Frankfurt - In nur einem halben Jahr hat Niko Kovac Eintracht Frankfurt via Relegation vor dem Abstieg gerettet und nun in die erweiterte Bundesligaspitze geführt. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Kovac über die Gründe für den Höhenflug der Eintracht, über die Zusammenarbeit mit seinem Bruder Robert und über seinen Ex-Club FC Bayern München.

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bundesliga.de: Herr Kovac, die nominell sehr ähnliche Eintracht-Elf, der vor sechs Monaten noch der Abstieg in die 2. Bundesliga drohte, ist nun Fünfter in der Bundesliga (>>> Zur Tabelle). Für viele ist das eine Überraschung, für Sie auch?

Niko Kovac: Dass wir Fünfter sind, ist eine Überraschung. Keine Überraschung ist für mich, dass wir besser geworden sind. Die Mannschaft hat sich beinahe in allen Bereichen verbessert, ob das die Kondition, technisch-taktische Dinge oder die Mentalität betrifft, die selbstverständlich auch von großer Bedeutung ist. Entscheidend ist, dass wir sehr konstant sind. Es gab bisher nur zwei wirkliche Rückschläge, in Darmstadt und in Freiburg (jeweils 0:1; Anm. d. Red.), die uns in diesen Momenten weh getan haben.

bundesliga.de: Tatsächlich scheint Ihr Team seit Freiburg noch fokussierter. Kann eine eigentlich unerfreuliche Niederlage für einen Trainer doch hilfreich sein?

Kovac: Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass uns gerade diese Niederlage auf den richtigen Weg gebracht hat. Nach diesem Spiel war ich "not amused", um nicht zu sagen sehr sauer. Alles, was wir uns vorgenommen hatten, haben wir nicht umgesetzt, und der Gegner hat uns den Schneid abgekauft. Ich habe meinen Spielern ganz klar gesagt, dass man so in der Bundesliga nicht spielen kann. Die Mannschaft hat das sehr gut aufgenommen und das, was wir uns erarbeitet haben, in der Folge umgesetzt. Ja, ich denke, dass uns dieses Spiel wirklich die Augen geöffnet und klargemacht hat, dass man in der Bundesliga mit weniger als 100 Prozent nicht erfolgreich sein kann.

bundesliga.de: Auffallend ist auch die im Gegensatz zum Vorjahr hervorragende Defensivarbeit. Ihre Mannschaft hat die zweitwenigsten Gegentore kassiert.

Kovac: In den damals neun verbleibenden Spielen mussten wir zwingend punkten. Natürlich war uns bewusst, dass wir nicht in jedem Spiel drei Tore schießen würden. Also galt es zunächst, vor allem die Zahl der Gegentreffer zu minimieren. So erklären sich auch unsere jetzt nur elf Gegentore. Wir verteidigen wirklich mit zehn Mann, und dieser Teamspirit ist der Schlüssel zum Erfolg. Und ich war lange genug Profi, um genau zu wissen, wie schwierig es ist gegen einen gut organisierten, gemeinschaftlichen Block anzuspielen.

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bundesliga.de: Ihre Mannschaft hat sich mittlerweile großen Respekt erarbeitet, gerade gegen die Top-Teams der Liga wie Schalke, Dortmund oder Bayern München. Können Sie feststellen, dass die Gegner Ihr Team nun anders wahrnehmen?

Kovac: Das möchte ich schon sagen. Alle Mannschaften in der Bundesliga sind letztlich Topteams, aber es stimmt, dass wir fast alle Hochkaräter zuhause hatten. Den Großteil dieser Spiele haben wir gewonnen, zweimal haben wir unentschieden gespielt. Die Mannschaft sieht, dass sie jetzt auch gegen Hochkaräter bestehen kann, wenn auf unserer Seite alles stimmt. Und die Gegner werden hellhörig bzw. nehmen uns anders wahr. Das macht es natürlich leichter als in der vergangenen Saison, als wir mit dem Rücken zur Wand am Tabellenende standen, und der Gegner vielleicht gesagt hat "die Eintracht überrollen wir, die haben gegen uns ohnehin keine Chance".

bundesliga.de: Kann es gegen vermeintlich kleinere Teams, die kein Interesse haben, das Spiel selbst zu gestalten, auch schwieriger werden?

Kovac: Es ist so wie Sie sagen. Die Mannschaften, die ganz andere Ambitionen haben als wir – Schalke, Bayern München, Leverkusen, Hertha oder Dortmund – und die etwas erreichen wollen, müssen dementsprechend nach vorne mehr machen. Sie verfügen auch über die notwendige Qualität. Das kommt uns sicher mehr entgegen als Gegner, die eher defensiv agieren. Da haben wir etwas Nachholbedarf und müssen noch die Mittel finden, um den Gegner gezielt unter Druck setzen und Chancen kreieren zu können. Daran arbeiten wir. Aber das ist ein langwieriger Prozess, der nicht von heute auf morgen zu bewältigen ist und vielleicht noch ein halbes Jahr dauern kann.

bundesliga.de: Eine Zeitung hat gerade geschrieben: "Schmidt war nach der Niederlage in Frankfurt ratlos, Ancelotti nach dem 2:2 des Rekordmeisters sichtlich unzufrieden, Tuchel nach dem 1:2 des BVB restlos bedient. Kovac schafft sie alle." Müssen Sie da schmunzeln?

