Köln - Geboren und ausgebildet in der DDR, dann ein Star in der Bundesliga. Der zweifache Deutsche Meister und Europameister Steffen Freund spricht im ersten Teil des Interviews mit bundesliga.de über den Mauerfall und die Eingliederung der Ost-Clubs in die Bundesliga.

bundesliga.de: Herr Freund, am 9. November jährt sich zum 25. Mal der Mauerfall. Was bedeutet dieses Datum für Sie?

Steffen Freund: Der Mauerfall wird immer ein ganz besonderes Datum bleiben, hat er doch mein ganzes Leben über Nacht komplett verändert. Aber natürlich nicht nur meins, sondern das aller anderen DDR-Bürger auch.

bundesliga.de: Wie haben Sie diesen historischen Tag erlebt?

Freund: Eigentlich sind wir ja alle davon ausgegangen, dass die Mauer sich sowieso nicht öffnen wird. Und dann plötzlich passiert es doch. Auf der einen Seite war es wie ein Schock, auf der anderen Seite war ich einfach nur glücklich. Der nächste Schritt war dann natürlich, dass man schnell nach West-Berlin rüber fuhr. Da ich bereits in den U-Auswahlen der DDR-Nationalmannschaft gespielt habe und somit schon die Möglichkeit hatte, durch Westeuropa zu reisen, bin ich erst nach drei oder vier Tagen mal rüber gefahren.

"Für die Stasi zu spitzeln, habe ich strikt abgelehnt"

bundesliga.de: Wie ordnen Sie den Mauerfall ein?

Freund: Ich glaube, dass es nicht viel Vergleichbares in der deutschen Geschichte gibt. Insgesamt war die Einheit natürlich ein sehr tiefer, positiver Einschnitt in die Lebensläufe der damaligen DDR-Bürger.

bundesliga.de: Uwe Rösler berichtete, dass er direkt von der Staatsicherheit angesprochen wurde, um Mitspieler auszuhorchen. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Freund: Bei mir war es exakt dasselbe. Und es lief genauso ab, wie man sich das vorstellt. Mit grellem Licht ins Gesicht wurde ich gefragt, ob ich Mannschaftskollegen aushorchen könne. Ich war zu dem Zeitpunkt 17 Jahre alt, und das war eine extreme Drucksituation für mich. Aber ich habe das ausgehalten und strikt abgelehnt. Denn das widersprach meinem Verständnis von Teamgeist zutiefst. Dennoch muss man ganz klar festhalten: Die Stasi war allgegenwärtig in der DDR. Wir hatten großen Respekt, wenn nicht sogar auch ein Stück weit Angst vor diesen Leuten. Ich hatte zum Glück ein sauberes Umfeld, konnte mich vor solchen Angriffen schützen und war auch nicht erpressbar.

bundesliga.de: Kommen wir zum Sportlichen. Sie selbst sind beim BSG Stahl Brandenburg fußballerisch groß geworden. Nach dem Mauerfall haben viele DDR-Stars sofort den Weg in die Bundesliga angetreten. Sie sind zunächst noch geblieben. Warum?

Freund: Richtig. Ich habe die Saison noch zu Ende gespielt und dann sogar noch ein weiteres Jahr drangehängt. Aus einem einfachen Grund: In der Saison 1990/91 wurde die Eingliederung der Ost-Clubs in den gesamtdeutschen Profifußball vollzogen. Da die DDR-Nationalmannschaft aufgelöst wurde, war klar, dass etwas mit den Vereinen passieren musste. So wurden in der letzten Saison die Plätze für die Bundesliga und 2. Bundesliga ausgespielt. Für mich war klar, dass ich bleibe und für den BSG Stahl nochmal alles raushole.

"1990/91 war das beste Jahr für den DDR-Fußball"

bundesliga.de: Wie bewerten Sie diese Eingliederung?

