Dortmund - Als Michael Zorc mit verkniffenem Gesicht aus der Kabine kam, bedurfte es keiner besonderen Gabe, um auf den ersten Blick zu sehen, dass es dem Sportdirektor von Borussia Dortmund die Laune gründlich verhagelt hatte. Nach 41 Spielen die erste Heimniederlage, dazu die erste in dieser Saison für den Tabellenführer, und das ausgerechnet im Prestigeduell mit dem Vizemeister aus Leipzig – Zorc war schlicht bedient.

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Nach der 2:3-Niederlage gegen RB Leipzig konnte und wollte auf Seiten der Dortmunder niemand verhehlen, wie groß die Enttäuschung war. "Das war nicht unser Tag", brachte es Michael Zorc treffend auf den Punkt. Und das betraf nicht nur das Ergebnis, sondern auch den gesamten Auftritt. „"Wir haben nicht gut gespielt, es war insgesamt nicht so strukturiert, wie wir es sonst auf den Platz bekommen.“" Auch Peter Bosz war vor allem die Leistung aufs Gemüt geschlagen: "Wir haben einfach keinen guten Fußball gezeigt, vor allem in der ersten Halbzeit."

"Nicht unsere Art von Fußball"

Allgemeines Lob für ein intensives und offensives Spektakel im Spitzenspiel der Bundesliga interessierte Trainer und Sportdirektor gleichermaßen nicht wirklich. Beide waren enttäuscht, dass es die in dieser Saison bislang so dominant auftretende Borussia dieses Mal nicht vermocht hatte, sich spielerisch durchzusetzen. "Wir haben es selten geschafft, von der letzten Linie ins Mittelfeld zu spielen. Wir waren zu langsam und zu behäbig im Spielaufbau", fasste Zorc seine Mängelliste zusammen, die sich mit der von Peter Bosz deckte. "Wir haben zu viel zurück auf den Torwart gespielt, anstatt nach vorne zu agieren. Das ist nicht unsere Art von Fußball", monierte der Trainer.

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Natürlich tat sich der BVB auch ungewohnt schwer, weil Leipzig vor allem in den ersten 45 Minuten enorm hoch presste und früh attackierte. "Um die Wahrheit zu sagen: Leipzig hat eine tolle Mannschaft", sparte Doppel-Torschütze Pierre-Emerick Aubameyang nicht mit Komplimenten für den Gegner.

Vier Außenverteidiger verletzt

Grundsätzlich aber haben die Dortmunder das Hauptproblem nicht – wie etwa in der Champions League gegen Real Madrid und Tottenham Hotspur – an einem starken Gegner ausgemacht, der das Prinzip des offensiven und risikofreudigen Bosz-Systems in Frage stellt. "Wir selbst waren einfach nicht schnell und nicht mutig genug, das war unser Problem. Und wir haben uns in den Zweikämpfen zu oft abkochen lassen", kritisierte Zorc vielmehr.

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Gerade das Defensivverhalten passte dieses Mal auch individuell nicht. Über "viel zu einfache Gegentore" ärgerte sich Gonzalo Castro: "Das darf uns in so einem Spiel nicht passieren." Beim ersten Gegentor war Roman Bürki nicht auf dem Posten, beim zweiten Leipziger Treffer sah neben Bürki und Sokratis vor allem Jeremy Toljan ganz schlecht aus und ließ sich wie ein Anfänger düpieren. Womit ein Problem benannt ist, das auch Michael Zorc nach der Partie ganz offen ansprach: Dem BVB fehlt es zurzeit an erstklassigen Außenverteidigern. Mit Marcel Schmelzer, Raphael Guerreiro, Lukas Piszczek und Erik Durm fallen gleich vier von fünf Spielern verletzt aus, die auf der Außenbahn defensiv zu Hause sind. "Da haben wir einen absoluten Engpass, und der wird uns auch noch eine Zeit begleiten", stellte Zorc ernüchtert fest.

Moral und Chancen machen Mut

Es spricht trotzdem für das Selbstvertrauen der Mannschaft, dass sie sich mit der Enttäuschung aus dem Leipzig-Spiel nicht lange aufhalten will. "Wir müssen diese Partie so schnell wie möglich abhaken. Es ist nun mal passiert, aber deshalb müssen wir jetzt umso schneller nach vorne schauen", empfahl Gonzalo Castro. Schon am Dienstag ist der BVB wieder auf internationalem Parkett gefordert. Bei Apoel Nikosia auf Zypern gilt es, in der Champions League endlich die ersten Punkte einzufahren. Darum "dürfen wir den Kopf jetzt nicht in den Sand stecken", wie Julian Weigl meinte.

Der Nationalspieler war es dann auch, der mit Recht auch auf die positiven Aspekte des Leipzig-Spiels verwies. Trotz des Rückstandes hatte die Borussia Moral bewiesen und bis zum Ende zumindest für einen Punkt noch beste Chancen auf dem Fuß. "Wir haben nach der Pause nochmal alles gegeben und Kampfgeist gezeigt", merkte Weigl treffend an. Zwar ließ auch die Chancenverwertung von Aubameyang, Yarmolenko und Co. Luft nach oben. Doch generell stellte die schwarz-gelbe Offensivabteilung schon unter Beweis, dass sie ihr Handwerk nicht verlernt hat. "Wenn wir es geschafft haben, strukturiert nach vorne zu spielen, dann wurde es auch direkt brandgefährlich", durfte nach diesem gebrauchten Tag auch Michael Zorc versöhnlich festhalten.

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte