
Lothar Matthäus im Interview zum DFB-Neustart unter Klopp
Lothar Matthäus gehört dieser Tage zu den beliebtesten TV-Experten des Landes. Im Bundesliga-Interview spricht der Weltmeister von 1990 über den DFB-Neustart unter Jürgen Klopp.
Deutschlands Rekordnationalspieler freut sich auf die Länderspiele in dieser XXL-Pause und ist überzeugt, dass Jürgen Klopp der Richtige ist auf dem Posten des Bundestrainers.
"Er hat viel reingeholt, was andere verloren haben"
Selten hat sich ein Land mehr auf die Nations League Spiele gefreut. Und das vor allem wegen Jürgen Klopp. Was erwarten Sie von diesen ersten Spielen? Und was muss Jürgen Klopp vielleicht auch anders machen als die Vorgänger?
Lothar Matthäus: Jürgen Klopp wird Jürgen Klopp sein und nicht schauen, was haben die anderen falsch oder richtig gemacht. Er wird seinen eigenen Weg gehen. Den ist er schon bei den Pressekonferenzen gegangen. Die waren sehr dynamisch, sehr klar, sehr fordernd. Jürgen hat sehr viel Erfahrung, hat vor allem auch Erfolge vorzuweisen mit Dortmund, mit Liverpool, auch mit Mainz. Er hat sich dadurch einen Namen gemacht und hat Selbstvertrauen bekommen. Er strahlt das auch aus, und das überträgt sich auf die Mannschaft. Ich habe volles Vertrauen zu ihm. Deswegen war er wahrscheinlich auch der erste und einzige Kandidat beim DFB, der für diesen Posten infrage gekommen ist. Er muss nichts anders machen als seine Vorgänger, sondern er muss das Richtige machen. Von der Stimmung her hat er schon viel reingeholt, was die anderen verloren haben.
Was zeichnet Jürgen Klopp aus?
Matthäus: Bei Jürgen Klopp weiß jeder Spieler, woran er ist - im Guten wie im Schlechten. Er hat Undav angerufen, hat einen Baumann angerufen und ganz klar gesagt, was Sache ist, warum sie nicht dabei sind. Es ist einem Spieler das Liebste, auch wenn es nicht hören will, dass er weiß, warum er nicht dabei ist. Er kennt zumindest die Gründe. Und Jürgen hat den Spielern, die dabei sind gesagt: "Ich will euch sehen, ihr habt Fähigkeiten und ihr könnt dabei helfen, den deutschen Fußball wieder dahin zu bringen, wo er hingehört, nämlich an die Weltspitze."

"Klopp denkt nicht nur an heute und morgen"
Wenn Sie sich die beiden Kader anschauen: Gibt es einen Namen, wo Sie sagen "Cool, dass der dabei ist"?
Matthäus: Die alle aufzuzählen, da brauche ich eine Stunde... Ich bin der Meinung, dass alle Spieler gezeigt haben, was sie können, welche Voraussetzungen sie haben. Und Jürgen Klopp denkt ja nicht nur an heute und an morgen. Er denkt an die Zukunft des deutschen Fußballs. Deswegen sind auch sehr viele junge Spieler dabei oder haben sehr viele junge Spieler den Vorzug bekommen, weil sie vielleicht etwas mitbringen, das die älteren Spieler nicht haben.
Mit dabei ist Nathaniel Brown, der ja auch zu den Bayern gewechselt ist. Wie flexibel ist der einsetzbar und wie reif ist dieser Junge schon?
Matthäus: Er hat es in Frankfurt gezeigt, er hat es auch bei der Weltmeisterschaft gezeigt. Er war ja nicht eine der Enttäuschungen, sondern er hat im Endeffekt performt, ist dann auch mit der Mannschaft ein bisschen untergegangen. Man kann von so einem jungen Spieler nicht erwarten, dass er auf einmal die Mannschaft führt. Er ist natürlich vielseitig einsetzbar. Das hat man bei Bayern München gesehen, aber trotzdem sehe ich ihn hauptsächlich auf der linken Außenverteidiger-Position. Die hat er häufig in der Dreierkette gespielt. Aber ich sehe ihn auch in der Viererkette wie beim FC Bayern auf dieser linken defensiven Position, die er natürlich mit seiner Geschwindigkeit, mit seinen Offensivstärken verfeinern kann. So kann er im Endeffekt auch für die Offensive sehr viele Impulse setzen.
