Köln - Der Klassiker FC Bayern gegen Borussia Dortmund zieht natürlich auch Ottmar Hitzfeld in seinen Bann. Der Erfolgstrainer, der mit beiden Clubs Deutscher Meister und Champions-League-Sieger wurde, spricht im Interview mit bundesliga.de über Gründe für den Dortmunder Saisonverlauf und seine Erwartungen für den Klassiker.

bundesliga.de: Herr Hitzfeld, der Blick auf die Tabelle lässt dieses Mal nicht unbedingt einen Klassiker auf Augenhöhe vermuten. Das ist schon ungewohnt, oder?

Ottmar Hitzfeld: Auf jeden Fall ist das eine ungewohnte Situation für den BVB. Die Dortmunder sind als ärgster Konkurrent im Kampf um die Meisterschaft gegen den FC Bayern angetreten und stecken nun in einer Krise.

bundesliga.de: Können Sie diese sportliche Talfahrt erklären?

Hitzfeld: Auch wenn der Abgang von Robert Lewandowski ein herber Verlust für die Borussia war, so war dieser Saisonstart nicht zu erwarten. Natürlich war die Verletztenliste lang, neue Spieler mussten integriert werden und die WM-Teilnehmer liefen oder laufen teilweise noch ihrer Form hinterher - aber das ist beim FC Bayern ähnlich. Ich vermute eher, dass Dortmund das Verlieren nicht mehr gewohnt war. So eine Niederlagenserie gab es ja zuletzt im Jahr 2000.

bundesliga.de: Aber in der Champions League läuft es optimal. Drei Spiele, drei Siege, kein Gegentor. Die Wende schaffte der BVB in der Bundesliga aber trotzdem nicht. Woran liegt das?

Hitzfeld: Das gab es schon häufiger, dass es in den Wettbewerben unterschiedlich läuft. Daran sieht man ja auch, dass es ein mentales Problem ist. Denn die Dortmunder waren, vor allem in den Heimspielen, fast immer die bessere Mannschaft. Nur haben sie das Toreschießen dabei vergessen. Mit jeder Niederlage verlieren die Spieler auch Selbstvertrauen. Und dann läuft man schnell mal in einen Konter und das Dilemma ist groß.

bundesliga.de: Können die Dortmunder in München nun frei aufspielen, weil sie dort nichts zu verlieren haben?

Hitzfeld: Nichts zu verlieren ist nicht ganz richtig. Denn immerhin stehen drei Punkte auf dem Spiel, die der BVB in der jetzigen Situation dringend benötigt. Aber sicherlich ist der psychologische Druck für die BVB-Profis nicht so hoch, denn keiner erwartet einen Sieg beim FC Bayern.

bundesliga.de: Und die Bayern? Haben sie nach dem Remis in Mönchengladbach etwas gutzumachen?

Hitzfeld: Die Bayern konnten mit dem Punkt beim direkten Konkurrenten ganz gut leben. Mir kam es aber so vor, als hätte den Spielern ein wenig die nötige Konzentration vor dem Tor gefehlt, im Wissen, dass aufgrund des spielerischen Übergewichts die nächsten Chancen ja eh wiederkommen.

bundesliga.de: Wird das gegen Dortmund ähnlich sein?

Hitzfeld: Der BVB wird nicht so defensiv stehen wie Mönchengladbach es getan hat. Dadurch werden sich für die Münchner mehr Räume und dadurch automatisch auch mehr Chancen ergeben. Aber Dortmund hat zuletzt in der Champions League auch aus einer kompakten Abwehr heraus agiert und auf Konter gesetzt. Das könnte dieses Mal vielleicht auch ein Schlüssel zum Erfolg sein.

bundesliga.de: Was würde eine Pleite für die Bayern bedeuten?

Hitzfeld: Für den FC Bayern wäre eine erneute Niederlage gegen Dortmund sicherlich ein kleiner Schock. Gerade vor heimischem Publikum. Für den BVB kommt es darauf an, dass die Defensive wieder gefestigt steht. Die Dortmunder werden sehr wohl unter Druck geraten, das ist Gladbach ja auch passiert, aber auch dann muss man die Stabilität beibehalten.

bundesliga.de: Bei den Münchner kehren die verletzten Spieler so langsam zurück. Könnte das in diesem großen Luxus-Kader zu einem Problem werden?

Hitzfeld: Bis jetzt hat Guardiola das ganz gut im Griff. Unruhe ist noch nicht aufgekommen. Aber das hängt auch mit dem Erfolg zusammen. Durch die Rotation schafft Guardiola es aber auch, die Qualität zu verbessern. Denn diese Konkurrenzsituation motiviert die Spieler und treibt sie an.

bundesliga.de: Ist so die Leistungsexplosion eines Mario Götze zu erklären?

Hitzfeld: Für Mario Götze gab es bei seinem Wechsel an die Isar viele neue Variablen, mit denen er umgehen musste. Ein neuer Trainer, ein neues Umfeld, ein neues Spielsystem und vor allem eben ein größerer Konkurrenzkampf. Aber er ist gestärkt aus der Weltmeisterschaft hervorgegangen und das zeigt er nun auf dem Rasen.

bundesliga.de: Und wie lautet Ihr Tipp für die Partie am Samstag?

Hitzfeld: Ich kann mir ein Unentschieden sehr gut vorstellen.

bundesliga.de: Wäre das dann auch die Wende zum Guten beim BVB?

Hitzfeld: Ich bin nach wie vor optimistisch, dass Dortmund einen Champions-League-Platz erreichen kann. Denn noch ist die Borussia in den Niederlagen ja nicht die schwächere Mannschaft gewesen. Zum Glück. Denn wenn, dann wäre mir wirklich bange.

Das Gespräch führte Michael Reis