Kovac: Ich möchte das nicht überbewerten. Die Mannschaft setzt das, was wir ihr vorgeben, sehr gut um. Sie können eine noch so gute Idee haben – wenn die Mannschaft diese Idee nicht umsetzt, haben Sie ein Problem. Deshalb möchte ich das Kompliment hinter dem Zitat an meine Mannschaft weitergeben.

bundesliga.de: Auch wenn ein Trainer einzelne Spieler nicht gerne herausstellt – stehen aber nicht gerade Marco Fabian und Szabolcs Huszti, die beide von den Medien schon in Frage gestellt worden sind, sinnbildlich für die Entwicklung?

Kovac: Man muss differenzieren. Wenn ein neuer Spieler im ersten halben Jahr oder in der ersten Saison nicht einschlägt, gilt er leider sehr schnell als Fehleinkauf. Das ist aber nicht so. Bayern München etwa gibt einem neuen Spieler zwei Jahre Zeit, sein Leistungsspektrum zu zeigen. Und wenn das bei Bayern München so ist, sollte man das in Bezug auf Eintracht Frankfurt genauso sehen. Die beiden genannten Spieler kamen in ein Gebilde, in dem das eine oder andere nicht gestimmt hat. Und man muss berücksichtigen, dass Marco Fabian aus einer ganz anderen Liga, aus ganz anderen klimatischen Bedingungen kommt, unter denen Highspeed-Fußball wie in der Bundesliga nicht möglich ist. Und auch der chinesische Fußball, wo Szabi Huszti zuvor gespielt hat, ist mit der Bundesliga nicht zu vergleichen. 

bundesliga.de: Fabian ist aktuell sogar einer der Topspieler der Liga...

Kovac: Man sieht, welche Qualität diese Spieler haben. Und diejenigen, die sie ausgesucht haben, Bruno Hübner und Armin Veh, haben wirklich ein gutes Auge bewiesen.

bundesliga.de: Sie haben Bayern München gerade genannt. Sind Sie als ehemaliger Bayern-Profi überrascht, dass es in München nicht ganz so rund läuft?

Kovac: Wenn Bayern München nicht mit zehn Punkten die Tabelle anführt, sagt man, dass es dort nicht rund läuft. Ich finde aber, dass man alle Umstände berücksichtigen muss. Es gab einen Trainerwechsel, es gab eine Europameisterschaft, so dass die Nationalspieler erst spät in die Vorbereitung einsteigen konnten, und es gab viele Verletzte beim FC Bayern. Trotzdem steht man auf Tabellenplatz zwei und ist in der Champions League und im DFB-Pokal weiter. Natürlich ist die Wahrnehmung gemeinhin, dass Bayern München kein Spiel verlieren darf, alles gewinnen muss und das am besten mit fünf Toren Unterschied. So funktioniert der Fußball aber nicht. Ich habe vor dieser Saison gesagt, dass der FC Bayern Deutscher Meister wird, wenn auch nicht mehr mit so viel Vorsprung wie im Vorjahr. Und dabei bleibe ich auch.

bundesliga.de: Dass RB Leipzig kein typischer Aufsteiger sein würde, war zu erwarten. Sind Sie aber überrascht wie stark die Leipziger auftrumpfen?

Kovac: Jein. Diese Mannschaft ist bereits in der 2. Bundesliga zusammengewachsen, und manche Spieler haben schon in Salzburg zusammengespielt. Das ist eine gute, junge Mannschaft mit einem guten Konzept, die einen erfrischenden Fußball spielt. Das ist belebend für die Bundesliga. Dass RB jetzt Erster ist, damit konnte keiner rechnen, auch ich nicht. Aber mir war klar, dass man unter den ersten sechs, sieben mitspielen würde. Natürlich ist aber auch zu berücksichtigen, dass die großen Clubs, wie Leverkusen, Schalke oder Gladbach, momentan nicht dort sind, wo sie eigentlich stehen möchten. Diese Vereine werden aber noch kommen, und die Dichte wird zunehmen. 

bundesliga.de: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Sie arbeiten zusammen mit Ihrem Bruder Robert, der Ihr Co-Trainer ist. Was bedeutet Ihnen das?

Kovac: Das ist wunderschön. Wenn ich jemandem vertraue, dann meinem Bruder. Wir sind ja schon ein Leben lang zusammen. (lacht) Robert und ich haben in München, Leverkusen und in der Nationalmannschaft zusammengespielt. Er hat eine enorme Fachkompetenz, und nun haben wir die Möglichkeit, bei der Eintracht gemeinsam etwas zu entwickeln. Ich möchte unbedingt auch Armin Reutershahn nennen, der Co-Trainer war, als ich in Hamburg gespielt habe. Mir ist sehr wichtig, dass ich an meiner Seite loyale, fachkompetente Menschen weiß. Selbstverständlich sind wir nicht immer einer Meinung und diskutieren auch mal kontrovers. Wenn mir aber einer die Stange hält, dann ist das mein Bruder.

Das Gespräch führte Andreas Kötter