"Ebnoutalib ist keine Überraschung"
Ein weiterer Name, der einen brutalen Saisonstart hingelegt hat, ist Younes Ebnoutalib, der ja auch schon vier Tore geschossen hat.
Matthäus: Jürgen Klopp will ja durch diese Nominierung auch zeigen, dass er die Jungs kennenlernen will. Und deswegen ist es ja ein riesen Move gewesen, dass er im Endeffekt diese Idee hatte, aus 44 Spielern zwei Kader zu machen. Damit auch jeder junge Spieler eine Nähe zu seinem Trainer spürt in diesen neun Tagen, in denen er dabei ist als Neuling. Und das ist sehr wichtig. Aber natürlich, wenn ein Stürmer Tore schießt, dann sollte er auch für die Nationalmannschaft interessant sein, solange er einen deutschen Pass hat. Und deswegen ist auch diese Nominierung für mich aufgrund der gesamten Nominierungen keine Überraschung.

"Nico ist ein Glücksgriff für Dortmund"
Am vergangenen Samstag waren Sie beim Topspiel zwischen dem VfB Stuttgart und Borussia Dortmund im Stadion und haben den neuen Tabellenführer aus Dortmund gesehen. Wie schätzen Sie die Rolle des BVB in die Saison ein?
Lothar Matthäus: Ich glaube, der BVB ist stark genug, um in der Bundesliga zumindest Platz zwei zu erreichen. Das ist ja auch ihr Minimalziel, würde ich sagen. Ich glaube, intern gibt man aber auch ein anderes Ziel aus. Man will auch in Dortmund Titel gewinnen. Das ist beim BVB auch in den letzten Jahren, in denen es nicht immer so gut funktioniert hat, eigentlich immer so ein gewisses Ziel gewesen: Erst mal die Nummer zwei absichern, aber den Schritt nach oben möchten sie schon machen. Aber da gibt es nun mal die übermächtigen Bayern. Die sind eben da. Und dann ist es für den BVB in dieser Saison vielleicht noch ein bisschen zu früh. Aber: Sie haben zwei Punkte Vorsprung vor den Bayern und die haben sie sich verdient.
Niko Kovač hat gerade sein hundertstes Spiel in der Bundesliga gefeiert und hat den besten Punkteschnitt aller Dortmunder Trainer von diesen ersten 100 Begegnungen erreicht. Wird Niko Kovac Ihrer Meinung nach beim BVB vielleicht sogar unterschätzt?
Matthäus: Er ist jetzt seit zwei Jahren beim BVB. Erst ist er von Platz zehn auf Rang vier gerückt und dann folgte die Vizemeisterschaft. Für mich war Niko von Beginn an ein Glücksgriff für Dortmund. Ich kenne seinen Charakter, seinen Ehrgeiz, seine Einstellung zum Fußball. Viele erwarten vielleicht den Fußball, den der FC Bayern spielt. Den wird Niko ganz selten spielen lassen. Jetzt im Sommer gab es wieder einen großen Umbruch. Viele Führungsspieler haben den Verein verlassen und sind durch junge Spieler ersetzt worden, die aber neue Skills in die Mannschaft einbringen. Man hat es ja auch schon gesehen. Das schöne Offensivspiel gegen den HSV, die Aufholjagd in Hoffenheim, ein klarer verdienter Sieg gegen Paderborn und auch drei Punkte gegen einen Champions-League-Teilnehmer zu entführen...
Was sind die Gründe für die aktuellen Erfolge?
Matthäus: Auch wenn es nicht immer glänzend ist, ist es dann schon so, dass Niko der Mannschaft vermittelt, das zu machen, was in dem Spiel wichtig ist. Es werden auch wieder Niederlagen kommen. Aber Niko wird nicht nur versuchen, seine Mannschaft besser zu machen, sondern er ist trotz seiner Erfahrung auch selbst interessiert, sich selbst besser zu machen. Der Punkt ist: Genau das, was Dortmund spielen kann, gibt die Mannschaft gerade auch her. Und das holt Kovac meiner Meinung nach hervorragend heraus.