
Dortmunds Derbyheld: Jadon Sancho zwischen Trauer und Triumph
Gelsenkirchen - Als er den Ball mit einem schönen Schlenzer eiskalt im Schalker Tor versenkt hatte, streckte Jadon Sancho seine Arme zum Himmel und sah empor, schloss dann die Augen, sank zu Boden und vergrub das freudlose Gesicht in seinen Händen. Mit seinem Siegtreffer im Derby hat der 18-Jährige mit Borussia Dortmund Geschichte geschrieben, doch im Moment des Triumphs war der Youngster in Gedanken ganz still – und ganz weit weg.
In dieser Woche war Sanchos Großmutter gestorben. Ein schwerer familiärer Schlag für den jungen Spieler, der am Donnerstag zu seiner Familie nach London geeilt war und dem BVB im Training fehlte. Nur zwei Tage später stand der Youngster nicht nur wieder auf dem Platz, sondern schoss die Borussia zum ersten Derbysieg beim FC Schalke 04 seit über fünf Jahren. In der 74. Minute hatte Jadon Sancho dieses Mal über die ungewohnte linke Seite das Tempo angezogen, mit einem feinen Doppelpass mit Raphael Guerreiro gleich drei Schalker stehen gelassen und den Ball dann mit viel Gefühl an Schalkes Keeper Fährmann vorbei zum 2:1-Endstand ins lange Eck geschlenzt.
Auf dem Platz von Gefühlen übermannt
"Das war überragend gespielt und freut mich besonders für Jadon", zollte Marco Reus seinem jungen Mitspieler angesichts der Umstände höchsten Respekt. "Er hat eine starke Mentalität. Trotzdem so zu trainieren, trotzdem weiter zu lachen und fokussiert zu sein auf das Spiel, dafür muss man ihm ein Riesenkompliment machen." Auch Sportdirektor Michael Zorc war sichtlich beeindruckt: "Jadons Leistung ist umso höher zu bewerten, wenn man sieht, was er durchgemacht hat diese Woche."
Sancho selbst, auf dem Platz noch von seinen Gefühlen übermannt, widmete den Siegtreffer nach dem Spiel seiner Oma: "Dieses Tor ist für meine Großmutter, die gestorben ist. Und dieses Tor ist für meine ganze Familie." Via Twitter unterstrich der junge Engländer noch einmal die enge Beziehung, die er zu seiner "Grandma" hatte: "Ich liebe Dich für immer. Ich weiß, dass Du von dort oben auf mich schaust und lächelst."
Jüngster Derby-Torschütze aller Zeiten
Dass Jadon Sancho trotz des Todesfalls auf Schalke überhaupt in der Dortmunder Elf gestanden hatte, war seine eigene Entscheidung. "Er ist erst Freitagabend zurückgekommen, aber er wollte unbedingt trainieren und spielen", erzählte Lucien Favre nach der Partie. Und wie der 18-Jährige dann aufdrehte, darüber konnte auch sein Trainer nur staunen. Denn Sancho ärgerte die Schalker mit seinen gefürchteten Tempodribblings ein ums andere Mal und wurde zum auffälligsten Spieler auf dem Platz. Zwar hielt er den Ball auch mal zu lang, verpasste den perfekten Moment für das Abspiel. Aber er verdrehte seinen Gegenspielern eben auch immer wieder die Füße, wenn er etwa Bastian Oczipka den Ball durch die Beine schob und dann vorbeizog.
Dortmunds Nummer sieben sorgte ständig für Gefahr, behauptete den Ball in der Offensive und bewies im entscheidenden Moment auch seine Effektivität. Sanchos Siegtor nach 74 Minuten war der erste Dortmunder Torschuss nach der Pause. Und zugleich ein Treffer, mit dem er Geschichte schrieb. Mit 18 Jahren, 8 Monaten und 13 Tagen ist der Engländer jetzt der jüngste Torschütze, der je für den BVB in einem Derby getroffen hat. Insgesamt hat er seine Bilanz in dieser Saison damit schon auf fünf Treffer und sechs Vorlagen geschraubt. Höchst beachtlich nicht nur für einen absoluten Youngster, sondern auch für einen Spieler, der in den ersten Partien noch als Joker zum Einsatz kam.
Ein besonderer Triumph
Inzwischen ist der Jung-Nationalspieler aus der Startelf der Borussia kaum noch wegzudenken. Dass dieser Triumph beim ungeliebten Erzrivalen auf Schalke aber auch für ihn etwas Besonderes ist, das sah man ihm dann nach dem Abpfiff an. Als die ganze Mannschaft in die Dortmunder Kurve lief, um sich von den Fans gebührend feiern zu lassen, da war auch Jadon Sancho trotz der schweren, letzten Tage ausgelassen mit von der Partie. Fast übermütig sprang er Manuel Akanji auf den Rücken, brüllte seine Freude laut hinaus und strahlte in diesem Moment über das ganze Gesicht. Seine Oma dürfte da von oben tatsächlich gelächelt haben.
Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte
