Köln - Seit acht Partien ist Eintracht Frankfurt ungeschlagen. Aus dem Abstiegskandidaten der Vorsaison ist ein Team geworden, das sich inzwischen im oberen Tabellendrittel etabliert hat und gegen alle Großen der Liga unbesiegt blieb. Nach Meinung von Eintracht-Legende Karl-Heinz Körbel ist dies in erster Linie ein Verdienst von Niko Kovac und Fredi Bobic. Im Interview mit bundesliga.de spricht der Rekordspieler der Bundesliga (602 Einsätze für die Eintracht) über weitere Ursachen des Höhenflugs der Hessen.

bundesliga.de: Herr Körbel, vor einem halben Jahr steckte die Eintracht noch tief im Schlamassel und verhinderte über die Relegation nur ganz knapp den Bundesliga-Abstieg. Nun steht sie auf Platz 5 und hat gegen keine einzige Spitzenmannschaft der Liga ein Spiel verloren. Müssen Sie sich manchmal kneifen?

Karl-Heinz Körbel: Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Niemand hätte diese Entwicklung erwartet, wenn man ehrlich ist. Auch die Verantwortlichen hätten das nicht geglaubt. Wir wussten allerdings, dass wir zwei super Trainer haben. Das war auch die Voraussetzung für diese Entwicklung. Sie haben schon in der Relegation diesen Geist vorgelebt, immer durchzuhalten. Entscheidend danach war die Personalie Fredi Bobic.

bundesliga.de: Was zeichnen die Trainer und den Sportdirektor aus?

Körbel: Fredi Bobic kennt die Kovac-Brüder, mit Niko hat er früher zusammen bei Hertha gespielt. Sie wussten beide, wie der andere tickt. Das Vertrauen war da. Und so haben sie die Mannschaft dann zusammengestellt. Die Spieler, die dann verpflichtet wurden, kannte ja fast keiner. Wir haben uns alleine mit den Namen schwer getan (lacht) und gehört, dass das Talente von u.a. Real Madrid sind. Und obendrein wurde dann Stefan Aigner verkauft. Aber dank der akribischen Arbeit der Kovac-Brüder hat es funktioniert. Hinzu kam in den ersten beiden Heimspielen das nötige Glück, als wir gegen Schalke 04 und Bayer Leverkusen gewonnen haben. Daraus hat sich eine Eigendynamik entwickelt, du spielst dann sogar gegen Bayern München unentschieden. Dann glaubt die Mannschaft selbst an sich und merkt, dass die anderen Teams nicht besser sind.

Im Video: Was Frankfurt so stark macht

bundesliga.de: Wieviel Spaß macht es Ihnen, sich die Spiele der Eintracht anzuschauen?

Körbel: Das macht sehr viel Spaß. Inzwischen tritt die Mannschaft auch in den Auswärtsspielen genauso auf wie daheim. Vor der Saison hatten wir geglaubt, dass wir eine besondere Stärke entwickeln müssen und entweder zuhause oder auswärts stark punkten müssen. Mittlerweile gelingt uns beides. Wir fahren zum Hamburger SV oder zum FC Augsburg und wollen da gewinnen. Niko Kovac hat immer eine Idee und ist für eine Überraschung gut. Er hat seinen Stamm, weiß aber auch, gegen welchen Gegner er ewtas verändern muss. Das ist momentan unser Erfolgsgeheimnis, und das macht großen Spaß. Wir haben ja noch die Zeiten der Relegation miterlebt, als wir mit eineinhalb Beinen in der 2. Bundesliga waren. Aber der liebe Gott hat sich dann das Eintracht-Trikot angezogen und uns eine Chance gegeben. Das ist das Unglaubliche am Fußball, dass es in kürzester Zeit nach oben gehen kann. Bei unserem nächsten Gegner, dem VfL Wolfsburg, geht es beispielsweise in die andere Richtung. Der VfL war vor 18 Monaten noch Pokalsieger und Dieter Hecking der Trainer des Jahres. Wir sollten bei der Eintracht dankbar sein, dass wir schon so viele Punkte haben. Das macht alles einfacher. Die Existenzängste sind nicht mehr da, wir reden jetzt sogar von einer neuen Geschäftsstelle.

