Wolfsburg - Mit sieben Spielern stellte der VfL Wolfsburg eines der größten WM-Kontingente aller Bundesligisten. Im ersten Teil des großen Interviews mit bundesliga.de spricht Sportdirektor Klaus Allofs über die Leistungen der Wölfe in Brasilien, die vorbildliche Jugendarbeit in Deutschland und den Schulterschluss zwischen Liga und Nationalmannschaft.

bundesliga.de: Herr Allofs, am Dienstag wurde die nun beendete WM in Berlin noch einmal ausgiebig gefeiert (WM-Party in Berlin). Was bleibt für Sie?

Klaus Allofs: Eine Europameisterschaft und viel stärker noch eine Weltmeisterschaft sind Fundamente im Fußball, die eine starke Signalwirkung haben. Und man kann bereits jetzt sagen, dass diese WM und dieses deutsche Team eine wichtige Botschaft ausgesendet haben. Die Mannschaft hat gezeigt, was möglich ist, wenn alle äußerste Leistungsbereitschaft mitbringen. Wie stark und dauerhaft ein solches Fundament letztlich ist, muss sich nun zeigen. Die Auswirkungen dieser WM werden wir aber erst dann sehen, wenn die Generation der Kinder und Jugendlichen, die bei dieser WM zugeschaut haben, in zehn, fünfzehn Jahren die nächste sein könnte, um einen solchen Triumph zu feiern.

bundesliga.de: Hat Sie die aktuelle Generation der Kids von vor zehn, fünfzehn Jahren überrascht oder haben Sie der Löw-Elf diesen Triumph stets zugetraut?

Allofs: Nein, überrascht hat mich das nicht. Ich habe in den Wochen vor der WM gesagt, dass ich diesem Team den Titel zutraue. Man spricht bei der deutschen Nationalmannschaft oft von einer Turniermannschaft, die in der Lage ist, sich im Verlauf eines Turniers stetig zu steigern. Zudem ist die aktuelle Mannschaft offensichtlich über die Wochen immer mehr zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen. Und - nicht zu vergessen - wir verfügen über sehr viele sehr gute Fußballer.

bundesliga.de: "Sehr viele sehr gute Fußballer": Liegen die Ursachen für Deutschlands Triumph auf der einen und für Brasiliens Scheitern auf der anderen Seite gerade auch in der jeweiligen Jugendarbeit?

Allofs: Ich kenne die brasilianische Nachwuchsarbeit nicht gut genug. Wenn ich dennoch eine Ferndiagnose stellen müsste, scheint es durchaus so, dass man sich in Brasilien ausschließlich auf das scheinbar unerschöpfliche Reservoir an Talenten verlässt. Bei uns dagegen hat man vor mittlerweile beinahe 15 Jahren entschieden, dass Nachwuchsförderung ohne System ins Leere zu laufen droht und entsprechend gehandelt. So war etwa der enge Schulterschluss zwischen Nationalmannschaft und Profi-Liga eine richtige Entscheidung. Talente sind in jedem Land vorhanden, ganz unabhängig von der Größe des Landes, siehe etwa Belgien. Aber Deutschland macht zurzeit aus seinen Talenten mehr als alle anderen (Infografik "Fußabdruck der Bundesliga").

bundesliga.de: "Belgien und seine Talente", das scheint ein gutes Stichwort dafür, dass der Sportdirektor des VfL Wolfsburg während einer WM kaum Zeit zum entspannten Fußball schauen gehabt haben dürfte?

Allofs: Keine Frage, die Arbeit geht weiter, auch wenn in der Liga der Ball ruht. Man kann das Geschäft nun einmal nicht für ein paar Wochen ausblenden. Wir haben einen 24-Stunden- und 365-Tage-Job. Aber ich würde das niemals beklagen, weil mir diese Arbeit sehr viel Freude bereitet.

bundesliga.de: Reichen bei einer WM 24 Stunden überhaupt aus?

Allofs: Einerseits liegt der Fokus dann vor allem auf der Nationalmannschaft, sodass die Vereinsmannschaften ein wenig in den Hintergrund rücken. Andererseits war der VfL aber mit sieben Spielern bei der WM vertreten...

bundesliga.de: ...mit Luiz Gustavo, Ivica Olic, Ivan Perisic, Vieirinha, Ricardo Rodriguez, Diego Benaglio und Kevin de Bruyne...

Allofs: ...deren Auftritte wir selbstverständlich intensiv verfolgt haben. Allerdings stufe ich das nur sehr bedingt als Arbeit ein. Letztlich kann ich nur jedem wünschen, dass sein Hobby zum Beruf wird. Das ist ein ganz besonderes Privileg.

bundesliga.de: Haben Sie um die Gesundheit dieser sieben für den VfL sehr wichtigen Profis gezittert?

Allofs: Nicht in dem Sinne, dass man am Bildschirm Angst hätte vor jedem Zweikampf, der zu bestreiten ist. Dann müsste man sich bei jeder Trainingseinheit Sorgen machen. Gezittert hat man eher mit den Teams der Spieler und darum, dass sie die Leistungen aus dem Klub auch bei der WM umsetzen und sich so als gute Botschafter für den VfL und die Bundesliga erweisen.

bundesliga.de: Waren sie gute Botschafter?

Allofs: Auch wenn keiner der sieben bis ins Endspiel gekommen ist - wir waren sehr zufrieden! Mit Ivan Perisic und Ivica Olic haben wir zwei Leistungsträger der kroatischen Mannschaft gestellt, bei der Schweiz haben Ricardo Rodriguez und Diego Benaglio sehr gute Kritiken bekommen. Kevin De Bruyne hat dort angeknüpft, wo er in der Bundesliga aufgehört hat. Und Luiz Gustavo, wenn auch ohne Happy End, war neben Neymar der brasilianische Spieler, der in den ersten Spielen der Selecao besonders herausgehoben wurde. Lediglich bei Vieirinha würde ich vielleicht eine Einschränkung machen. Die Portugiesen haben sicherlich enttäuscht und Vieirinha konnte wegen seiner Kreuzbandverletzung erst in letzter Sekunde auf den eigentlich längst fest gebuchten WM-Zug aufspringen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter

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