Köln - Geboren und ausgebildet in der DDR, dann ein Star in der Bundesliga. Der zweifache Deutsche Meister und Europameister Steffen Freund spricht im zweiten Teil des Interviews mit bundesliga.de über seinen Wechsel in die Bundesliga und einen kommenden Bundesliga-Club aus dem Osten.

bundesliga.de: Wie kam der Kontakt zu Schalke damals zustande. Hatten Sie schon einen Berater?

Freund: Das ging alles relativ schnell. Nach der Wende hatte sich der Markt blitzartig geöffnet. Mein damaliger Berater war Jörg Neubauer, heute einer der größten Spielerberater Deutschlands. Er ist damals von Verein zu Verein gefahren und hat die Spieler angesprochen, eben auch mich.

bundesliga.de: Wie groß war für Sie nach dem Wechsel der Einschnitt, sowohl sportlich als auch privat?

Freund: Das Schalke-Angebot war natürlich ein Traum. Der FC Schalke 04 war und ist eine Religion. Und wenn man die Chance bekommt, dort zu spielen, dann muss man das tun. Das war ein riesiger Einschnitt, denn im Endeffekt wechselte man dann wirklich in den „Westen“. 

"An den Unterschied zwischen Brutto und Netto musste ich mich erst gewöhnen"

bundesliga.de: Wie war das im Alltag? Hatten Sie Startschwierigkeiten?

Freund: Ja, die gab es. Zum Beispiel musste ich mich erst einmal an den Unterschied zwischen Brutto und Netto gewöhnen. Denn alles, was man in der DDR im Vertrag ausgehandelt hatte, waren Nettobeträge, Brutto gab es schlichtweg nicht. Als ich meinen ersten Kontoauszug sah, war ich total schockiert. Denn die Hälfte des Geldes war auf einmal weg. Auch einige versicherungstechnische Dinge waren zum Teil nicht einfach zu händeln.

bundesliga.de: Gab es auch positive Dinge?

Freund: Ja natürlich. Und die haben die Startschwierigkeiten auch mehr als wett gemacht. Mit meiner damals hochschwangeren Frau wohnte ich in der großen Wohnung in Gelsenkirchen-Buer. Man konnte ins Geschäft gehen und kaufen was man brauchte. Man konnte reisen, wann und wohin man wollte. So etwas kannten wir bis dato gar nicht. Das war schon Wahnsinn. Und man konnte sich sogar einen Mercedes bestellen und bekam ihn dann auch geliefert.

bundesliga.de: Wie sind Sie von den Mannschaftskollegen aufgenommen worden? Gab es in der Kabine Vorbehalte gegen Sie?

Freund: Na klar. Zum Glück war ich nicht alleine in der Mannschaft. Mit Hennig Bürger vom FC Carl Zeiss Jena und Hendrik Herzog vom BFC Dynamo waren noch zwei „Ossies“ da. So konnte man sich untereinander austauschen. Denn die „Wessies“ haben sich wirklich etwas abwartend verhalten, was die Ostdeutschen betrifft.

"Die Integration ins Team ging ausschließlich über Leistung"

bundesliga.de: Wie haben Sie sich ins Team integriert? Wie lange hat das gedauert?

Freund: Das ging ausschließlich über Leistung. Jeder, der mich damals wie heute kennt, weiß, dass ich die Eigenschaft habe, bis an die Schmerzgrenze zu gehen und darüber hinaus. Es hat dann exakt drei Wochen gedauert, bis die Teamkollegen gemerkt haben, dass da einer ist, den sie lieber in ihrer Mannschaft haben als beim Gegner. Mein Trainer Aleksandar Ristic hat mich auch sehr schnell herangeführt.

bundesliga.de: Wie haben Sie letztlich den Sprung zum Bundesliga-Profi geschafft?

Freund: In dem Geschäft muss man natürlich auf alles vorbereitet sein. Ich hatte zwar noch keine große Erfahrung aufzuweisen, doch ich war physisch und psychisch stark. Ich wollte unbedingt Bundesliga-Spieler werden und habe es auch geschafft. Die fußballerischen Voraussetzungen wurden jedoch schon bei Stahl Brandenburg gelegt. Das war eine sehr gute Schule für mich. Die Zeit war sehr hart, denn ich habe über anderthalb Jahre gebraucht, um dort überhaupt mal einen Einsatz zu bekommen. Daran bin ich gewachsen.

bundesliga.de: Die Ost-Clubs haben nach der Wende zu kämpfen gehabt. Wie bewerten Sie heute die Liga?

Freund: Die Ost-West-Grenze gibt es sportlich gesehen sicher immer noch. Städte wie Leipzig, Dresden und Berlin haben das Potenzial, einen Bundesligisten zu haben. Dennoch ist es in Ostdeutschland natürlich schwierig, die Kräfte aufgrund fehlender Sponsoren zu bündeln. Die Altlasten in den Ostvereinen sind nach wie vor noch vorhanden. Es fehlt an Qualität in Führungspositionen, somit bleibt es für die ostdeutschen Clubs natürlich schwierig, in die Bundesliga zurückzukehren.

"Mit RB Leipzig wird wieder ein Ost-Club in der Bundesliga spielen"

bundesliga.de: Ein Club könnte es in naher Zukunft wieder schaffen...

Freund: Der Tag wird kommen und der ist auch schon abzusehen. Mit RB Leipzig wird wieder ein Ostclub in der Bundesliga spielen. Ich stelle mich gerne gegen alle diese Leute, die Probleme mit dem Konstrukt haben. Ich sehe das genau anders herum. Einen Sponsor zu finden, der die Stadt und den Club in die Bundesliga führt, ist extrem wichtig. Er schafft Arbeitsplätze und macht die Menschen glücklich. Beim letzten Spiel waren 25.000 Menschen im Stadion. In der Bundesliga ist die Bude dann voll. Das ist der richtige Weg.

Das Interview führte Yannik Schmidt

Hier lesen Sie Teil 1 des Interviews