Freund: Das war kein schlechter Übergang für die ostdeutschen Mannschaften. Wenn man mal überlegt, dass heutzutage kein Verein mehr aus Ostdeutschland in der Bundesliga spielt, war das eigentlich das beste Jahr für den DDR-Fußball. Da wollte ich natürlich mit Stahl Brandenburg noch einiges erreichen. Denn so schlecht ging es uns sportlich damals auch nicht. Die Verträge wurden nach oben dotiert, so dass man im letzten Jahr der DDR-Oberliga auch schon gutes Geld verdienen konnte.

bundesliga.de: Wie war die Stimmung in der Mannschaft, was die letzte Saison angeht?

Freund: Einerseits gab es so etwas wie eine Aufbruchsstimmung zu spüren. Ich war ein junger Spieler und stand am Anfang meiner Karriere, hatte also noch gute 10 bis 15 Jahre als Profi vor mir.  Andererseits war es eine extrem aufregende Zeit für die erfahrenen Spieler. Sie bekamen schlagartig die Chance, vielleicht nochmal den Sprung in die Bundesliga zu schaffen. Denn wir hatten bis kurz vor Saisonschluss immer gute Chancen auf Platz 2. Wir sind dann aber leider nochmal abgerutscht und aus den Top-5 herausgefallen, mussten am Ende die Relegation um die 2. Bundesliga spielen und haben dort die Gruppe mit dem 1. FC Magdeburg, BFC Dynamo und Union Berlin gewonnen. Unterm Strich war das also eine ganz tolle letzte Saison.

bundesliga.de: Sie sind 1991 in die Bundesliga gewechselt, wurden beim FC Schalke 04 unter Vertrag genommen. Wie groß war der Reiz in den Westen zu wechseln? Musste man womöglich diesen Weg zwangsläufig gehen, um im Profifußball Fuß zu fassen?

Freund: Der Reiz war natürlich riesengroß. Die Möglichkeit in der Bundesliga zu spielen war ein großer Traum, der jetzt plötzlich in Erfüllung gehen konnte. Denn zwei Jahre vor dem 9. November war solch ein Schritt völlig undenkbar. Jetzt war die Chance da und gerade als junger ambitionierter Spieler, wie ich es damals war, musste man diese Möglichkeit natürlich sofort nutzen.

"Schalke war eine ganz andere Hausnummer"

bundesliga.de: War Schalke 04 eigentlich damals die einzige Option?

Freund: Ich hätte damals auch zu Hansa Rostock oder Dynamo Dresden wechseln können, also den beiden Ostvereinen, die den Sprung in die Bundesliga geschafft haben. Ich war eigentlich auch mit Dresden kurz vorm Abschluss. Schalke kam jedoch noch im letzten Moment und hat ein besseres Angebot gemacht.

bundesliga.de: Was hat dann den Ausschlag gegeben?

Freund: Dynamo Dresden war eigentlich immer mein Lieblingsverein, und ich wäre auch gerne dorthin gewechselt. Doch Schalke war nochmal eine ganz andere Hausnummer. Ein Club, der damals wie heute in Gesamtdeutschland eine unglaubliche Strahlkraft besaß. Natürlich hat das Finanzielle auch mit reingespielt. So habe ich den Weg gewagt, mit dem Wissen, dass es nicht einfach wird. Denn ich hatte nicht die Sicherheit, dort Stammspieler zu werden. Im Osten war ich als U-Nationalspieler eigentlich automatisch gesetzt. Im Westen musste ich mir als junger ostdeutscher Spieler erst einmal meine Lorbeeren verdienen. Der Schritt war im Nachhinein jedoch absolut richtig.

bundesliga.de: Gab es zu Ihrer Zeit Mitspieler, die den Weg in den Westen nicht gegangen sind.

Freund: Bei Stahl Brandenburg war ich der einzige Spieler, der solch ein großes Angebot vorliegen hatte. Dazu muss man sagen, dass das Team die Relegation zur 2. Bundesliga geschafft hatte und der Kader damit weitestgehend stabil blieb. Es hätte natürlich gut sein können, dass der Verein ausgeblutet wäre, wenn man diese Qualifikation nicht geschafft hätte.

Hier lesen Sie den 2. Teil des Interviews