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bundesliga.de: Als früherer Abwehrspieler muss Ihnen das Herz aufgehen, wenn Sie die Eintracht-Defensive sehen, die erst elf Gegentore zuließ und die zweitbeste Abwehr der Bundesliga stellt. Bislang konnte immer die gleiche Viererkette auflaufen, jetzt ist mit Timothy Chandler erstmals ein Akteur gesperrt. Kann das für die Mannschaft problematisch werden?

Körbel: Nein, wir haben überhaupt keine Probleme. Egal, was Kovac macht, es funktioniert. Das ist ja der Wahnsinn. Er hat seine Ideen. Bei Niko Kovac merkt man, wo er früher selbst gespielt hat - nämlich in der Abwehr. Er weiß, dass man die Spiele über die Abwehr gewinnt. Darauf legt er großen Wert. Wir haben mit Lukas Hradecky einen der besten Torhüter der Bundesliga. Er hat uns im letzten Jahr schon gerettet, ohne ihn wären wir abgestiegen. Dazu haben wir mit David Abraham, Guillermo Varela einige der besten Innenverteidiger der Liga. Auch Bastian Oczipka hat sich enorm gegenüber der letzten Saison gesteigert. Und Timothy Chandler ist runderneuert. Als ich gesehen habe, wie er im Bayern-Spiel den David Alaba überrannt hat, habe ich mich gefragt: Was ist denn jetzt los? Auch Makoto Hasebe ist wieder der Alte, er ist ballsicher und kann alle Positionen spielen.

bundesliga.de: Die Eintracht hat zehn verschiedene Torschützen in Ihren Reihen. Ist sie weniger abhängig von den Toren von Alex Meier?

Körbel: Wir werden seine Tore noch brauchen. Irgendwann werden wir auch wieder einmal ein Spiel verlieren. Der Alex Meier ist nach seiner Verletzung jetzt wieder so weit und hat seinen Rhythmus gefunden. Auf ihn können wir nicht verzichten. Aber wichtig ist auch, dass die anderen ebenfalls Tore machen können. Wir sind nicht mehr so leicht auszurechnen.

"Wir haben Qualität dazu bekommen"

bundesliga.de: Die Eintracht hat in den letzten Jahren viel erlebt, Abstieg, Aufstieg, Europa League, Relegation, jetzt wieder Platz 5. Wie erklären Sie sich als Rekordspieler der Eintracht, dass der Verein so extreme Höhen und Tiefen hatte?

Körbel: Das Problem können wir schon wieder in der nächsten Saison haben. Wir wissen ja nicht, welche Spieler bleiben, ob Real Madrid seine beiden Jungs zurückholt. Fredi Bobic weiß sehr wohl, dass es wieder eine schwierige Aufgabe wird, solche Spieler im Falle eines Falles zu finden. Für Fredi sprechen seine großartigen internationalen Kontakte. Er hat schon einen Plan in der Tasche und schon vorgefühlt. In den letzten Jahren haben wir uns bei der Planung schwer getan. Wenn du gegen den Abstieg spielst und erst spät planen kannst, bekommst du auf dem Transfermarkt nur noch die "Krümel" ab. Dazu werden dir die besten Spieler weggekauft, man denke an Spieler wie Carlos Zambrano oder Kevin Trapp. In diesem Jahr haben wir mal Qualität dazu bekommen, erstaunlicherweise durch so junge Spieler.

bundesliga.de: Den kommenden Gegner der Eintracht, den VfL Wolfsburg, haben Sie bereits angesprochen. Tabellarisch gesehen ist die Eintracht klarer Favorit. Aber so eindeutig dürfte die Angelegenheit vermutlich nicht werden?

Körbel: Das wird für uns ein unheimlich schwieriges Auswärtsspiel. Wir haben mitbekommen, was in Wolfsburg passiert ist. So eine Situation kennen wir noch aus eigener Erfahrung. Und Der VfL Wolfsburg ist diese Tabellenregionen nicht gewohnt. Bei Borussia Dortmund hat man vor zwei Jahren auch gesehen, wie schwer sich eine Spitzenmannschaft tat, sich aus dem Keller zu befreien. Wolfsburg muss sein Spiel gegen uns gewinnen, das ist unsere Chance. Wenn wir keine leichten Fehler machen und als Mannschaft auftreten, sind wir auch in Wolfsburg in der Lage zu punkten oder vielleicht sogar zu gewinnen. Wir müssen deren Unruhe ausnutzen und dürfen nicht ihr Aufbaugegner werden, was die Eintracht ja früher öfter war.

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Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski