco Reus wird jetzt mehr Verantwortung übernehmen, Mats Hummels als Kapitän natürlich schon allein aufgrund seines Amtes. Dazu gibt es andere Spieler, die auch schon länger das schwarzgelbe Trikot tragen und denen ich dies zutraue. Da sehe ich kein Problem.

"Kevins Fall ist eine besondere Konstellation"

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bundesliga.de: Mats Hummels hat kürzlich ein sehr offenes Interview gegeben, in dem er auch über seine Gewichtsprobleme in der letzten Saison gesprochen hat. Muss jeder Profi noch ein Stückweit mehr seiner Selbstverantwortung gerecht werden und Tag für Tag für sich selbst prüfen, ob er alles richtig macht?

Zorc: Ja natürlich, das gehört mit zum Job. Vor allem dann, wenn du permanent Höchstleistungen bringen möchtest und nicht nur sporadisch oder punktuell. Ich fand es sehr offen und ehrlich, wie selbstkritisch Mats eingeräumt hat, dass er in der vergangenen Saison nicht auf der Höhe war. Man hat es ja auch auf dem Platz gesehen, dass es nicht seine beste Saison war. Aber jetzt macht er einen komplett fitten Eindruck und tritt wieder ganz anders auf.

bundesliga.de: Eine Personalie, die die Fans in Dortmund beschäftigt, ist Kevin Großkreutz. Viele wünschen sich eine klare Aussage, ob sich die Wege trennen oder nicht.

Zorc: Genau das ist geschehen, es gibt eine klare Aussage. Aber wir sprechen direkt mit den Betroffenen und nicht über diverse Medien. Wir haben sowohl mit Kevin als auch mit seinem Berater mehrere Gespräche geführt. Und die waren sehr offen und transparent, so wie es sich auch gehört. Mir als gebürtigem Dortmunder ist doch klar, dass es in Kevins Fall als Dortmunder Junge eine besondere Konstellation ist. Trotzdem ist es nach der letzten Saison und dem zwischenzeitlichen 18. Tabellenplatz unsere Pflicht, alles auf den Prüfstand zu stellen und das Leistungsprinzip mehr denn je in den Vordergrund zu rücken. Und das gilt natürlich für alle Spieler.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte

Im ersten Teil des großen Interviews spricht Michael Zorc über den neuen Trainer, seine Arbeit und sein Auftreten und blickt voraus auf den Bundesliga-Auftakt für den BVB am Samstag.