Dortmund - Im zweiten Teil des großen Exklusiv-Interviews mit bundesliga.de spricht BVB-Sportdirektor Michael Zorc über Chancen und Perspektiven der eigenen Talente, den Versuch, die große finanzielle Lücke zu den europäischen Top-Clubs zu verkleinern und den Traum der Fans, Shinji Kagawa wieder in Schwarz-Gelb zu sehen.

bundesliga.de: Michael Zorc, der BVB geht mit einem auch qualitativ breiten Kader in die neue Saison. Was bedeutet das mit Blick auf den Nachwuchs? Macht es die Konkurrenz für Talente schwieriger, einen Weg in den Profikader zu finden? Oder ist es in diesem Umfeld sogar leichter, sich weiter zu entwickeln?

Michael Zorc: Beides ist richtig. Wir waren in den letzten zwei Jahren jeweils unter den besten acht Mannschaften Europas. Natürlich ist es dann grundsätzlich nicht einfacher für Nachwuchsspieler, in die Mannschaft zu kommen. Aber manchmal fällt es auch leichter, in ein funktionierendes Gebilde herein zu riechen, Erfahrung zu sammeln und sich Stück für Stück zu entwickeln, wenn man geduldig bleibt. Man darf nur nicht meinen, mit 18 oder 19 Jahren müsse man jedes zweite Spiel machen. Dann kann ein starker Kader auch für Talente ein Vorteil sein.

"Es sieht für die nächsten Jahre vielversprechend aus"

bundesliga.de: Wie sieht es im Jugendbereich der Borussia aus? Haben Sie schon ein Top-Talent auf dem Zettel?

Zorc: Unsere U17 ist gerade Deutscher Meister und Pokalsieger geworden. Das ist überwiegend der Jahrgang 1998 und da sind ein paar sehr gute Talente bei. Aber es wäre zu früh, jetzt schon zu sagen, dass sie ganz oben anklopfen können. Aber es sieht für die nächsten Jahre viel versprechend aus.

bundesliga.de: Als Sprungbrett zu den Profis gilt der U23-Kader, aus dessen Reihen einige Spieler gerade das Trainingslager mit den Profis absolvieren durften.

Zorc: Es gibt dort den einen oder anderen, der eine gute Perspektive mitbringt. Aber ich werde keine Namen nennen. So etwas entwickelt manchmal eine ganz eigene Dynamik, die der Leistung des Spielers nicht unbedingt zuträglich ist. Wir suchen jedenfalls ganz bewusst die 3. Liga als Plattform, damit sich unsere Top-Talente weiter entwickeln können, auch wenn sie nicht sofort regelmäßig bei den Profis zum Einsatz kommen. Manche Clubs denken über die 3. Liga anders, aber wir halten sie für eine sehr gute Geschichte.

bundesliga.de: Apropos U23: Es gibt auch wieder einen Japaner bei der Borussia.

Zorc: Mitsuru Maruoka ist ein guter Junge. Er ist erst 18 Jahre alt, sogar noch Jugendspieler. Wir haben ihn bis 2015 ausgeliehen mit der Option, ihn dann komplett verpflichten zu können. Er macht bislang einen sehr guten Eindruck. Wir werden sehr genau verfolgen, wie er sich entwickelt. Im Trainingslager hat er bei den Profis auf sich aufmerksam machen können und auch in der U23 hat er zu Saisonbeginn schon überzeugt.

bundesliga.de: Die Fans träumen noch von der Rückkehr eines anderen Japaners…

Zorc: Shinji Kagawa ist Spieler von Manchester United. Wir sagen nichts dazu, der Spieler sagt nichts dazu. Aber es ist ständig ein Thema. Das ist schon eine besondere Entwicklung der modernen Medien.

"Wir sehen uns mit diesem Team gut aufgestellt"

bundesliga.de: Wäre ganz allgemein gefragt im Kader des BVB überhaupt noch Platz für einen weiteren, hochkarätigen Spieler?

Zorc: Insgesamt sehen wir uns mit diesem Team gut aufgestellt. Bei aller Größe und Breite des Kaders muss jeder Spieler auch eine vernünftige Perspektive haben und realistische Einsatzmöglichkeiten. Sonst kann sich der Vorteil eines großen Kaders auch ins Gegenteil verkehren.

bundesliga.de: Mit dem Einstieg von Evonik als strategischem Partner bieten sich dem BVB zumindest mittelfristig neue finanzielle Möglichkeiten. Wie wichtig ist dieser Schritt im Bezug auf die internationale Rolle der Borussia gewesen?

Zorc: Mit Vereinen wie Real Madrid oder Manchester United und dem, was diese Clubs investieren, werden wir uns finanziell trotzdem nicht messen können. Da werden Umsätze über 500 Millionen Euro getätigt - da werden wir nicht heranreichen. Aber es verbessert unsere Rahmenbedingungen und hilft, uns sowohl national vorne zu etablieren als auch international. Es hilft, die zurzeit große Lücke ein wenig zu verkleinern.

bundesliga.de: Andere Clubs wissen auch, dass der BVB inzwischen bessere finanzielle Möglichkeiten hat. Merken Sie das als Sportdirektor bei Verhandlungen eigentlich sehr deutlich?

Zorc: Natürlich gibt es jetzt für uns eine andere Preisliste als zum Beispiel vor fünf Jahren. Einen Robert Lewandowski würden wir jetzt sicher nicht noch einmal für knapp fünf Millionen Euro von Lech Posen kaufen können. Die Dinge haben sich bei uns in eine andere Größenordnung entwickelt, die natürlich auch andere Clubs wahrnehmen. Entsprechend haben sich die Preise für uns eher nach oben bewegt, das kann man nicht leugnen. Trotzdem: Am Ende liegt es immer ans uns, wie wir den Spieler bewerten und was wir bereit sind, für ihn zu bezahlen.

bundesliga.de: Was bereitet Ihnen persönlich mehr Spaß: Ein "Schnäppchen" aufzuspüren wie einst Shinji Kagawa oder jetzt auch mal in anderen Regalen zu scouten und mehr Geld ausgeben zu können?

Zorc: Ganz ehrlich: Am meisten macht es mir Spaß, wenn wir es schaffen, einen jungen Spieler aus unserer eigenen Jugend von der Pike auf so durchzubringen, dass er am Ende nicht nur das Zeug für einen Zweit- oder Drittligisten hat, sondern in der Bundesliga vor über 80.000 Zuschauern für Borussia Dortmund im Signal Iduna Park aufläuft. Das ist ein tolles Gefühl!

Das Gespräch führte Dietmar Nolte

Teil 1 des Exklusiv-Interviews mit Michael Zorc