Köln - Der 1. FC Köln hat am späten Samstagnachmittag die sechste Jahreszeit eingeläutet. Nach dem 2:0-Sieg des FC gegen den 1. FSV Mainz 05 und der direkten Qualifikation für die Europa League befindet sich die Domstadt im Ausnahmezustand. Mitten im Mai feiern die Menschen wie am Rosenmontag und lassen ihren Verein hochleben, der erstmals seit 25 Jahren wieder international spielen wird.

>>> Hol dir jetzt die offizielle Bundesliga-App

"Europapokaaal! Eines Tages, eines Tages wird's geschehen und dann fahren wir nach Mailand, um den FC Köln zu sehen!" Der Text des beliebten FC-Fanlieds zierte die T-Shirts, die sich Mannschaft, Trainer und Betreuer unmittelbar nach dem größten Triumph einer Kölner Mannschaft im letzten Vierteljahrhundert überstreiften. Danach ging die große Sause los, die ausgelassen, emotional und auch voller Situationskomik war.

Standhafter Ordner erschwert Projekt Bierdusche

Denn das Unternehmen Bierdusche für den Trainer gestaltete sich komplizierter als erwartet. Die Spieler wollten ihren Coach auf der Pressekonferenz überfallen, scheiterten jedoch an einem standhaften Ordner, der sich den teilweise nur spärlich bekleideten Kickern in den Weg stellte. "Hier kommt keiner durch", sagte er barsch. Der Security Mann erinnerte dabei fast ein wenig an einen Kölner Bürgermeister beim Rathaussturm, der den Schlüssel nicht rausrücken will.

Schließlich schlichtete FC-Geschäftsführer Alexander Wehrle die Situation, die Spieler konnten passieren, fanden Peter Stöger aber noch gar nicht im Raum vor. So lümmelten sie sich in die erste Reihe, warteten und versteckten dabei so gut es ging den in übergroßen Kölschenstangen mitgebrachten Gerstensaft. Dann erschien der Österreicher, der ein kurzes Statement abgab und weitere Fragen im Wissen um das Unvermeidliche abblockte.

>>> Alle Infos zu #KOEM05 im Matchcenter

Gelassen ließ der Österreicher die Bierdusche über sich ergehen, um aber umgehend zu scherzen: "Nächstes Jahr sind maximal fünf Spieler dieser Mannschaft noch dabei." Spätestens in diesem Moment war bei allen Beteiligten die Anspannung vergessen, die vor allem in der ersten Spielhälfte des Finales um Europa spürbar gewesen war. Die Mainzer kickten nett mit und boten weitgehend körperlosen Sommerfußball, die Kölner agierten eher gehemmt. Verständlich, denn es stand viel auf dem Spiel.

"Wir haben das Optimum herausgeholt"

"Es war eine sehr spezielle Situation, weil von Platz 5 bis 9 alles möglich war", sagte Stöger nach der überstandenen Spielerattacke. "Wir haben das Optimum herausgeholt. Nach einem Jahr in einer Situation zu sein, in dem durch ein Spiel alles richtig scheiße hätte werden können, war schwierig. Es hätte keinen interessiert, wenn du nach einem verpassten Sieg gesagt hättest, dass sich die Mannschaft weiterentwickelt hat."

Die Enttäuschung über eine verpasste Chance hätte riesengroß sein können, die Bewertung der Saison eine völlig andere werden können. Auch ohne Europa League hätte Stöger aber die dritte Spielzeit nach dem Wiederaufstieg positiv bewertet. "Wir haben einen weiteren Schritt gemacht und dazu gelernt", meinte der Coach. "Wir sind keine Mannschaft für Platz 5, aber wir haben die Situation ausgenutzt. Wir haben unsere Probleme vielleicht ein bisschen besser kaschieren und korrigieren können. Darauf sind wir stolz."

Rheinische Konkurrenz abgehängt

Die Fans honorierten das erst im Stadion und dann in der Innenstadt. Autokorsos fuhren die Kölner Ringe rauf und runter, in den Kneipen steppte der Bär. Die Abschlusstabelle dieser Saison 2016/17 dürfte von vielen Anhängern fein säuberlich ausgeschnitten, gerahmt und an die Wohnzimmerwände gehängt werden. Auf der steht schwarz auf weiß, dass der 1. FC Köln Fünfter geworden ist und die rheinischen Konkurrenten von Borussia Mönchengladbach und Bayer 04 Leverkusen um Längen abgehängt hat. In der neuen Spielzeit touren die FC-Fans durch Europa, während die anderen zuhause bleiben müssen.

Video: Modeste - Torjäger mit Humor

Auf die Partien in der Europa League freut sich auch Matthias Lehmann, der auf seine alten Tage erstmals international spielen wird. "Das wird mit Sicherheit das absolute Highlight meiner Karriere. Da sind mir auch die Flüge egal. Das übertrumpft alles", meinte der bekanntlich unter Flugangst leidende Mittelfeldspieler. Emotional überwältigt war auch Anthony Modeste. Er wurde von den Fans minutenlang hoch über ihren Köpfen durchs Stadion getragen. Als er die Absperrung zur Umkleide erreichte, liefen ihm Tränen übers Gesicht.

>>> Timo Horn im Interview: "Werden eine Woche durchfeiern"

"Unglaublich, so eine Stimmung habe ich auch noch nicht erlebt", strahlte Flügelflitzer Konstantin Rausch. "Man hat sich fast weniger für sich gefreut, als für die Fans da draußen. Damit rechnet man erstmal nicht. Ich bin unglaublich glücklich, den Menschen in Köln den Wunsch erfüllen zu können, auf den sie so lange gewartet haben." Die gleiche Erfahrung machte auch Leonardo Bittencourt.

Dank an die Fans

"Es geht einem das Herz auf, wenn man diesen Fans in die Augen schaut und sieht, was ihnen unser gemeinsamer Erfolg bedeutet", sagte der 23-Jährige. "Wir müssen uns bei ihnen bedanken. Wir sind ein Kollektiv. Sie haben genauso ihren Anteil wie wir. Jetzt feiern wir alle zusammen, dass wir nächstes Jahr die internationale Bühne rocken." Die Dauerfete wird sicherlich noch das ganze Wochenende andauern, die sechste Jahreszeit dürfte legendär werden.

Aus Köln berichtet Tobias Gonscherowski